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„Bürgerinnen und Bürger“ ist die Regel

Gender-Erlass: Stadt Rinteln geht den Weg nicht mit

RINTELN. Wenn der Ministerpräsident seine eigene Landeshauptstadt maßregelt, dann muss wirklich Dampf im Kessel sein. Seit dem Gender-Erlass aus Hannover, laut dem künftig nicht mehr nur Männer und Frauen, sondern auch etwaige andere Geschlechter und Identitäten angesprochen werden müssen, schlagen die Wellen hoch.

veröffentlicht am 28.01.2019 um 16:40 Uhr

Rintelns Bürgermeister Thomas Priemer will den Gender-Erlass aus Hannover nicht für die Verwaltung der Weserstadt übernehmen – höchstens, wenn er dazu rechtlich verpflichtet wird. Foto: tol
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Jakob Gokl Stv. Chefredakteur zur Autorenseite
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Selbst Stephan Weil (SPD) mahnte an, die SPD-geführte Landeshauptstadt solle sich nicht zu weit von der Alltagssprache der Bürger entfernen.

So soll nämlich künftig die Formulierung „Sehr geehrte Bürgerinnen und Bürger“ vermieden werden – im Publikum könne sich ja jemand befinden, der sich den beiden Geschlechtern nicht zugehörig fühlt. Bei Stellenausschreibungen muss mittlerweile flächendeckend „m/w/d“ hinten angehängt werden – „d“ steht dabei für divers.

Einen Schritt, den Rintelns Bürgermeister Thomas Priemer nicht mitgehen wird. Oder nur, wenn er dazu rechtlich verpflichtet ist. „Hannover kann das ja so machen“, wird Priemer deutlich, „aber solange wir keine verbindlichen Vorschriften haben, die uns eine andere Arbeitsweise ausdrücklich vorschreiben, bleiben wir dabei. Wir schreiben so, wie es die Rintelner Bürgerinnen und Bürger am besten verstehen.“

Auch Gleichstellungsbeauftragte Claudia Zehrer hält persönlich nichts vom berühmten „Gender-Sternchen“. Die Lesbarkeit leide darunter zu stark. In Rinteln gebe es seit Jahren die Regelung, dass man nach Möglichkeit beide Geschlechter ausschreibt. Also „Ingenieurinnen und Ingenieuren“ statt, wie künftig in Hannover, von „der*die Ingenieur*in“. „Und dabei soll es nach derzeitigem Stand auch bleiben“, sagt Zehrer. Allerdings: „Wenn wir tatsächlich Rückmeldungen von jemandem bekommen, der so angeschrieben wurde und sich beschwert, dann würden wir das noch mal diskutieren.“

Grundsätzlich sei der Gebrauch einer gegenderten Sprache wichtig. „Damit sich alle angesprochen fühlen.“ Viele Frauen fühlten sich bei Stellenanzeigen, wo ausschließlich die männliche Form benutzt werde, übergangen. „Manche bewerben sich dann gar nicht“, so Rintelns Gleichstellungsbeauftragte.

Zwar kontrolliere sie nicht jeden amtlichen Schriftverkehr darauf, dass auch tatsächlich Frauen und Männer genannt würden, aber wenn sich jemand beschwere, wolle sie auch abermals auf die Regelung drängen. „In meiner Amtszeit hat sich aber noch niemand gemeldet.“

Wie aber soll konkret mit Menschen umgegangen werden, die sich weder männlich noch weiblich fühlen? „Das ist nicht so einfach.“ Natürlich wolle man so formulieren, dass sich alle angesprochen fühlen. Aber bei der Diversität wolle sie erst einmal abwarten, welche Rückmeldungen es gibt. „Ich habe damit noch keine Erfahrungen gemacht“, so Zehrer.

Ähnlich wie in Rinteln sieht die Situation auch beim Landkreis Schaumburg aus. Die Gleichstellungsbeauftragte Nadine Pasel erklärt, dass man es im Wesentlichen handhabe wie die Weserstadt. Auch über eine Schreibweise mit Sternchen habe man länger debattiert. „Aber der Hintergedanke war, wie praktikabel das dann tatsächlich ist.“ Nicht jeder kenne diese Formulierung oder könne sie aussprechen. Damit gingen „viele Unsicherheiten einher“.

Pasel ist auch noch nicht glücklich mit der neuen Regelung für Stellenausschreibungen. Dass jetzt wieder die männliche Form genannt, und danach einfach ein „m/w/d“ dahintergehängt werde, ist für Pasel keine schöne Lösung. „Wenn das nicht gut abgefangen wird, ist das ein Rückschritt.“ Sie schlägt vor, dass man grundsätzlich das unterrepräsentierte Geschlecht zuerst nenne – bei Sozialpädagogen also die männliche Form, beim Hausmeister dann die weibliche Form.




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