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Heftiger Niederschlag und Sturzflut

Hochwasser in Rinteln: Die Nacht des Schreckens

RINTELN. Das, was Rinteln am Abend des 11. Juni 1937 erlebt hat, lässt sich nur als Nacht des Schreckens bezeichnen: In einer einzigen Nacht kommt heftiger Niederschlag herunter, die normalerweise träge Exter verwandelte sich binnen Minuten in eine tosende Sturzflut. Es kommt zu dramatischen Ereignissen:

veröffentlicht am 20.05.2019 um 14:37 Uhr
aktualisiert am 20.05.2019 um 18:30 Uhr

Nach dem Sturzregenereignis im Juni 1937 ist von der Exterbrücke nicht mehr viel übrig. Foto: Archiv/Bernd Scholten
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Autor

Ortrud Büthe Redaktionsassistentin
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Hochwasser ist und bleibt ein Dauerthema: Eine „Leader+“-Studie, im Jahr 2009 durchgeführt (wir berichteten), kam zu dem Schluss, dass Maßnahmen wie Durchlasserweiterungen, Abgrabungen, partielle Tieferlegung des Flussbettes, Rückhaltebecken oder Entlastungskanäle nur geringfügige Entlastungen brächten. Fazit der Planer: Die Bürger müssten mit dem Hochwasser leben und versuchen, sich selbst so gut wie möglich zu schützen. Ein neues Hochwasserschutzkonzept soll die Weserstadt vor extremen Pegelständen bewahren. So wie am Abend des 11. Juni 1937, als eine besonders katastrophale Überschwemmung über Rinteln hereinbrach.

Menschen, die im Sonnenschein am Abgrund einer abgebrochenen Brücke stehen. Der Querschnitt durch die Schichten des Bauwerkes zeigt deutlich, dass sich eine zerstörerische Kraft vor nicht allzu langer Zeit daran zu schaffen gemacht haben muss. Die Szenerie ist zu sehen auf einem vergilbten Foto aus den Dreißigerjahren, das betitelt ist mit „Unwetter“.

Der Leiter des Museums Eulenburg, Stefan Meyer, sagt auf Anfrage dazu, es handele sich „wahrscheinlich um die Exter-Brücke zwischen Krankenhagen und Uchtdorf nach dem Sturzregenereignis im Juni 1937“. Meyer schildert: „Nach schwüler Hitze mit 37 Grad im Schatten ging in den Abendstunden ein verheerender Wolkenbruch nieder. In einer einzigen Nacht fielen 128 Millimeter Niederschlag – so viel wie sonst in zwei Monaten. Die normalerweise eher träge dahinfließende Exter verwandelte sich binnen Minuten in eine tosende Sturzflut und riss zahlreiche Brücken mit sich. Massive Mauern brachen, Häuser in Uchtdorf und Exten standen meterhoch unter Wasser, und in der Gaststätte Bögerhof stieg das Wasser so schnell, dass die Gäste nur noch auf die Tische steigen konnten.“

Besagte Gäste des Hotels sahen, wo sonst getanzt wurde, „im Saal große Forellen schwimmen“, ist im Bericht der Schaumburger Zeitung vom 12. Juni 1937 zu lesen. Die Fische stammten aus den zur Zeit der Katastrophe sehr gut belegten, überschwemmten Teichen.

Für Bauern ist die Flut besonders verheerend. Die Heuernte im Extertal ist vollständig weggeschwemmt. Zwar kann ein Teil des Viehs gerettet werden, „die vielen kleinen Schweine sind an Mehlaufzügen in die oberen Räume aufgezogen worden“, doch viele Tiere müssen in dem bis zu zwei Meter stehenden Wasser ertrinken.

Die Brücken im Extertal, die von den Fluten weggerissen wurden, wie die eingangs erwähnte auf dem Foto, werden noch längere Zeit als Zeugen der gewaltigen Verwüstung durch die Wassermassen in der Landschaft stehen. Einen gruseligen Anblick muss auch der Extertalbahnübergang beim Bahnhof Krankenhagen geboten haben, laut damaligem Chronisten ist der „vollständig unterspült – und die Schienen hängen in der Luft“.

Die Betonbrücke bei Fütig – zwischen Almena und Fütig – war zerstört, ebenso die massive Brücke in Nalhof, und, so der Bericht weiter: „Die starke Steinbrücke vor Uchtdorf ist glatt weggerissen.“

Gefahr bestand für alle, die sich in jener Nacht nicht rechtzeitig in Sicherheit brachten: „Ein Kutschwagen wurde von den Fluten erfasst und ein Stück stromab getrieben, bis er an Bäumen hängen blieb“, heißt es im Bericht unserer Zeitung, wo auch vom Bauern Redeker erzählt wird, der selbst in Lebensgefahr geschwebt habe, „als er seine Pferde in einen höher gelegenen Ortsteil bringen wollte, und in der starken Strömung an der Kurve bei Gastwirt Stock, wo das Wasser anderthalb Meter hoch die Straße überschäumte, (...) abgetrieben wurde“. Er habe nur durch den beherzten Einsatz von Nachbarn und anderen Helfern gerettet werden können.

Die Kernstadt war ebenfalls betroffen: „Auch das Exterfeld vor Rinteln wurde bis vor die Wälle überflutet“, weiß Museumschef Meyer. „Am Durchlass an der Ritterstraße strömte das Wasser kurze Zeit sogar in die Altstadt.“

Das Unwetter forderte in Hohenrode ein Menschenleben. Der 17-jährige Wilhelm Wenthe ertrank in den Fluten der Weser, als das Gewitter losbrach. Wenthe wollte noch schnell mit seinen Kameraden zum anderen Ufer zurückschwimmen. In der Mitte des Flusses verließen ihn die Kräfte, seine Kameraden versuchten erfolglos, ihn zu retten.

Stege und kleine Brücken wurden außerdem in Eisbergen von den Wassermassen weggerissen. Dort wurde auch ein fortgeschwemmtes Auto beklagt. „Der Autofahrer Buchmeier stellte für Minuten seinen Sechssitzerwagen auf eine überspülte Straße“, lautet die Meldung, „um eben in ein Haus zu treten. In dieser kurzen Zeit wurde der schwere Wagen weggespült.“

Information

Um künftig gegen extreme Hochwasser gewappnet zu sein, hat die Stadt Rinteln gemeinsam mit den örtlichen Rettungskräften jetzt ein Schutzkonzept verabschiedet, das bei Hochwassern ab Pegelständen von 6,90 Metern greift (wir berichteten). Dies beschreibt unter anderem, wie sich die Einsatzstäbe zusammensetzen, wie welche Straßen gesperrt und Häuser, Einrichtungen sowie Bauernhöfe evakuiert werden. Darin ist außerdem festgehalten, über welche Fahrzeuge und Gerätschaften Feuerwehr, THW, DRK und Polizei sowie Bauhof derzeit verfügen, und welche Ausstattung innerhalb der nächsten Jahre noch angeschafft werden muss. mld




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