weather-image
17°
×

Was ist der rechte Glauben – „starre katholische Tradition“ oder „Kargheit des Protestantismus“?

Gegen das „große Gähnen“ der heutigen Zeit

Rinteln (cok). Eine wahre Predigt war es, die der ehemalige Benediktinermönch und emeritierte Professor für Religionspädagogik Fulbert Steffensky (76) im Johannis-Kirchzentrum hielt. „Gott ist auch mit dem halben Herzen zufrieden“, sagte er, um die zahlreichen Besucher des „Rintelner Abendgesprächs“ dazu zu ermuntern, mit der Kritik an den oft starren Traditionen der katholischen Kirche nicht zugleich auch alle „Gehhilfen für das schwache Glaubensherz“ über Bord zu werfen.

veröffentlicht am 02.05.2010 um 17:50 Uhr
aktualisiert am 06.11.2016 um 11:41 Uhr

Die Kinder von heute – gerne brachte der Mann der verstorbenen Theologin Dorothee Sölle seine Enkelkinder ins Spiel – wüchsen sicher viel freier auf als er damals auf dem katholischen Dorf. Doch stünden sie und ihre Generation unter dem Zwang, sich wie aus dem Nichts heraus neu zu erfinden, aus eigener Kraft und ohne Rückhalt in fraglos hingenommenen Traditionen.

„Heute ist das Pathos der Religion schwach geworden und die Stimmen der Toten leise“, sagte er nicht ohne Bedauern. Der Glaube sei entzaubert und diese Entzauberung brächte das „große Gähnen“ mit sich.

So wichtig der „anarchistische“ Grundgedanke der Reformation auch sei, dass nicht gute Taten, Gebetsformeln und Ablässe den Menschen erlösen, sondern allein Gottes Gnade, diese „Kargheit“ des Protestantismus führe dazu, dass es keinen Vermittler mehr gebe zwischen dem Einzelnen und seinem Gott, keine religiösen Wegweiser, keine Techniken, die auch dann den Glauben bewahren, wenn man sich in Momenten der Schwäche vom Glauben entfernt.

Mit diesen Worten hatte Steffensky nicht vor, die evangelisch Gläubigen unter den Zuhörern zum katholischen Glauben zu bekehren. Er selbst war 1969 nach 13 Jahren Klosterleben zum lutherischen Bekenntnis konvertiert. Er sehe aber, dass es den meisten Menschen nicht genüge, allein Herz und Gewissen zum dramatischen Ort des Glaubens zu machen. Der Geist Gottes müsse auch in Äußerlichkeiten aufzufinden sein, wenn er in der Welt der Menschen Bestand haben soll.

Zur Illustration dieses Gedankens erzählte er von einem Pastor, der das Vaterunser nur dann mitbete, wenn er mit dem Herzen dabei sein könne. „Soll man eine augenblickliche Unlust zum Maßstab des Handelns machen?“, fragte Steffensky. So plädierte er dafür, die „Stimmen der Toten“ für sich sprechen zu lassen und an ihrem bewährten Glauben teilzuhaben. Sicher enthalte die Sprache der Bibel oft viel zu große Worte für den kleinen Glauben. Doch es sei eine Sprache, die die Toten „vorgewärmt“ hätten. „Ich bin nicht der Autor des Glaubens“, sagte er. „Die Beschränkung auf das, was man selber sagen kann, ist dürftig und buchhalterisch ist es, alles nur mit dem eigenen Verstand vertreten zu wollen.“

An dieser Stelle fragte der einstige Mönch verschmitzt: „Ist das zu katholisch?“ Natürlich müsse der trockene Buchstabe immer neu mit Leben erfüllt werden, und dazu brauche es, mit Martin Luther gesprochen, den rechten „Glaubensverstand“. In diesem Sinne fordert Steffensky ein gemeinsames Abendmahl zwischen evangelischen und katholischen Christen auf dem kommenden Ökumenischen Kirchentag.




Anzeige
Anzeige
Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Anzeige