weather-image
20°

Der Rintelner Biologe Thomas Brandt leitet die Ökologische Schutzstation Steinhuder Meer

„Monokulturen sind schlimmer als der Klimawandel“

veröffentlicht am 09.10.2016 um 16:10 Uhr
aktualisiert am 25.10.2016 um 10:18 Uhr

270_0900_16466_ri_newsml_dpa_com_20090101_141120_99_0654.jpg

Autor:

Hans Weimann

RINTELN/REHBURG. Besuch bei dem Rintelner Biologen Thomas Brandt in der Ökologischen Schutzstation Steinhuder Meer e. V. (ÖSSM). In der teilweise neu gestalteten Ausstellung der Schutzstation kann man jetzt ein gefiedertes Opfer einer Windkraftanlage besichtigen: ausgestopft. Ein Seeadlerweibchen, das 18 Junge ausgebrütet hat und elf Jahre alt geworden ist. Brandt weiß das so genau, weil der tote Vogel beringt war. Ein Jäger hat ihn in der Nähe einer Windkraftanlage gefunden. Der linke Flügel des Vogels war abgerissen.

Nachfrage: Sind Vögel eigentlich zu dumm, um die nicht gerade kleinen Rotoren einer Windkraftanlage zu erkennen? Nein sagt Brandt, das Problem liege woanders: Die Blattspitzen der Rotoren sind bei Windstärke 5 bis 6 bis zu 200 Stundenkilometer schnell. Da hat kein Vogel eine Chance. Im engen Wesertalkorridor bei Westendorf, wo Windräder geplant sind, schon gar nicht.

Vögel seien sonst eigentlich durchaus in der Lage, sich in einer Kulturlandschaft zurechtzufinden. Brandt nennt zwei Beispiele: In Hohenrode lassen sie Muscheln aus großer Höhe auf die Steinplatten des Stichweges fallen, damit die Muscheln aufplatzen. Für diesen Trick gibt es sogar einen Namen: „shell dropping“. Und Rabenvögel sind schon beobachtet worden, wie sie vor einer roten Ampel Nüsse vor die Reifen der Autos gelegt haben.

Vom Windrad getötet: Dieses Seeadlerweibchen hatte gegen die bis zu 200 Stundenkilometer schnellen Rotoren keine Chance. Der Rintelner Biologe Thomas Brandt hat es ausstopfen lassen. Foto: wm

Dafür ist Brandt ein Rätsel, warum sich die Hohenroder Seealder ausgerechnet den Baum im Wald für ein Nest ausgesucht haben: „Das ist schon ein außergewöhnlicher Brutplatz. Da würde man eher einen Schwarzstorch vermuten.“ Der Seeadler müsse für seinen Nachwuchs den Fisch immerhin 200 Meter hoch zum Horst bringen; eine Leistung, die man nicht unterschätzen sollte: Seeadlerjunge sind immer hungrig. Doch Brandt hofft, dass die Seeadler in Hohenrode irgendwann doch noch die Stange mit der Nisthilfe auf der Insel für sich entdecken, wenn dort die Vegetation hoch gewachsen ist. Am Steinhuder Meer hat das funktioniert.

Thomas Brandt ist gebürtiger Rintelner, hat am Gymnasium Ernestinum noch unter der Ägide von Wolfgang Foerstner Abitur gemacht, in jungen Jahren dann dem damaligen Stadtdirektor Heinrich Büthe den ersten eigenen Raum für die Nabu-Gruppe in Rinteln abgeschwatzt. Und Biologe, erzählt Brandt, habe er schon als Junge werden wollen: „Meine Mutter machte immer Leibesvisitation, wenn ich nach Hause kam, weil ich die Taschen voller Tiere und Pflanzen hatte.“

Heute habe er als Biologe, als wissenschaftlicher Leiter der Schutzstation ohne Zweifel schon einen „Traumjob“, nämlich die Chance, Naturschutz ganz praktisch umzusetzen.

Es ist eine stattliche Erfolgsliste, auf die Brandt und seine Mitarbeiter am Steinhuder Meer, in Rinteln, im Auetal, im Nordkreis inzwischen verweisen können: Seeadler, Laubfrosch, Sumpfschildkröte, Nerze, Uhu, Eisvogel, Fischotter, Gelbbauchunke, um nur einige gefährdete Tierarten zu nennen, sind in der Region wieder angesiedelt worden. Brandt ist da Realist: „Ohne Geld geht das nicht. Aber wir zeigen mit diesen Projekten, dass, wenn man Geld in die Hand nimmt, auch etwas gelingen kann.“

Der Mensch muss eingreifen, um Lebensräume zu erhalten

Was Biologen, was er und seine Kollegen machen, was die Nabu macht, zuletzt in Hohenrode, definiert Brandt so: „Wir gestalten Lebensräume.“ Beispiel Auenlandschaft Hohenrode: Hier muss der Mensch mit eingreifen, denn die Großtiere und Biber, die die Vegetation einer Auenlandschaft mit geprägt haben, die Weser, die mit ihren Kiesbänken kilometerweit mäandert hat, gibt es so nicht mehr. Auch um Tiere wieder anzusiedeln, muss der Mensch ganz praktisch tätig werden: „Den Laubfrosch haben wir in Eimern geholt.“ Nicht zu verwechseln mit dem Teichfrosch: Der Laubfrosch klettert auf Bäume, der Teichfrosch nicht.

Was Brandt wie allen Biologen aktuell Sorgen macht, ist der rasante Wandel in der Landwirtschaft – konkret die Großtechnik und die Vermaisung der Landschaft. Biogasanlagen seien eigentlich eine gute Idee gewesen. Aber vielleicht, sagt Brandt, hätte man besser noch ein paar Jahre an der Technik forschen und sich die Konsequenzen überlegen sollen. Die Monokultur sei schlimmer als der Klimawandel, denn „die Folgen sehen wir unmittelbar“.

Brandt nennt ein Beispiel: Macht ein Bauer Silage, hat kein Frosch, keine Heuschrecke, kein Insekt eine Chance zu überleben. Auch die Vögel nicht, denn denen fehlen nicht nur Nistplätze, sondern damit auch das Futter. Es verschwinden Vögel, die früher ganz selbstverständlich da waren, wie Rauchschwalben und Feldlerchen, auch Kiebitze.

Und dann ist es der Tourismus, sind es die angesagten Freizeitaktivitäten am Steinhuder Meer wie Skysurfen und Drachenfliegen, die Brandt Sorgen machen: „Wir müssen da Regeln entwickeln.“

Immerhin habe man begriffen, dass Ökotourismus auch Besucher ans Steinhuder Meer bringt, die die Saison in den März und Oktober verlängern. „Birdwatcher“, die vor allem aus Holland und England kommen: „Die sind ganz verrückt darauf. Naturbeobachtung hat in beiden Ländern einen ganz anderen Stellenwert als bei uns.“ Bei der ÖSSM hat man sich darauf eingestellt. Birdwatcher können sich im Internet anschauen, wo es wann welche Vögel zu beobachten gibt: Sichelstrandläufer, Bekassinen, Graugänse. Für das Fischadlernest gibt es sogar eine Webcam. Und es gibt einen Beobachtungsblog, wo Besucher sich austauschen können (blog@oessm.org unter www.natur-steinhuder-meer.de).

Nachfrage: Und was ist mit dem Klimawandel? Wirkt der sich in der Tierwelt bei uns praktisch bereits aus? Brandt ist da zurückhaltend. Zweifellos gebe es den Klimawandel, und sicher gebe es bei uns inzwischen Tiere, die man sonst nur in Süddeutschland gefunden hat, zum Beispiel Zebraspinnen. Nur wie die hierhergekommen sind? Da spielten unzählige Faktoren mit.

Brandt, unter Biologen auch bekannt als Autor zahlreicher Fachbücher, arbeitet zurzeit an einer Dokumentation, die klären soll, welche Genpools aus der Spenderpopulation bei den Laubfröschen, die man hier wieder angesiedelt hat, sich letztlich durchgesetzt haben – eine wissenschaftliche Arbeit zusammen mit der Tierärztlichen Hochschule in Hannover, die auch veröffentlich werden soll. Brandt sieht das ganz praktisch: Andere müssen bei solchen Projekten ja nicht dieselben Fehler machen, bis es klappt.

Stichwort: Genpool. Ob er sich vorstellen kann, dass demnächst wieder Mammuts durch Sibirien stapfen, woran zurzeit russische Forscher arbeiten. „Wir sind viel näher dran, als wir glauben“, sagt Brandt, aber bei ihm bleibe ein zwiespältiges Gefühl. Das seien schließlich Tiere aus einer ganz anderen Zeit; die Erde, die Luft, alles war damals anders.

Beim Naturschutz heute sei es eher wichtig, Artenvielfalt in einer Kulturlandschaft zu erhalten – und das sei schon schwierig genug.




Anzeige
Anzeige
Anzeige
Anzeige
Kommentare