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Mit der Gilde um die Welt

Russischer Fotograf Goncharov benutzt Kamera aus Rinteln

RINTELN. Behutsam begutachtet Oleg Goncharov die verschiedenen Objektive und steckt sie nacheinander auf seine Analogkamera. Man sieht ihm die Freude sofort an. Der 54-Jährige stammt aus Russland und ist seit Jahren mit dem Rintelner Dr. Kurt Gilde befreundet.

veröffentlicht am 27.12.2018 um 14:34 Uhr
aktualisiert am 27.12.2018 um 16:20 Uhr

Dr. Kurt Gilde (Mitte) mit Svetlana und Oleg Goncharov. Foto: mv

Autor:

Malick Volkmann
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RINTELN. Aber wie lernen sich ein in Tschechien lebender Russe, der eine Informatik-Firma in Kasachstan betrieb, und ein ehemaliger Augenarzt aus dem Landkreis Schaumburg kennen? Und vor allem: Was verbindet die beiden?

Es ist ein Themengebiet, das man nicht unbedingt sofort erwarten würde - die Fotografie. „Seit gut 50 Jahren fotografiere ich alles Mögliche, was mir vor die Linse kommt“, berichtet Goncharov in einem Englisch mit klar erkennbarem russischen Akzent. Mittlerweile fokussiert er sich vor allem auf Panoramaaufnahmen von Landschaften und Städten. Der Familienvater ist nun bereits zum dritten Mal bei Dr. Gilde zu Gast, um eine überarbeitete Version seiner Analogkamera abzuholen. Dazu kommen einige Objektive.

Begonnen hat alles mit einer E-Mail. Goncharov erfuhr aus dem Internet von Dr. Gilde, der ein passionierter und professioneller Kamerabauer war. Seine Kameras, sogenannte Gilde-Kameras, waren überall gefragt: in Australien, Amerika, China. Die beiden fachsimpelten ein Jahr lang im Internet, bevor der Russe eine Kamera bestellte und sie aus Rinteln abholte. „Das ist jetzt mehr als 15 Jahre her“, sagt Gilde. Mittlerweile habe er seinen Namen, beziehungsweise die Marke, verkauft und stelle keine Kameras oder Zubehör mehr her.

Oleg Goncharovs Gilde-Ausrüstung auf dem heimischen Couchtisch. Foto: mv

Anschließend an seinen Besuch in Rinteln ging Goncharov auf die Reise. Er fotografierte unterschiedlichste Landschaften und Metropolen. Von den nordamerikanischen Nationalparks, bis zu der endlosen Weite des Outbacks in Australien und asiatischen Megastädten. Immer analog, immer Panoramaformat 6 mal 17 Zentimeter. Immer 360 Grad. „Man weiß nie, ob das Foto was geworden ist“, erklärt Goncharov. „Aber das macht den Reiz aus“. Manchmal habe er stundenlang auf die perfekten Licht- oder Windverhältnisse warten müssen, nur um dann abends festzustellen, dass das Bild doch nicht scharf ist.

Der Wert von Goncharovs Sammlung beläuft sich nach seinen Angaben auf weit über 30 000 Euro. „Der ideelle Wert ist für mich noch viel höher. Die Gilde-Kameras sind sehr spezifisch, aber von hervorragender Qualität“, meint Goncharov, der dieses Mal mit seiner Frau Svetlana anreiste. „Die Gilde ist meine Lieblingskamera – und ich habe viele getestet“, sagt er und lacht. Die große Bedeutung des Kameraequipments für seinen „mittlerweile guten Freund“ sei Dr. Gilde anhand eines tragischen Ereignisses umso bewusster geworden. In den Niederlanden stahlen vor zwölf Jahren Unbekannte Goncharovs gesamte Ausrüstung aus seinem Auto. „Da ist eine Welt für ihn zusammengebrochen“, erzählt Gilde.

Die beiden beobachteten den Online-Markt für Analogkameras monatelang, um dort auftauchende Gilde-Geräte zu finden und gegebenenfalls anzuzeigen – ohne Erfolg. Glücklicherweise stellte der Rintelner damals große Teile der Ausrüstung wieder neu her, sodass der russische Fotograf zwar viel Geld ließ, jedoch sein größtes Hobby bald wieder ausüben konnte.

Nun ließ er Objektive sowie seine Kamera bei Gilde überarbeiten, um sie wieder in die bestmögliche Qualität zu bringen. „Ich denke, es war Schicksal, dass ich Kurt und seine Frau kennengelernt habe. Sie sind überragende Persönlichkeiten“, meint Goncharov und strahlt über das ganze Gesicht. „Man merkt ihm einfach an, dass er die Fotografie lebt. Oleg und seine Frau Svetlana sind sehr herzliche Menschen“, sagt Gilde.

Nach nur einer Nacht in Rinteln steuert das russische Ehepaar wieder seine Heimat Tschechien an, um der täglichen Arbeit nachzukommen und wieder bei ihren Kindern zu sein. Wo es ihn aus fotografischer Sicht als Nächstes hinzieht, weiß Oleg Goncharov noch nicht: „Ich habe viele Ideen, aber ich habe auch schon eine Menge auf der Welt gesehen.“ Seiner Meinung nach fänden sich aber immer wieder beeindruckende und einzigartige Landschaften oder Skylines, die es wert seien abgelichtet zu werden.

Eine andere Sache weiß Goncharov aber definitiv: Dieser Besuch soll nicht der letzte in Rinteln bei Dr. Kurt Gilde gewesen sein. Er komme gerne wieder, um über Fotografie zu fachsimpeln und seine Geräte überarbeiten zu lassen. Außerdem hofft der Familienvater, dass Gilde auch mal zu ihm nach Hause kommt, weil dies bisher noch nicht möglich gewesen sei.

In der Rathausgalerie im Rathaus Klosterstraße ist bis zum 13. März die Gilde-Ausstellung „Alttraktiv“ zu sehen, was für alt, aktiv und attraktiv steht. 3-D-Porträts von Senioren, berührende Bilder von Gesichtern, in denen sich gelebtes Leben spiegelt. Alle Modelle sind 70 Jahre und älter. Die Bilder hat Gilde mit selbst gebauten Systemen aufgenommen in einem Verfahren zur plastischen Wahrnehmung ebener Bilder durch physikalische Bildtrennung (Anaglyphen).

Den verblüffenden Effekt erlebt man mit der Rot-Cyan-Brille, die es zur Ausstellung gibt. Gilde erinnert, die Brille funktioniere „wie die Politik“: Das rote Glas sollte links sein. Geöffnet ist die Ausstellung montags bis donnerstags von 8.30 bis 17 Uhr und freitags von 8.30 bis 12.30 Uhr.

Im nächsten Jahr wird die neue Homepage der Stadt Rinteln freigeschaltet. Die Bilder aller städtischen Einrichtungen wie Kindergärten, Schulen, Dorfgemeinschaftshäuser und Feuerwehrgerätehäuser hat Gilde fotografiert. Dafür haben die Brandmeister sogar die Fahrzeuge vor die Hallen fahren lassen. Ergänzt wird die Homepage später noch mit den Porträts der 13 Kirchen. Die hat Gilde mit einer digitalen Kamera und Fisheye aufgenommen, 24 Bilder pro Panorama und am Computer mit einer speziellen Software bearbeitet. Auch die Innenräume können später virtuell in einer 360-Grad- Rundumsicht betrachtet werden.

Ebenfalls ein Gilde-Projekt: Schon jetzt kann man auf der Homepage des Tourismusverbandes Westliches Weserbergland (Aussichtspunkte, 360-Grad-Panoramen) virtuell von Turm zu Turm springen und von den Plattformen in die Landschaft schauen. Dabei sind auch Klippenturm, Pagenburg und Weserbrücke.wm




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