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„Blaues Sofa“ mit Kuriositäten aus Rinteln, Saarbrücken und dem Rest der Welt

Rosenkavaliere, Staatsmänner und andere Helden der Realsatire

Rinteln (wm). Wenn Ulrich Reineking im Foyer der Volkshochschule so richtig loslegt, machen selbst die Bauchtänzerinnen eine Etage höher Pause und hören zu – auch Leute auf der Straße bleiben spontan stehen. Platz hätten sie am Montagabend auch nur noch auf Zusatzstühlen bekommen, denn die Auftaktveranstaltung der Blauen-Sofa-Saison war, wie gewohnt, bis zum letzten Platz ausverkauft.

veröffentlicht am 29.09.2009 um 23:00 Uhr
aktualisiert am 08.11.2016 um 00:41 Uhr

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Die gerade gelaufene Bundestagswahl bot dem Journalisten, Kabarettisten und Entertainer eine ideale Steilvorlage und Reineking enttäuschte seine Fans nicht. Volker Buck, weltbester Gitarrist zwischen Leine und Weser, schlug das Leitthema des Abends an, den Hannes-Wader-Song „Nichts bleibt, wie es ist“, und Reineking machte seine Drohung wahr, er wolle passend zum Wahlausgang auch ein paar „grobe Unverschämtheiten“ loswerden und watschte verbal die Akteure auf der politischen Bühne, schwarz wie rot, grün wie gelb genüsslich ab.

Wobei seinem geneigten Publikum, das ihn immer wieder mit spontanen Lachern und Beifall unterbrach, deutlich geworden sein dürfte, die Realität lässt sich manchmal von der Satire kaum übertreffen.

So porträtierte Reineking – geradezu liebevoll – die Wahlkämpfer der letzten Stunde auf dem Rintelner Marktplatz, verzweifelt mit Kugelschreibern und Rosen noch auf Stimmenfang.

Und Reineking verlas, sogar ohne jede Häme das Brandschreiben des SPD-Bundestagskandidaten, der Pressefotografen ankündigt hatte, er stehe nicht für ein Shakehands-Foto mit seinem Herausforderer zur Verfügung. Der habe ihn nämlich verunglimpft mit dem Satz, ein Praktiker sei besser als ein Praktikant. Da wunderte sich Reineking nur: „Der Satz war doch von mir geklaut.“

Dazwischen sein Tipp, wie man schnell einem Wahlbetrug auf die Schliche kommt, ein Coup, ausbaldowert bei diversen Bieren im Cho’s: Vierzehn Leute hätten im Wahllokal in der Kulisse die MLPD gewählt – und keine Stimme davon sei bei den Wahlergebnissen aufgetaucht.

Wahlen hin, Wahlen her, die wirklichen Schaumburger Probleme würden damit nicht gelöst, das Muffelwild im Auetal weiter von Lippern gewildert und die Möllenbecker dürften immer noch nicht in Stemmen baden.

Zu den Glanznummern des Abends gehörte Reinekings staatsmännische Rede im originären Duktus des real existierenden Sozialismus zum 60-jährigen Bestehen der DDR – „es hätte ja auch anders kommen können“: Oskar Lafontaine nimmt als Staatsratsvorsitzender in der neuen Hauptstadt Saarbrücken die Parade der Werktätigen ab.

Am Ende dürfte auch dem Letzten im Saal klar geworden sein, ganz tief im Herzen ist der Kabarettist wohl weder links noch rechts, eher ein liebenswerter Anarchist, der Scherze treibt, um nicht an den Absurditäten der Politik zu verzweifeln.

Und Volker Buck zeigte in seinem Herbstlied, wie große Gefühle auch ein Kabarett-Publikum bewegen können und zu welcher Meisterschaft an der Gitarre er fähig ist – die Taschentücher durften gezückt werden.

Der Platz auf dem Blauen Sofa neben Reineking blieb übrigens diesmal leer, der Gast musste absagen und will das nächste Mal dabei sein. Für den Entertainer kein Problem – er ist eben formatfüllend und das in jeder Beziehung.




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