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Multiplex muss warten

Nach sechs Jahren: Kino-Familie verkauft Gelände in Minden

RINTELN. Für Jörg Ruhs vom Kino-Center war es wohl die beste Nachricht am Ende dieses Jahres: Die Stadtwerke Minden haben das ehemalige Seitz-Enzinger-Noll-Gelände in Minden gekauft. Auf diesem Grundstück wollte die Familie eigentlich längst ein modernes Multiplex-Kino eröffnet haben.

veröffentlicht am 28.12.2018 um 16:09 Uhr
aktualisiert am 28.12.2018 um 18:40 Uhr

Jörg, Christina und Michael Ruhs im Kino-Center. Foto: tol
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Autor

Hans Weimann Reporter
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RINTELN. Doch immer wieder hatte es neue Probleme mit der Baugenehmigung gegeben. Schon vor zehn Jahren hatte die Familie Ruhs erkannt: Die Nachbarstadt jenseits der Landesgrenze ist in Sachen Kino „Entwicklungsland“, hier hat man den Anschluss an die Kino-Moderne verpasst. Für Jörg Ruhs eine Marktlücke, die zu schließen sich geradezu anbot in einer Stadt mit 80 000 Einwohnern und einer Fachhochschule.

Erster möglicher Standort für ein Multiplexkino war der ehemalige Krankenhausparkplatz an der Ringstraße. Doch die Rintelner Familie kam nicht zum Zug. Jörg Ruhs vermutet, ein Tankstellenbauer habe damals wohl mehr Geld geboten.

Also habe man die Kino-Neubaupläne erst einmal ad acta gelegt und stattdessen die drei bereits bestehenden Mindener Kinos, „Birke“, „Savoy“ und „Cinema am Schwan“ gepachtet und die vorhandenen Räumlichkeiten renoviert.

Das ehemalige Seitz-Enzinger-Noll-Gelände in Minden: Auf diesem Grundstück sollte nach den Plänen der Rintelner Kinofamilie Ruhs ein modernes Multiplex-Kino entstehen. Foto: tol

Dann kam die Obermarktpassage mit ihren gewerblichen Mietern und Läden im Zentrum als möglicher Kinostandort ins Gespräch. Der Eigentümer war interessiert, doch in den Verhandlungen habe sich schnell herausgestellt, schilderte Ruhs, dass rund 70 Teileigentümer ebenfalls mitreden wollten, sollte hier ein Kino eröffnet werden. Nächste Hürde waren im wahrsten Sinne des Wortes die Etagen im Gebäude. Das Kino sollte aber ebenerdig sein, problemlos erreichbar. Der Projektentwickler riet schließlich ab.

Parallel diente die Stadt Minden dem Rintelner Familienunternehmen ein Grundstück am ehemaligen Güterbahnhof an. Das lehnte Ruhs ab: „Da schicken Eltern doch ihre Kinder nicht hin.“

Die nächste Chance ergab sich mit dem Kauf des ehemaligen Seitz-Enzinger-Noll-Industriegeländes, das zur Versteigerung anstand. Im Jahr 2012 ersteigerte die Familie Ruhs das mehr als 10 000 Quadratmeter große Grundstück mit alten Lagerhallen und einer Pizzeria an der Kreuzung Ringstraße/Stiftstraße.

Die Familie gründete die Firma „Cineworld“ und plante einen Kino-Neubau mit sechs Sälen.

Doch auch hier tauchten bald die ersten Probleme auf. Verkehrsplaner erhoben Einwände gegen eine Zufahrt von der Stiftstraße, Anwohner fürchteten Lärmemissionen bei An- und Abfahrten bei den Spätvorstellungen. Die Familie Ruhs beauftragte einen Gutachter und ließ ein Lärmschutzkonzept entwickeln. Die Planungen zogen sich hin.

2016 ergab sich dann überraschend eine veränderte Situation. Anstatt des Kinos sollte der bestehende Lidl-Markt an der Stiftstraße auf dem Seitz-Enzinger-Noll-Areal neu bauen. Also auf die andere Straßenseite umziehen.

Doch im September dieses Jahres war klar: Der Nahversorger bleibt, wo er ist. Er wird auf dem bisherigen Grundstück einen neuen Einkaufsmarkt errichten.

Dafür fand sich ein neuer Interessent für das Industrieareal: die Stadtwerke Minden. Am 19. Dezember wurde es öffentlich. Geschäftsführer und Aufsichtsratsvorsitzender der Stadtwerke erklärten, auf dem Gelände sollen die bisherigen vier Standorte mit Kundencenter, Verwaltung, Technikzentrale, Lager und Energiezentrum zusammengeführt werden.

Doch ganz will Ruhs die Kinopläne für Minden noch nicht abhaken. Man müsse sehen, wie sich die Situation entwickle, auch auf dem Kinomarkt, erläuterte er in einem Telefongespräch: „Wenn sich eine neue Chance ergibt, sind wir wieder dabei.“

Denn grundsätzlich sehe er optimistisch in die Zukunft für die Kinobranche. Als das Fernsehen aufgekommen sei, später die Videokassetten, immer sei Kino totgesagt worden. Jetzt die Streamingdienste. Doch Kino werde es auch künftig geben, einfach deshalb weil das soziale Erlebnis, mit vielen Menschen einen Film zu schauen kein Fernseh-Gerät ersetzen könne. „Es macht einen Unterschied, ob man zusammen mit hundert Leute in einer Komödie lacht oder man allein vor dem Bildschirm kichert“.

Und Ruhs hat allen Grund zum Optimismus. Immerhin kann das Familienunternehmen im nächsten Jahr 70. Geburtstag feiern. Und in den sieben Jahrzehnten sei es oft turbulent zugegangen in der Kino-Branche, erinnert Ruhs.

Eigentlich bereits bei der Eröffnung des Kinos in Rinteln: Sein Großvater habe nach dem Krieg persönlich nach Hamburg fahren müssen, um eine Lizenz für Filmvorführungen zu bekommen.




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