weather-image
29°
Einkaufsfreundschaften

Im WEZ an der Kasse: Annegret Huss erzählt aus ihrem Alltag

RINTELN. Der Fisch ist schuld, dass Annegret Huss Kassiererin ist im WEZ und nicht Verkäuferin an der Frischetheke. „Ich liebe es, Käse zu verkaufen und die Kunden zu beraten“, sagt sie. „Aber ich hasse Fisch, und der ist nun leider an der Frischetheke immer dabei.“

veröffentlicht am 18.06.2018 um 14:50 Uhr
aktualisiert am 18.06.2018 um 23:30 Uhr

Annegret Huss an ihrem Arbeitsplatz. Foto: cok
ri-cornelia2-0711

Autor

Cornelia Kurth Reporterin zur Autorenseite
Weiterlesen für 20 Cent oder mit Ihrem Digital-Abo
Sie haben bereits ein Digital-Abo der SZ/LZ? Dann melden Sie sich hier mit Ihren SZ/LZ -Login an und lesen Sie den Text, ohne Ihn bei LaterPay bezahlen zu müssen.

So also sitzt sie an der Kasse, fast vom ersten Moment an, als das WEZ vor 27 Jahren an der Detmolder Straße eröffnete. „Und, na ja, natürlich habe ich mich daran gewöhnt.“

Das WEZ in Rinteln ist eher gemütlich und jedenfalls kein riesiger, anonymer Supermarkt, in dem die Kunden kaum wahrnehmen, wer sie bedient. Auch die Kassiererinnen kennen die meisten der Menschen, die ihre Ware auf das Förderband legen. „Mit der Zeit entstehen richtige kleine Freundschaften“, meint Annegret Huss. „Einkaufsfreundschaften.“ Man fragt: „Wo ist denn heute Ihre Frau“ oder „Wie geht’s?“, wenn man jemanden lange nicht gesehen hat. „Viel reden kann man natürlich nicht. Man spürt sofort, wenn in der Schlange Ungeduld aufkommt.“

Überhaupt, die Schlange an der Kasse: Vor der hatte Annegret Huss zu Anfang richtig Angst. Bevor sie im Rintelner WEZ begann, hatte sie unter anderem in der Käseabteilung des Bückeburger WEZ gearbeitet (ohne den Fisch), auch Brot und Kuchen angeboten und sich immer erfolgreich vor der Kasse gedrückt, „weil ich mich bewegen wollte“. Aber wegen der Abneigung gegen Fisch blieb in Rinteln nur die Kasse. „Hilfe, ich kann das nicht!“ – so ging es ihr in den ersten Tagen und sie fürchtete schon, das würde für immer so bleiben. Diese Zeiten der Unsicherheit sind – klar – längst vorbei. Trotzdem ist es erstaunlich, wie sensibel Annegret Huss auch heute noch auf unfreundliche oder gedankenlose Kunden reagiert.

„Nein, das ist nicht erstaunlich, das geht uns allen so, auch wenn wir es nicht zeigen“, wendet sie ein. Es gebe Menschen, die telefonieren ununterbrochen, während sie den Einkaufswagen ausräumen, wenn sie das Geld rausholen, das Wechselgeld in Empfang nehmen und sich dann abwenden. „Wenn jemand ohne zu grüßen, ohne zu gucken das Geld rüberschmeißt, als säße da nicht ich, sondern eine Maschine, das empfinde ich als respektlos“, sagt sie. „Manche reichen nur wortlos ihre Bankkarte rüber. Was hindert sie daran, direkt zu sagen, dass sie mit Karte zahlen möchten?“

Wenn Annegret Huss so von ihrem Arbeitstag erzählt – mit einem Lächeln übrigens –, kann man glatt ein schlechtes Gewissen bekommen. Es gibt ziemlich viele Dinge, die fast jeder Kunde schon mal gemacht hat und die für die Kassiererin gar nicht so schön sind. Das wären zum Beispiel: Von der Seite eine Ware hinzuhalten und zu fragen, was sie kostet; von hinten zu rufen, wo man die „blaue Packung“ findet („Woher soll ich das wissen?“); etwas fallen zu lassen und sagen, man soll eben jemanden rufen, der das wegmacht, statt sich zu entschuldigen; das Geld erst dann widerwillig aus den Tiefen der Taschen zu pfriemeln, wenn längst alles eingescannt ist; und schließlich noch diese Frage: Sie Arme, Sie müssen bis 20 Uhr noch arbeiten? „Warum sollte ich denn nicht so lange arbeiten“, sagt Annegret Huss. „Das ist mein Job!“

Und Annegret Huss liebt ihren „Job“, auch wenn sie die lange Kritikliste problemlos noch länger machen könnte. Sie liebt auch die Kunden, alles in allem, und ist sehr nett gerade zu den alten Menschen oder solchen, die sozial etwas aus dem Rahmen fallen. „Überhaupt – ich behandle alle so, wie ich selbst behandelt werden möchte“, sagt sie.

Sie glaube an Engel, das sagt sie auch, und dass ihr schon manchmal ein Engel in Gestalt eines liebenswerten Kunden erschienen sei. Sicher ist, dass auch sie mit ihrer humorvollen, hilfsbereiten Art in den Augen einiger Kunden ein Engel ist, nicht nur bei den alten Menschen, mit denen es ihr immer irgendwie gelingt – Schlange hin, Schlange her – eine kleine Plauderei einzulegen. Eigentlich hat Anne Huss einen Doppel-Nachnamen: Engelke-Huss. Das passt.

Mehr Artikel zum Thema
Anzeige
Anzeige
Kommentare