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Serie zur Altersarmut: Nur ein Stückchen trocken Brot

Mittwochs ist Rentnertag bei der „Tafel“ im Bahnhofsweg

RINTELN. Etwa 30 alte Menschen warten im Vorraum zur „Tafel“ im Bahnhofsgebäude. Manche bleiben still für sich, andere kennen sich und plaudern miteinander. Jeder hat eine Nummer gezogen und nun ist es Zufall, in welcher Reihenfolge man aufgerufen wird. Am Mittwoch, dem „Rentnertag“, ist weniger los als sonst und niemand muss Sorge haben, nichts Gutes mehr abzubekommen.

veröffentlicht am 31.01.2019 um 15:24 Uhr
aktualisiert am 31.01.2019 um 18:20 Uhr

Lebensmittelausgabe bei der Rintelner „Tafel“. Foto: cok
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Cornelia Kurth Reporterin zur Autorenseite
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RINTELN. Der „Rentnertag“ wurde im Sommer 2017 eingeführt. „Wir hatten schon lange bemerkt, dass die alten Leute sich an den normalen Tagen nicht so wohlfühlten und auch sehr zögerlich waren beim Nummernziehen“, sagt Tafel-Koordinatorin Heidi Niemeyer. „Jetzt wissen sie, dass alle anderen in derselben Situation sind wie sie auch. Da werden dann Kontakte geknüpft, manchmal sogar Freundschaften geschlossen.“ Auch Eltern mit ganz kleinen Kindern oder gehbehinderte Menschen könnten am speziellen Rentnertag kommen.

Wer Kunde bei der Tafel werden will, muss eine Berechtigung nachweisen, sei es durch seine Hartz-IV-Bescheinigung, sei es – bei Rentnern – durch den Nachweis, dass das Gesamteinkommen nicht höher liegt als der Grundsicherungssatz. Nur dann erhält man eine Kundenkarte.

„Ich wünschte, dass einfach jeder kommen könnte, unabhängig von solchen Nachweisen“, meint Niemeyer und erzählt von einem Rentnerpaar, dass sich nach langem Zögern doch zur Tafel aufgemacht hatte und dann erfuhr, dass man ihnen nichts ausgeben darf, weil ihr Einkommen 120 Euro über dem Satz lag. „So was kann mich wirklich aufbringen“, sagt sie. „Die beiden wären doch nicht gekommen, wenn sie nicht Hilfe brauchen würden.“

Ihr tut das auch deshalb so leid, weil sie weiß, wie schwer es den meisten Menschen fällt, die Unterstützung durch die Tafel anzunehmen. „Manche, die zum ersten Mal kommen, wollen gleich wieder gehen“, sagt sie. „Ich ermutige sie dann, doch die Nummer zu ziehen und überzeuge sie, dass dieses ungute Gefühl fast immer spätestens nach dem dritten Besuch nachlässt.“

Nie wird sie vergessen, wie sie von einer Frau angerufen wurde, die berichtete, dass ihre alte Nachbarin schon seit vielen Tagen nichts Warmes mehr gegessen hat. „Was sollte ich aber tun?“ Sie könne ja schlecht direkt bei Betroffenen zu Hause vorbeigehen. Die Frau sei übrigens niemals bei der Tafel aufgetaucht. „Viele hungern lieber.“

Den größten Anteil unter den Rentnern bei der Tafel bilden die Russlanddeutschen. Deshalb gibt es auch einen russischen Mitarbeiter, der gut dolmetschen kann. „Die Russlanddeutschen sind immer extrem dankbar und so freundlich“, sagt Mitarbeiterin Dagmar Klabunde, die schon seit sechs Jahren für die Tafel tätig ist und von fast allen Kunden den Namen kennt. „Das Schlimmste war, als einmal eine uralte Frau reinkam, über 90 Jahre alt, und fragte, ob sie wohl ein Stück trocken Brot bekommen kann.“ Da habe sie weinen müssen.

Ist ein Mensch bei der Tafel als Kunde registriert und wird bettlägerig, sitzt im Rollstuhl oder hat eine ansteckende Krankheit, dann bringen Mitarbeiter einen Einkauf dort auch zu Hause vorbei. Solche Notfälle muss man natürlich nachweisen.

Jeder Tafel-Kunde, ob Rentner oder nicht, hat das Recht, zwei Mal pro Woche einen Tafel-Einkauf zu tätigen. Beim ersten Mal bringt man seine Berechtigungsnachweise mit und erhält dann eine Kundennummer. Wer vorher Fragen hat, erreicht die Mitarbeiter unter der Telefonnummer: (05751) 96 42 70.

Die Tafel in Rinteln, Bahnhofsweg 2, hat geöffnet montags, mittwochs und freitags von 13 bis 15 Uhr. Weitere Tafeln gibt es in Stadthagen, Bad Nenndorf und Obernkirchen.

Im letzten Sommer wohnte Helga S. (68) noch im Extertal. „Aber dort fühlte ich mich abgeschnitten vom sozialen Leben“, sagt sie. „Da hab ich den Umzug nach Rinteln gewagt.“ Damit sie die um 100 Euro höhere Miete zahlen kann, geht sie immer am Mittwoch, dem „Rentnertag“, zur „Tafel“ am Bahnhof.

„Ehrlich gesagt, ich habe lange gebraucht, mich zu überwinden“ erzählt sie. „Im Extertal hatte ich auch schon daran gedacht, ich kenne die ‚Tafel‘ ja, weil ich früher dort mal ehrenamtlich gearbeitet habe. Aber jetzt lebe ich so sehr von der Hand in den Mund, da habe ich mich aufgerafft.“ Beim ersten Mal sei es schon ein dummes Gefühl gewesen. „Man muss ja alles offenlegen, um berechtigt zu sein, eigentlich so, als wenn man zum Amt ginge.“

Helga S. hat sich aber nie ans „Amt“ gewendet, ans Sozialamt, wo sie Grundsicherung beantragen und damit ihre kleine Rente aufstocken könnte. Es scheint, als ginge ihr das einfach zu weit. „Ich habe schließlich mein Leben lang gearbeitet!“, sagt sie. Drei Kinder hat die gelernte Näherin allein großgezogen, dazu Putzjobs gemacht, sie war Taxi- und Busfahrerin und auch Verkäuferin. „Wenn ich mir Lebensmittel bei der Tafel hole, trage ich immerhin dazu bei, dass gute Dinge nicht einfach weggeschmissen werden“, das betont sie mehrmals.

Immerhin, die beiden großen Einkaufstaschen voller Obst und Gemüse, Aufschnitt, Milchwaren oder anderen Dingen aus dem Kühlregal machen es ihr überhaupt erst möglich, mit gerade mal 250 Euro pro Monat durchzukommen. Manches friert sie ein, das Brot backt sie selbst. „Ich fühle mich nicht arm“, sagt sie. „Aber in Wirklichkeit bin ich wohl arm.“ Was ihr am meisten fehlt: Durch die Stadt schlendern, in die Läden gucken, einfach mal nebenbei was einkaufen oder einen Kaffee trinken gehen. Ihre drei Kinder würden sie sicherlich unterstützen, sagt sie, aber das wolle sie auf gar keinen Fall. „Ich war schon immer Überlebenskünstlerin, ich hab schon lange gelernt, bescheiden zu sein.“

Jetzt allerdings sei eine Sache unabänderlich klar: „Ich kann an meiner Situation nichts mehr ändern – ich bin Rentnerin.“cok




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