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Du pochst an die Weltordnung, Willem

Großartige Lesung der „Lesefreunde“ zur Bücherverbrennung von 1933

RINTELN. Wie es wohl in Rinteln zuging, als auch hier Bücher „wider den undeutschen Geist“ verbrannt wurden, und zwar schon am 14. März 1933, einen Monat, bevor deutschlandweit die Bücher jüdischer und politisch unliebsamer Autoren aus den Bibliotheken und Buchläden entfernt und bei makaber mystischen Aktionen ins Feuer geworfen wurden?

veröffentlicht am 15.04.2018 um 17:03 Uhr
aktualisiert am 15.04.2018 um 18:20 Uhr

Die „Rintelner Lesefreunde“ (v. li.): Uta Fahrenkamp, Ruth Berlik, Hartmut Mühlhoff, Helga Frevert, Ursula Mühlenhoff, Rolf Schulz und Paul-Egon Mense. Foto: pr
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Cornelia Kurth Reporterin zur Autorenseite
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Die „Rintelner Lesefreunde“ erinnerten am Wochenende mit einer Lesung an die Bücherverbrennungen in Nazideutschland und beeindruckten die vielen Zuhörer in der Stadtbibliothek mit Texten und Porträts von Schriftstellern, deren Werke zum Glück nicht aus der Kulturgeschichte auszumerzen waren.

Im Nachhinein scheint es kaum zu fassen zu sein, dass es Studenten und Professoren waren, die in so kurzer Zeit nach der „Machtergreifung“ diese durchkomponierte Propaganda-Aktion auf die Beine stellten und dabei fast alles, was in der deutschen Literatur Rang und Namen hatte, auf die schwarze Liste setzten: Franz Kafka, Kurt Tucholsky, Carl Zuckmayer mit seinem „Hauptmann von Köpenick“, und Heinrich und Thomas Mann waren ebenso vertreten wie die Dichterin Mascha Kaléko, die Friedensnobelpreisträgerin von 1905, Bertha von Suttner, oder auch Hans Fallada. Erich Kästner, ebenfalls verfemt, beobachtete in Berlin, wie seine Bücher brannten. Da hatte er bereits „Emil und die Detektive“, „Pünktchen und Anton“ und den „Fabian“ veröffentlicht, er war berühmt und beliebt in Deutschland, und trotzdem jubelten die Massen, als sein Name genannt wurde.

Später schrieb er dazu – auch das lasen die Lesefreunde vor: „Es ist ein merkwürdiges Gefühl, ein verbotener Schriftsteller zu sein und seine Bücher nie mehr in den Regalen und Schaufenstern der Buchläden zu sehen. In keiner Stadt des Vaterlands. Nicht einmal in der Heimatstadt. Nicht einmal zu Weihnachten, wenn die Deutschen durch die verschneiten Straßen eilen, um Geschenke zu besorgen.“

Die Lesung „Verbrannte Bücher“ hatte auch einen aktuellen Bezug. Der Nationalismus, der sich in den „Feuersprüchen“ ausdrückte, den vorgegebenen Parolen, die damals an den Scheiterhaufen ausgerufen wurden, konnte unheimlich bekannt erscheinen: „Gegen Dekadenz und moralischen Verfall! Für Zucht und Sitte in Familie und Staat!“ Oder: „Gegen Verfälschung unserer Geschichte und Herabwürdigung ihrer großen Gestalten, für Ehrfurcht vor unserer Vergangenheit!“ Oder auch: „Gegen Gesinnungslumperei und politischen Verrat, für Hingabe an Volk und Staat!“ Geschickt konterkarierten die Lesefreunde diese „Feuersprüche“ mit den Texten, die sie vortrugen und die aus dem literarischen Bewusstsein der Deutschen nicht wegzudenken sind.

Paul-Egon Mense etwa konnte mit einem Auszug aus dem „Hauptmann von Köpenick“ zutiefst berühren, wie er die Verzweiflung des „Hauptmanns“ vortrug, der ohne Aufenthaltsgenehmigung keine Arbeit und ohne Arbeit keine Aufenthaltsgenehmigung bekommt. „Du pochst an die Weltordnung, Willem. Det is Versündigung“, sagt der Freund. Das ist kurz bevor der Wilhelm sich eine Uniform schnappt, um sich die nötigen Papiere selbst zu besorgen.

Die „Rintelner Lesefreunde“ – das sind Uta Fahrenkamp, Helga Frevert, Ruth Berlik, Hartmut Mühlhoff, Ursula Mühlenhoff, Rolf Schulz und Paul-Egon Mense – können allesamt so gut vorlesen, dass das dreistündige Programm zu einer unterhaltsamen und eindringlichen Lehrstunde wurde – über die großartige deutsche Literatur und über die Gefährdungen, denen das freie Denken ausgesetzt sein kann. Zum Schluss brachten sie noch mal ein Zitat von Erich Kästner: „Man darf nicht warten, bis der Freiheitskampf Landesverrat genannt wird. Es ist eine Angelegenheit des Terminkalenders, nicht des Heroismus.“

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