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Heinrich Lampe wird in Hohenrode heute 100 Jahre alt / Der elterliche Gutshof stand damals in Halberstadt

Landwirt zu sein, das war kein Beruf, das war sein Leben

Hohenrode (wm). Hundert Jahre alt, das ist noch immer eine magische Zahl. Es bedeutet, das kriegerische Zwanzigste Jahrhundert überlebt zu haben. Heinrich Lampe wird heute hundert. Er ist am 16. Juli 1912 in Halberstadt geboren. 1912 war das Jahr, in dem die Titanic unterging. Zwei Jahre später begann der Erste Weltkrieg.

veröffentlicht am 16.07.2012 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 02.11.2016 um 11:41 Uhr

Wer in einem großen landwirtschaftlichen Betrieb zur Welt kommt, für den war damals der Lebensweg vorgezeichnet. Heinrich war das dritte Kind, gleichzeitig der erste Sohn, Vater Leberecht Lampe betrieb in Halberstadt eine erfolgreiche Samenzucht und exportierte Gemüsesamen bis nach Frankreich.

So fing der Sohn nach Schule und Fachhochschule als staatlich geprüfter Landwirt auf dem elterlichen Gut an, dem Nikolaikloster, einst als befestigter Hof von den Truchsessen von Alvensleben gebaut.

Geld gab es nicht, dafür Kost und Logis, das war damals in Familienbetrieben üblich. Der Zweite Weltkrieg änderte alles. Heinrich Lampe war von Beginn an dabei. Kurz vor Kriegsende, am 26. November 1944 ist er für Volk und Vaterland gefallen. So stand es zumindest in einem handgeschriebenen Brief von Hauptmann Wassmann an die Familie in Halberstadt. Als Zugführer und vorbildlicher Kamerad sei Heinrich Lampe in Kroatien am Unterschenkel verwundet worden und in den Wirren des Rückzuges an der Ostfront umgekommen.

2 Bilder

Man kann sich die Erleichterung der Eltern vorstellen, als Heinrich wenige Wochen nach der Hiobsbotschaft vor der Tür stand. Verwundet zwar, aber lebend. Das Lazarett seiner Heimatstadt nahm ihn auf. Für ihn ein zweifacher Glücksfall. Denn eines Tages stand Edith an seinem Bett und überreichte dem Genesenden selbst gebackenen Kuchen. Ein Foto aus dem Lazarett gibt es noch. Edith war die Tochter des Eigentümers eines Gartenbaubetriebes, der mit den Lampes befreundet war.

Die beiden heirateten am 8. Juni 1946. „Das Brautkleid war geliehen, der schwarze Anzug kunstgestopft“, erinnert sich Edith Lampe heute noch, trotzdem sei es ein fröhliches Fest gewesen. Ein Jahr später wurde Tochter Elisabeth geboren.

Heinrich übernahm den Hof seines Vaters, den die russische Besatzung gezwungen hatte, den Betrieb abzugeben und gleichzeitig zu verkleinern. Die nächste Bodenreform, mit der aus dem Betrieb eine Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft, (LPG) werden sollte, wollte Heinrich Lampe nicht mehr akzeptieren, es wäre für ihn der Verlust der Selbstständigkeit gewesen. Die Familie flüchtete im Februar 1953 nach Berlin und Heinrich Lampe begann am Niederrhein von vorn. Nicht als Landwirt, sondern auf dem Bau. Zweieinhalb Jahre lang mischte er Mörtel und mauerte Wände hoch, bis er in Braunschweig einen großen landwirtschaftlichen Betrieb pachten konnte. So wurde der Samenzüchter für die nächsten 20 Jahre Spargel- und Gemüseanbauer. Der Absatz war kein Problem, die Konservenfabrik lag gleich nebenan. Im Winter, wenn kein Gemüse wuchs, mästeten die Lampes Bullen im Stall.

1962 kaufte die Familie einen Resthof an der Hünenburgstraße in Hohenrode und baute das Gebäude zu einem Mietshaus um. Seit 1975 lebt das Ehepaar in Hohenrode, wo Heinrich Lampe in den ersten Jahren noch Schafe gezüchtet hat.

Lampes elterlichen Hof in Halberstadt gibt es in dieser Form nicht mehr. Die Gebäude sind abgerissen oder zu Büros für eine Wohnungsbaugesellschaft umgebaut worden. Geblieben sind der Familie aus den Jahren in Halberstadt als Erinnerung Fotos mit Erntewagen, gezogen von Pferden, Fotos von Festen und von einer Schafherde, die Heinrich Lampe durch die Straßen zum Rittergut treibt.

Nach Öffnung der Grenzen und der Wiedervereinigung haben die Lampes ihren 60. Hochzeitstag in Halberstadt gefeiert und eine Museums-Straßenbahn für eine Rundfahrt gemietet.

Das Glück hat Heinrich Lampe nicht verlassen. Das Glück, das ist noch heute seine Frau, die sich liebevoll um ihn kümmert, unterstützt von Sabine Schmedecke aus dem Haus. Das möchte Edith Lampe deshalb ausdrücklich erwähnen, weil Nachbarschaftshilfe keineswegs mehr selbstverständlich sei.

Der Jubilar ist gesund, so gesund eben, wie man als Hundertjähriger noch sein kann. Beim Gehen hilft ein Stock, das Augenlicht hat nachgelassen. Der Lebensraum hat sich eingegrenzt auf Wohnung, Balkon und kurze Ausflüge mit Familie und Bekannten. Es ist ein Leben, in der sich die Vergangenheit, die Erinnerungen, machtvoll ins Bewusstsein drängen.

Seinen trockenen Humor, für den der Spargelbauer bei seinen Mitarbeitern beliebt war, hat er behalten. Ich sage, „vielen Dank für das Gespräch, ich gehe jetzt, bleiben Sie doch sitzen“. „Früher“, antwortet er, „hätte ich Sitzenbleiben aber nicht gern gehört.“

Wie wird man so alt? Mit Arbeit sagt seine Frau. „Auch mein Schwiegervater hat immer nur gearbeitet und mit dem Ertrag neues Land gekauft und damit noch mehr Arbeit. So ein Leben prägt. Auch unser Leben war Arbeit. Aber mein Mann hat das gern gemacht. Landwirt zu sein, das war für ihn kein Beruf, das war sein Leben.“

Heute gratulieren neben Tochter, deren Ehemann und dem weiteren großen Familienkreis auch zwei Enkelkinder und zwei Urenkel. Hundert Jahre, das ist die Alterselite in diesem Land. Heinrich Lampe gehört jetzt dazu.

Zwischen den Bildern oben und im Text liegt ein ganzes Leben: Heinrich Lampe in Halberstadt mit der Schultüte, dann rechts als bereits diplomierter Landwirt. Auf dem Bild in Schäferkleidung mit seinen Hunden. Die Schafzucht, das war seine besondere Profession. Als die Familie aus Halberstadt flüchtete, sei ihm nichts so schwer gefallen, wie die vielhundertköpfige Schafherde zurücklassen zu müssen. Foto/Repro: wm




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