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Von den Anfängen der städtischen Müllabfuhr

Mit dem Kummer-Wagen durch Rinteln

RINTELN. Der Beginn einer geordneten Müll-Entsorgung unter städtischer Obhut liegt in den Fünfzigerjahren. Zuvor waren private Unternehmer mit sogenannten Kummer-Wagen unterwegs, um den Unrat einzusammeln.

veröffentlicht am 29.01.2019 um 17:45 Uhr
aktualisiert am 29.01.2019 um 20:20 Uhr

Diente auch zum Abtransport von Müll, der noch in den Fünfzigerjahren hauptsächlich aus Asche bestand: Pferdewagen mit Kastenaufsatz des Kohlenhändlers Heinrich Welsch. Foto: Museum Rinteln
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Autor

Ortrud Büthe Redaktionsassistentin
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RINTELN. Die beiden ehemaligen Tongruben der Stadtziegelei sind nach Beendigung des Tonabbaus in den Fünfzigerjahren zu Mülldeponien umgewidmet worden und markieren damit sozusagen die Anfänge einer geordneten städtischen Müll-Entsorgung in Rinteln. In den Gruben landeten unverwertbare Abfälle wie Asche, Haushaltsbruch, Bauschutt und Straßenkehricht. Brennbarer Abfall wurde in Feuerstätten oder im Freien verbrannt.

Dabei hatte es in noch früheren Zeiten bereits Ansätze gegeben, die Beseitigung des Unrats unter städtische Kontrolle zu bringen. Von den Anfängen der Müllabfuhr wird in den Schaumburger Heimatblättern (Beilage zur SZ Nr. 8, 25. Februar 1939) berichtet. Es begann mit dem städtischen „Kummer-Wagen“, einem Pferdewagen mit Kastenaufsatz, der Ende des 18. Jahrhunderts für „Ordnung und Reinlichkeit der Gassen“ sorgen soll: „Es ist ein gewisser Wagen angeschafft und ein Führer desselben bestellt worden, durch welchen die ganze Stadt wöchentlich einmal gereiniget werden soll.“

Das Blatt informiert außerdem ausführlich über die neuen Bürgerpflichten, „wenn der Kummer-Karren herumfährt“. Die städtische Runde sollte nicht nur der Reinigung, sondern außerdem der Überprüfung der Anwohner dienen, ob diese ihren Pflichten in puncto Müllvermeidung und -beseitigung nachgekommen sind: „Da es vorzüglich zur Reinlichkeit und Ordnung der Gassen gereicht, wenn die Gassen rein gehalten und deren freier Lauf durch nichts gehindert wird, so soll bei der wöchentlichen Reinigung durch den Gassenreinigungs-Wagen vorzüglich dahingesehn werden, daß der in den Gassen sich häufende Unrath gehörig ausgekehrt und abgeführt werde, dahingegen aber einem jeden bey 1 Rthlr. Strafe ernstlich untersagt seyn, einigen Unrath in die Gossen zu schütten, oder zu fegen, oder deren Lauf auf irgend eine Art zu hindern.“

Die Müllabfuhr wurde dann bis 1955 insbesondere durch private Unternehmer mit Pferdegespann und Kastenwagen oder Lkw erledigt. So habe auch der Rintelner Heinrich Welsch (unser Bild) bei der Abfuhr geholfen, weiß Stefan Meyer, Leiter des Rintelner Universitäts- und Stadtmuseums. Mit seinem Pferdewagen mit Kastenaufsatz, an dem er bei Bedarf die Klappen öffnen konnte und der zudem über eine Hebevorrichtung mit Umlenkrolle verfügte, brachte Welsch hauptsächlich Kohlen in die Haushalte. Mit einer Handkurbel konnte er die Kippladefläche bedienen. Sein Nachfahre, Urenkel Martin Welsch, bestätigt, dass sein Urgroßvater außer Kohlen auch Müll mit diesem Wagen abtransportiert habe. „Der Müll bestand damals ja hauptsächlich aus Asche“, erklärt Welsch.

Zahlreiche Probleme

mit Privaten

Wegen zahlreicher Probleme durch private Abfuhrunternehmer (siehe nebenstehender Artikel) gelangte die Müllabfuhr schließlich in städtische Obhut.

Aber nicht nur um die Abfuhr, auch um den Abladeplatz musste sich jemand kümmern, denn sehr oft brannte es dort, und die Anwohner hatten mit Rauch- und Geruchsbelästigung zu kämpfen: „Wöchentlich sind es etwa 200 Kubikmeter Müll, die in der Tonkuhle anfallen“ berichtet die SZ vom 29. Mai 1959. „Um den Schuttabladeplatz an der Tonkuhle in der Nordstadt sind die Klagen verstummt, seit Platzmeister Pletz dort für Ordnung sorgt.“

Information

Die Ausrüstung der privaten Abfuhrunternehmer genügte auf Dauer nicht mehr den Anforderungen an die Müllbeseitigung.

Die Fuhrleute konnten beispielsweise nicht alle Bereiche in der Stadt abdecken, so kam es auch damals oft zu Haufen von Unrat, der einfach wild entsorgt worden war. Am 3. Februar 1953 lautete eine Notiz in der SZ „Die Unsitte, Asche und andere Abfälle irgendwo, nur möglichst bequem, auszuschütten, hat in letzter Zeit überhand genommen. In den von der Müllabfuhr nicht erfaßten Außenbezirken scheuen die Einwohner den weiten Weg zur Tonkuhle“.

Ein weiteres Problem war die mangelnde Hygiene. Passanten mussten am Abfuhrtag allerlei unangenehme Gerüche aushalten und nicht zuletzt eine Menge Staub schlucken. „...wenn ein Müllkasten geleert wurde, erhob sich eine Staubwolke, die der Wind packte und durch die Straßen jagte“, klagt ein Bericht der SZ am 9. Februar 1951. Im selben Artikel heißt es „die Anschaffung eines modernen Müllabfuhrwagens mit den dazu gehörigen und dazu passenden Mülltonnen kommt leider für Rinteln nicht in Frage, dazu ist die Stadt nicht groß genug“, und einem Privatmann könne eine so „kostspielige Anschaffung nicht zugemutet werden“.

Diese und weitere Klagen zeitigten schließlich ihre Wirkung. Denn das staatliche Gesundheitsamt begann sich für die unzeitgemäße Rintelner Müllabfuhr zu interessieren. Das Amt sah in der Aufstellung von Müll, Asche und anderen Abfällen in offenen Kisten, Eimern und anderen Behältern auf den Bürgersteigen“ eine „nicht zumutbare“ Gesundheitsgefährdung für die Bevölkerung. Ab 1956 erfolgte daraufhin die Abfuhr durch die Stadt mit Tonnen und Wagen. odt




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