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Hauswirtschaft hat ein Nachwuchsproblem / Immer weniger Auszubildende / Sehr vielfältiger Beruf

Nicht nur etwas für Frauen

RINTELN. „Der Maurer baut ein Haus, die Hauswirtschafterin macht es zu einem Zuhause“, beschreibt Ulrike Brandsmeier ihren Beruf. Die Krankenhägerin ist Hauswirtschaftsleiterin. Gerne wollte sie auf dem landwirtschaftlichen Familienbetrieb auch angehende Hauswirtschafterinnen ausbilden, doch im vergangenen Jahr erhielt sie gerade einmal fünf Bewerbungen. Ein passender Kandidat war nicht dabei.

veröffentlicht am 09.01.2019 um 17:19 Uhr
aktualisiert am 09.01.2019 um 23:10 Uhr

Vom Ei bis zum Kuchen: Ulrike Brandmeier (r.) und Kirsten Schaper zeigen, wie vielfältig Hauswirtschaft auf landwirtschaftlichen Betrieben sein kann. Foto: jaj

Autor:

Jessica Rodenbeck
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Die Hauswirtschaft hat ein Nachwuchsproblem. Nach Angaben des Bundesinstitutes für Berufsbildung schlossen im Jahr 1997 noch 5142 junge Menschen einen Ausbildungsvertrag in der Hauswirtschaft ab, 2017 waren es nur noch 2073. Das entspricht einem Rückgang von fast 60 Prozent.

„Wir suchen Auszubildende“, bestätigt auch Heinke Blankenforth, zuständige Ausbildungsberaterin bei der Landwirtschaftskammer Niedersachsen. Viele junge Menschen hätten ein falsches Bild von dem Ausbildungsberuf, dabei entspricht das verbreitete Vorurteil „Ihr kocht und putzt doch nur“ in keiner Form der Realität. Schon in der Ausbildung sind die Themenbereiche sehr vielfältig: Ausgewogene Ernährung, das Gestalten von festlichen Menüs, häusliche Krankenpflege und Wäschepflege gehören genauso zum Lehrplan wie Raumgestaltung und -einrichtung, Kinder- und Seniorenbetreuung, Werbemaßnahmen, Gesprächsführung und vieles mehr.

So vielfältig wie die Theorie ist auch der praktische Teil der Ausbildung. Der Tag der letzten Auszubildenden des Betriebes Brandsmeier begann beispielsweise damit, dass sie das Frühstück für die Familie und die Angestellten zubereitete. Nach dem gemeinsamen Essen folgte der Gang in den Hofladen, in dem die Automaten aufgefüllt und die Gebäude gereinigt werden mussten. Und anschließend ging die Auszubildende in einen der beiden Hühnerställe, um die frischen Eier einzusammeln, bevor die Zubereitung des Mittagessens auf dem Plan stand.

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Katharina (v. l.), Time und Cheyenne bereiten im praktischen Hauswirtschafts- Unterricht an der BBS Rinteln ein adventliches Büfett vor. Foto: jaj

„Unsere Auszubildende hatte großes Interesse am Kochen“, erklärt Brandsmeier, daher habe ein Schwerpunkt ihres Arbeitstages auf Tätigkeiten aus diesem Bereich gelegen. „Bei anderen Interessen kann man aber auch andere Schwerpunkte setzen, beispielsweise auf die Raumpflege“, erklärt sie.

Sehr gute Jobaussichten für
gelernte Hauswirtschafterinnen

Bereits durch die Wahl des Ausbildungsbetriebes können Auszubildende so auf ihre Vorlieben eingehen. „Wenn ich Spaß am Kochen habe, bin ich in einem Betrieb mit Großküche richtig, wenn mir die Raumpflege liegt, sollte ich mich vielleicht eher nach einem Betrieb mit Übernachtungsgästen umsehen. Und wer es gern abwechslungsreich mag, ist auf einem landwirtschaftlichen Betrieb gut aufgehoben“, beschreibt Brandsmeiers Tochter Kirsten Schaper.

Die Jobaussichten für gelernte Hauswirtschafterinnen sind nach Aussage von Heinke Blankenforth sehr gut. „Es ist kein Problem, einen Job zu finden“, versichert sie. Hauswirtschafterinnen und insbesondere Betriebsleiterinnen, die nach der Ausbildung noch zwei Jahre eine Fachschule besucht haben, seien sehr gefragt.

Doch nicht nur die Auszubildenden, auch die Ausbildungsbetriebe werden weniger. Die letzte hauswirtschaftliche Auszubildende der Brandsmeiers kam extra von der Küste nach Krankenhagen, um dort ein Ausbildungsjahr zu absolvieren. Denn Ausbildungsplätze auf landwirtschaftlichen Betrieben sind rar geworden. „Die meisten angebotenen Stellen bewegen sich heute in Richtung Großhaushalt“, beschreibt Blankenforth. Dazu gehören unter anderem Pflegeeinrichtungen für Senioren und Kinder, Krankenhäuser sowie Kur- und Bildungseinrichtungen. Im Stadtgebiet Rinteln ist der Hof Brandsmeier der einzige Ausbildungsbetrieb, der auf der Homepage der Landwirtschaftskammer gelistet ist.

Eine ganz andere Möglichkeit, Hauswirtschaft zum Beruf zu machen, hat Delia Feldmann gewählt. Die Rintelnerin studiert im fünften Semester Hauswirtschaft und Deutsch an der Universität Paderborn – mit dem Ziel, später Lehrerin an einer Haupt-, Real- oder Gesamtschule zu werden. „Ich war schon immer an Ernährung interessiert, koche und backe gerne“, erzählt die 23-Jährige. Dennoch war Hauswirtschaft kein Thema, als sie überlegte, was sie später beruflich machen möchte. „Daran habe ich überhaupt nicht gedacht.“

Studium ist auf den Einsatz
an Schulen ausgerichtet

Sie kam dann eher zufällig dazu, als sie sich anschaute, welche Studiengänge an der Uni Paderborn angeboten werden. „Da habe ich gemerkt, dass das genau mein Ding ist.“ Und sie hat ihre Entscheidung nicht bereut.

Das Studium der Hauswirtschaft ist an der Universität Paderborn ganz auf den Einsatz an Schulen ausgerichtet und trägt den Zusatz „Konsum, Ernährung, Gesundheit“. Und der Name ist Programm. Wer Hauswirtschaft studiert, muss sich intensiv mit Ernährung, Nahrungszubereitung und der Gesundheit des Menschen auseinandersetzen – und dieses Wissen dann später altersgerecht an Schüler vermitteln.

Vielleicht entdeckt der eine oder andere von Delia Feldmanns zukünftigen Schülern ja durch ihren Unterricht seine Vorliebe für die Hauswirtschaft, sodass auch Familie Brandsmeier eines Tages wieder eine Auszubildende auf ihrem Hof begrüßen kann – oder einen Auszubildenden, denn die Hauswirtschaft ist keinesfalls nur etwas für Frauen. Im vergangenen Jahr waren immerhin etwas mehr als zehn Prozent der neuen Auszubildenden männlich.

Information

Es gibt zwei klassische Wege für eine Ausbildung zur Hauswirtschafterin. „Die meisten Auszubildenden machen heute eine dreijährige duale Ausbildung“, erklärt Blankenforth. Wie in anderen Ausbildungsberufen auch bedeutet das: drei Jahre Ausbildung in ein und demselben Betrieb und begleitend ein bis zweimal in der Woche Berufsschulunterricht. Für den Landkreis Schaumburg wäre die zuständige Berufsschule in Hannover. Die Möglichkeit, die einzelnen Ausbildungsjahre auf unterschiedlichen Betrieben zu leisten, wie früher in der ländlichen Hauswirtschaft üblich, werde heute eher selten genutzt, ist aber nach wie vor möglich.

Die zweite Möglichkeit ist, das erste Jahr der Ausbildung durch die einjährige Berufsfachschule „Hauswirtschaft und Pflege“ zu ersetzen. Die wird auch an der Berufsbildenden Schule (BBS) Rinteln angeboten – allerdings nicht mehr mit dem Schwerpunkt Hauswirtschaft. „Die Nachfrage nach der Hauswirtschaft ist immer weiter zurück gegangen“, erzählt Studiendirektorin Sabine Nolte. Deshalb sei der Schwerpunkt „Hauswirtschaft“ schließlich an die BBS Stadthagen verlagert worden. Die BBS Rinteln habe den Schwerpunkt „persönliche Assistenz“ übernommen, der auf Pflegeberufe vorbereitet.

Zwar seien grundsätzliche hauswirtschaftliche Versorgungsleistungen auch in Rinteln Bestandteil des Fachschuljahres, allerdings immer in Hinblick auf einen späteren Einsatz in der Pflege und nicht so umfangreich, dass eine spätere Anrechnung als erstes Ausbildungsjahr möglich wäre. Wer von vornherein weiß, dass er in den Bereich Hauswirtschaft gehen möchte, sei daher in Stadthagen besser aufgehoben.

Nach dem erfolgreichen Abschluss des Fachschuljahres mit dem Schwerpunkt „Hauswirtschaft“ kann der Auszubildende im zweiten Lehrjahr auf einem Ausbildungsbetrieb mit begleitendem Berufsschulbesuch einsteigen.




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