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„Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“

Komisch, aber furchtbar: Großes Theater im Brückentorsaal

RINTELN. Mit einer exzellenten Inszenierung des Theaterstücks „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ hat das „Münchener Tournee-Theater“ am Montagabend sein Publikum in den Bann gezogen.

veröffentlicht am 27.11.2018 um 15:00 Uhr
aktualisiert am 27.11.2018 um 18:30 Uhr

George ( Felix von Manteuffel) und Martha (Leslie Malton) . Foto: tol
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Cornelia Kurth Reporterin zur Autorenseite
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RINTELN. Nichts wie weg hier! Weg von George und Martha, ihren Schnapsflaschen und der Schlammschlacht ihres Ehekrieges. Doch die beiden brauchen Zuschauer, um zur Höchstform aufzulaufen. Sie brauchen Fußsoldaten, die sie vernichten, bevor sie sich selbst zerstören. „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ ist ein emotional ziemlich erschöpfendes Theaterstück, für die Beteiligten und für die Zuschauer.

Die exzellenten Schauspieler des „Münchener Tournee“-Theaters lassen nämlich von Beginn an keinen Zweifel, dass sie sich und alle Anwesenden auf geistreiche Weise quälen werden. Gin und Bourbon stehen bereit für die sowieso schon betrunkenen Protagonisten, und gleich der erste Schlagabtausch lässt die Routine erahnen, mit der sich George und Martha seit 20 Jahren das Leben zur Hölle machen. Ihre Gäste, das junge Paar Nick und Honey, benutzen sie, um eine neue Variante des alten Spieles einzuläuten.

Faszinierend, wie Felix von Manteuffel als Geschichtsprofessor George die Arena betritt mit der Ausstrahlung eines alten Kämpfers, der weiß, dass er nicht siegen kann, aber sein Leben teuer verkaufen wird. Ebenso faszinierend, wie es Leslie Malton gelingt, im Laufe des Stückes noch betrunkener und biestiger zu wirken, als sie es schon in der ersten Szene war.

Und doch kann da Urs Stämplis Schauspielkunst mithalten, der als junger Professorkollege beängstigend naiv glaubt, sein eigenes Spiel spielen zu können, bevor er in der Luft zerrissen wird. Von seiner süßen Frau Honey (Judith Hoersch) ist bereits abzusehen, dass sie künftig in ihrer Ehe nicht weniger frustriert sein wird als Martha. Der Alkohol fließt, die Gemeinheiten überstürzen sich, jede Lebenslüge wird erbarmungslos ans Licht gezerrt.

Man braucht kaum zu berichten, worum da eigentlich gekämpft wird. Es ist immer dasselbe. Jeder der Beteiligten wollte auf seine Art ein Held sein, und alle scheitern sie, in den Ansprüchen an ihre Karriere und Ehe, an ihre Aufrichtigkeit und Liebe, an ihre Demut und Nachsicht. Die anderen müssen nun so schwach wie möglich erscheinen, damit man selbst einen Rest Stärke verspürt.

Nick und Honey, noch ungeübt im Krieg, werden von George und Martha wie Waffen eingesetzt. Da sich beide Paare so ähnlich sind (sind sich alle Paare ähnlich?), verletzen sich die einen, indem sie die Illusionen der anderen zerstören. Das alles ist, wie es im Stück heißt, „komisch, aber furchtbar“. Und es führt zu nichts, jedenfalls nicht in der Inszenierung von Claudia Prietzel und Peter Henning.

1962, als Edward Albees berühmtes Sozialdrama in New York erstmals aufgeführt wurde, schimmerte noch ein durchaus hoffnungsvolles Ende durch. Aus der Aufdeckung aller Lebenslügen erwächst bei ihm die Chance eines Neubeginns. Die Münchener aber gehen den eingeschlagenen Weg konsequent zu Ende. Ihren Protagonisten sitzt als letzter Gesellschafter das Nichts gegenüber. Es war ein großartiger Theaterabend, der letzte im Brückentorsaal. Und ein erschöpfender.

Seine kommenden Veranstaltungen muss der Kulturring Rinteln verlegen: Das Neujahrskonzert findet am 20. Januar in der St.-Nikolai-Kirche statt. Die Theaterstücke am 2., 11. und 26. März 2019 werden jeweils in der Aula des Gymnasiums Ernestinum aufgeführt.




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