weather-image
22°

Verwaltungsstellenleiter kritisiert

„Ortsteile werden vernachlässigt“

RINTELN. Wird die Kernstadt gegenüber den Dörfern bevorzugt? Das zumindest sagt deutlich ein Rintelner, der in einem Ortsteil lebt. Das Pikante daran: Der Rintelner ist Verwaltungsstellenleiter. Er sagt: Die Kernstadt leiste sich bei Bauprojekten „jeglichen Luxus“ – und das auf Kosten der Dörfer.

veröffentlicht am 21.02.2019 um 16:00 Uhr
aktualisiert am 21.02.2019 um 20:30 Uhr

Leerstand auf den Dörfern (hier an der Bückeburger Straße in Steinbergen)...
ri-marie-1410

Autor

Marieluise Denecke Redakteurin / Online zur Autorenseite
Weiterlesen für 20 Cent oder mit Ihrem Digital-Abo
Sie haben bereits ein Digital-Abo der SZ/LZ? Dann melden Sie sich hier mit Ihren SZ/LZ -Login an und lesen Sie den Text, ohne Ihn bei LaterPay bezahlen zu müssen.

RINTELN. Wird die Kernstadt gegenüber den Dörfern bevorzugt? Das zumindest sagt deutlich ein Rintelner, der in einem Ortsteil lebt. Er findet: „Die Ortsteile werden vernachlässigt.“ Das Pikante daran: Der Rintelner ist Verwaltungsstellenleiter, also Ehrenbeamter der Stadt. So lange er diese Position innehat, will er die Kommune nicht unter Klarnamen kritisieren.

Die Hutschnur ist ihm geplatzt, als vor ein paar Monaten über eine Sanierung des Rathauses diskutiert wurde, unter anderem, weil die Fugen bröckelig seien. Darüber kann der Rintelner nur lachen: „Dafür soll Geld da sein, aber für die Dörfer nicht.“ Dabei beginne die Stadt „nicht am Seetor, Ostertor oder am Kreisel in der Nordstadt, sondern vor den Ortsteilen“.

Er nennt Beispiele: Viele Straßen hätten Schlaglöcher, viele Bürgersteige glichen „reinen Kraterlandschaften“, die Kanten würden abbröckeln. Bäche, Straßengräben und Flüsse wie die Mühlenexter seien teilweise so verkrautet, dass sie kein Wasser mehr halten würden. Die Folge: Bei Starkregen können sie Wasser nicht mehr ableiten, es laufe in Keller und Häuser. Früher seien Straßengräben alle paar Jahre ausgehoben worden.

3 Bilder
...eine bröckelnde Wandmalerei...

Zwar würden Mitarbeiter der Verwaltung immer wieder Straßen und Gräben kontrollieren, doch auch wenn man sie auf einen Missstand anspreche, passiere nichts, sagt er. Sein Verdacht: Mitarbeiter des Bauhofes würden mittlerweile zu stark von Großveranstaltungen in Anspruch genommen.

Dabei sei den Einwohnern im Rahmen der Gebietsreform qua schriftlichem Vertrag zugesichert worden, dass die Infrastruktur auf den Dörfern erhalten bleibe (siehe Kasten). Und Infrastruktur, das heiße doch Bürgersteige und Straßen ebenso wie Dorfgemeinschaftshäuser und Schulen. Die Stadt habe sich damals zum Erhalt der Infrastruktur verpflichtet. „Wissen das unsere Stadträte etwa nicht mehr?“, echauffiert sich der Verwaltungsstellenleiter. Seiner Meinung nach habe sich die Stadt aus dieser Verpflichtung „schon vor langer Zeit verabschiedet“. Dass Straßen, Gemeinschafts- und Feuerwehrgerätehäuser „verfallen“ würden, die damals teilweise in Eigenleistung erbaut wurden, „tut weh“.

Er kritisiert, dass gerade in der Vergangenheit keine Gelder für „notwendige Erhaltungsmaßnahmen“ eingesetzt worden seien, sondern man sich in der Kernstadt „jeglichen Luxus“ geleistet habe. „Ein Rundwanderweg mit einer Brücke über den Alten Hafen, nicht einmal behindergerecht gebaut, ist der Gipfel eines Gestaltungswahns, der in der Kernstadt kein Ende findet“, findet er klare Worte.

Fakt sei, dass bei der Altstadtsanierung viel Geld verbrannt worden sei „für Dinge, die nicht hätten sein müssen – Brennerstraße und Parkleitsystem lassen grüßen“. Doch aus diesen „Fehlern der Vergangenheit“ scheine die Politik keine Lehren zu ziehen, „denn mit dem Projekt Brückentor, dem Bau einer Stadthalle und der Überplanung des Kollegienplatzes sollen Projekte verwirklicht werden, die die Finanzkraft der Stadt auf Jahre überfordern würde“, so der Rintelner. Seine Befürchtung: Für Erhalt und Ausbau der Infrastruktur auf den Dörfern stünden dann keine finanziellen Mittel zur Verfügung. Die Kernstadt sei schön, daher gebe es keinen Grund, nach Fertigstellung der IGS ein größeres Bauvorhaben anzugehen. Altbürgermeister Karl-Heinz Buchholz habe seinerzeit zugesichert, dass nach Abschluss der Altstadtsanierung die Dörfer drankämen. Die Politiker müssten nun „dieses Versprechen Wirklichkeit werden lassen – allein dafür sind sie gewählt“.

Im Rintelner Rat machen die Politiker, die in Ortsteilen wohnen, übrigens die klare Mehrheit aus: 22 Dörfler stehen 15 Städtern gegenüber.

Information

Der Gebietsänderungsvertrag regelte im Zuge der Gebietsreform 1974, unter welchen Bedingungen kleinere Dörfer zu Gemeinden zusammengeschlossen wurden. Die selbstständige Gemeinde Uchtdorf in der Grafschaft Schaumburg wurde so zum Beispiel zu einem Ortsteil innerhalb der Ortschaft Taubenberg – zu der außerdem Wennenkamp, Goldbeck und Friedrichswald gehören –, die zur Stadt Rinteln und diese wiederum zum Landkreis Schaumburg gehört. Dies ging natürlich nicht ohne Proteste über die Bühne: Bevor die Rintelner Bürgermeister den Vertrag am 6. Februar 1974 im Ratskeller unterzeichneten, verlas der damalige Bürgermeister von Möllenbeck eine Protestresolution der 18 eingemeindeten Rintelner Ortschaften.

Paragraf 3 des Vertrags („Entwicklung der Ortsteile“) sagt: „Die Stadt Rinteln ist verpflichtet, alle Ortsteile so zu fördern, dass ihre Entwicklung durch die Eingliederung nicht beeinträchtigt ist.“ Beim Rückblick auf 40 Jahre Stadt Rinteln im Jahr 2014 sagte der damalige Bürgermeister Karl-Heinz Buchholz: „Wir müssen verhindern, dass sich unsere Ortsteile zu reinen ,Schlafdörfern‘ entwickeln, in denen die örtliche Gemeinschaft an Wert verliert.“ mld




Anzeige
Anzeige
Anzeige
Anzeige
Kommentare