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Boom in der Hörgeräte-Branche

Immer mehr Menschen brauchen Hilfe vom Akustiker

RINTELN. Die Technik geht in Riesenschritten voran. Hörgeräte werden ständig besser. Bis zu 4000 Euro kann man für ein erstklassiges Hörgerät ausgeben. Denn Hightech leistet Erstaunliches.

veröffentlicht am 26.12.2018 um 17:06 Uhr

Hightech leistet Erstaunliches: Hörgeräte sind Hochleistungscomputer im Miniformat. Foto: tol
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Hans Weimann Reporter
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RINTELN. Er war fast wie in dem berühmten Witz mit den beiden Fahrradfahrern: „Mein Schutzblech klappert.“ „Was hast du gesagt, ich kann dich nicht verstehen, dein Schutzblech klappert.“ Im trauten Familienkreis, umringt von ihren Töchtern und Enkeln, kapierte die 89-jährige Margret S. aus Exten nur noch Bahnhof. Und das trotz ihres Hörgerätes. Zu viele Stimmen durcheinander. Man musste sie direkt ansprechen, damit sie verstand, was man ihr sagen wollte. Es war für ihre Kinder überraschend zu erleben, wie sehr es einen Menschen isoliert, wenn er einer Unterhaltung nicht mehr folgen kann.

Warum man trotz Hörgerät in einer großen Runde nicht mitreden kann, weil man nichts versteht, darauf haben Akustiker eine einfache Antwort. Es gibt auch bei Hörgeräten Polo oder Mercedes. Einfache Hörgeräte (mit geringer Zuzahlung) dienten eben nur der „Grundversorgung“. Wie immer man das auch definiert.

Und die Technik geht in Riesenschritten voran. Hörgeräte werden ständig besser. Bis zu 4000 Euro, schilderte Jörg Reinecke von Akustik-Weyrauch, kann man für ein erstklassiges Hörgerät ausgeben. Denn Hightech leistet Erstaunliches. Hörgeräte sagt Reinecke, sind Hochleistungscomputer im Miniformat. Das Mikrofon kann Geräusche gezielt herausfiltern, 360 Grad erfassen. „Sie können so ein Gerät per Handy steuern und das Handy als externes Mikrofon auf den Konferenztisch legen.“ Moderne Hörgeräte mit Lithiumbatterien lassen sich heute in einer Ladestation aufladen, die drei Tage hält und in die Tasche passt.

Doch eines nimmt die Technik aber keinem Nutzer ab: Man muss Hören neu erlernen. Hören bedeutet eben auch ständige Denkleistung.

Weil sich die 89-jährige Seniorin bald nicht einmal mehr traute, mit dem Nachbarn zu reden, wenn sie ihre Mülltonne vors Haus stellte, aus Angst, den Mann falsch zu verstehen, machten die Kinder Druck: „Du brauchst ein neues Hörgerät.“ So wandte sich die Seniorin schließlich an ihre Ersatzkasse.

Frustrierende Antwort der zuständigen Geschäftsstelle in Hannover: Darauf müsse sie noch acht Monate waren. Denn Hörgeräte würden nur alle sechs Jahre bezuschusst.

Die alte Dame ist seit 70 Jahren Mitglied bei dieser Ersatzkasse. Sie hat der Kasse noch keine großen Kosten verursacht, weil sie für ihr Alter topfit ist. Und in ihrem Alter zählt jeder Monat.

Drei Argumente, die die Kasse wohl bewogen haben, einem neuen Gerät zuzustimmen. Sogar die Landesgeschäftsführerin und das Hilfsmittelzentrum in Wuppertal schalteten sich ein. Man einigte sich auf eine Kulanzregelung mit verringertem Eigenanteil.

Akustiker Reinecke sagt, die Zahl der Menschen, die ein Hörgerät brauchen, sei in den vergangenen Jahren sprunghaft gestiegen. Und er nennt Gründe: Die Disco-Generation komme in das Alter, wo es sich rächt, nächtelang neben der Bassbox gestanden zu haben.

Auf der anderen Seite habe man in Industriebetrieben den Lärmschutz nicht allzu ernst genommen. Bei ihm habe sich jüngst ein 59-jähriger Mann zum Hörtest gemeldet, der in einer Metallstanzerei bei 150 Dezibel gearbeitet hatte: „Da helfen auch Mickey-Mäuse auf den Ohren nicht mehr.“ Gleichzeitig seien die Ansprüche im Alltag gestiegen, in vielen Berufen könne man es sich nicht mehr leisten, schlecht zu hören.

Die meisten kämen erst zu einem Hörtest, schildert Reinecke. Einfach, weil es ein niederschwelligeres Angebot ist, als sofort zum Arzt zu gehen: „Wir schauen den Kunden dann natürlich auch in die Ohren, schlechtes Hören könnte ja auch eine andere Ursache haben. Und wir schicken unsere Kunden zum Arzt, wenn sich Hörprobleme beim Test herausstellen. Der Arzt entscheidet dann, wie es weitergeht.“

In Rinteln gibt es keinen HNO-Arzt mehr, nachdem Heinrich Dick seine Praxis im ehemaligen Krankenhaus in der Nordstadt geschlossen hat und mit im HNO-Zentrum Bückeburg tätig ist.

Heike Sander, Landeschefin der Barmer Ersatzkasse, nannte Zahlen, die illustrieren, wie Hörschäden zugenommen haben. Die Barmer gebe für die Versorgung mit Hörhilfen rund sieben Millionen Euro im Jahr aus. Die Zahl der 15- bis 35-Jährigen, die auf Hörhilfen angewiesen sind, sei in den letzten fünf Jahren um ein Drittel gestiegen. Für eine Früherkennung gibt es auf der Homepage der Kasse sogar einen Mini-Hörtest (der nicht den des Akustikers ersetzt, aber einen ersten Hinweis gibt).

Eine Antwort auf den gestiegenen Bedarf ist auch der Boom in der Akustikbranche. Allein in Rinteln gibt es in der Fußgängerzone vier Akustiker. Erst im Sommer hat Benjamin Vetter als Start-up sein Hörgeräte-Geschäft eröffnet.

Die Bestätigung ihrer Ersatzkasse für die neuen Hörgeräte kam übrigens pünktlich zum 89. Geburtstag der Extenerin. „Mein schönstes Geburtstageschenk“, verriet sie und sie sei glücklich mit ihren „neuen Ohren“, wie sie die Hörgeräte scherzhaft nennt. Heute sei eine Unterhaltung im Familienkreis kein Problem mehr.




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