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Projekt „Pimp Your Town!“ in Rinteln

Selber Politik machen

RINTELN. Ideen entwickeln, Anträge formulieren, Entscheidungen treffen: Rintelner Schüler haben drei Tage lang politische Arbeit hautnah miterlebt. Und haben dabei viele Ideen für die Stadt Rinteln entwickelt.

veröffentlicht am 13.04.2018 um 14:19 Uhr
aktualisiert am 18.04.2018 um 18:20 Uhr

Ratsvorsitzender Ralf Kirstan (stehend, r.) spricht, daneben sitzt Verwaltungschef Thomas Priemer, das Presseteam fotografiert, und die Fraktionen bereiten sich auf ihre Anträge vor: Am gestrigen Freitag wurde der Sitzungssaal des Rathauses zur polit
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Marieluise Denecke Redakteurin / Online zur Autorenseite

RINTELN. Ginge es nach den Schülern von Ernestinum und IGS, würde die Hundesteuer in Rinteln abgeschafft: Als Ratsherr Ralf Kirstan zur Abstimmung aufruft, hebt eine große Mehrheit zum entsprechenden Entschluss die Hand.

Vier Schulklassen sind am Freitagmorgen im großen Sitzungssaal des Rathauses zusammengekommen, um über insgesamt 18 Anträge zu entscheiden. Neben Hundesteuer geht es zum Beispiel um größere Spielplätze, mehr Veranstaltungen in der Stadt, freies WLAN, bessere Fahrradwege sowie mehr Maßnahmen für Barrierefreiheit.

Es sei „immer wieder überraschend“, dass Jugendliche eben nicht nur über Jugendthemen sprechen wollen, sondern über Themen, die die gesamte Bevölkerung angehen, sagt Monika Dehmel vom Verein „Politik zum Anfassen“ aus Hannover. Der Verein hat das Projekt „Pimp Your Town!“ nach Rinteln gebracht, das Schüler für drei Tage zu Politikern macht und ihnen so die Kommunalpolitik hautnah vermittelt (wir berichteten).

Erwecken „Pimp Your Town!“ in Rinteln zum Leben: Jörg Nitsche von der Sparkasse (v.l.), Cinja Schröder von „Pimp Your Town!“, Bürgermeister Thomas Priemer, Demografiebeauftragte Linda Mundhenke, Monika Dehmel von „Politik zum Anfassen“ sowie Ratsherr
  • Erwecken „Pimp Your Town!“ in Rinteln zum Leben: Jörg Nitsche von der Sparkasse (v.l.), Cinja Schröder von „Pimp Your Town!“, Bürgermeister Thomas Priemer, Demografiebeauftragte Linda Mundhenke, Monika Dehmel von „Politik zum Anfassen“ sowie Ratsherr und Lehrer Ralf Kirstan. Foto: mld
„Ratsherr Julian“ begründet seinen Antrag, die Hundesteuer entweder abzuschaffen oder zusätzlich eine Katzensteuer einzuführen. Foto: mld
  • „Ratsherr Julian“ begründet seinen Antrag, die Hundesteuer entweder abzuschaffen oder zusätzlich eine Katzensteuer einzuführen. Foto: mld
Nicht nur die Fraktionen arbeiten bei der Ratssitzung am Freitag, sondern auch das Presseteam (rechts). Foto: mld
  • Nicht nur die Fraktionen arbeiten bei der Ratssitzung am Freitag, sondern auch das Presseteam (rechts). Foto: mld

Insgesamt haben die Schüler beim ersten Treffen am Mittwoch über 150 Ideen gesammelt, die besprochen werden sollten. Das sind natürlich zu viele, um sie in einer einzigen Ratssitzung am Freitag zu diskutieren. Nach Diskussionen und Abstimmung in den insgesamt drei Fraktionen und drei Ausschüssen wurden schließlich 45 Anträge formuliert. 18 davon schafften es in die abschließende Ratssitzung am Freitagvormittag.

Die Fraktionen, die die Schüler bilden, haben dabei keine politische Färbung. Es geht darum, dass die Schüler die politische Arbeit auf kommunaler Ebene kennenlernen sollen, erläutert Dehmel – also auf der Ebene, die ihr Leben zum großen Teil betrifft.

Die drei Fraktionen werden von einem Presseteam begleitet, das das Geschehen durch Film- und Fotoarbeiten begleitet. Hieraus werden später ein Magazin sowie eine Homepage entstehen, die unsere Zeitung zum späteren Zeitpunkt vorstellen wird.

„Kommunalpolitik ist an Schulen unterrepräsentiert“, betonte Bürgermeister Thomas Priemer die Bedeutung des gesamten Projekts. Die Schüler lernten heutzutage alles über Europapolitik oder die Wahl des Bundespräsidenten, aber nichts über die Wahl des Bürgermeisters oder die Bedeutung des Verwaltungsausschusses.

„Es ist schön, wenn kommunalpolitisches Geschehen mehr an den Schulen stattfindet“, lobte Priemer. Es war Politiklehrer Carsten Ruhnau, der „Pimp Your Town!“ nach Rinteln gebracht hatte. Insgesamt drei Jahre hat das gedauert.

Der Aufwand hat sich gelohnt: Das Projekt kommt gut an bei den Schülern. „Es ist interessant, mal in die politischen Rollen zu schlüpfen, richtig bereichernd“, sagt Schülerin Lena-Marie Böger.

Toll sei, dass die eigenen Ideen ernst genommen würden, sagt Schülerin Miranda Homberg: „Man kann wirklich etwas bewirken.“ Das Projekt mache nicht nur Spaß, pflichtet ihr Mara Lieker bei, auch könne man hier selber handeln und entscheiden. „Jetzt wissen wir, wie wir uns politisch engagieren können“, zieht Justus Klusmeier ein erstes Fazit.

Keiner der drei kann sich aktuell vorstellen, einer politischen Partei einzutreten – eher schon, sich in Initiativen für bestimmte Themen stark zu machen.

Teilweise wird das Projekt auch mit ganz anderen Hoffnungen verbunden: „Durch solche Projekte können wir die Stadt für junge Menschen vielleicht attraktiv halten“, hoffte Linda Mundhenke, Demografiebeauftrage der Stadt. „Vielleicht würden weniger junge Leute die Stadt verlassen, wenn sie wissen, wie Politik vor Ort funktioniert“, sagte auch Priemer.

Die Themen, die am Freitag in der mehrstündigen Sitzung diskutiert wurden, werden übrigens auch in der „echten“ politischen Arbeit in Rinteln eine Rolle spielen. „Wir befassen uns natürlich ernsthaft mit den Themen“, sagt Bürgermeister Priemer, der der Sitzung als Verwaltungschef beiwohnte. Aus den Themen wolle er „reguläre Anträge“ entwickeln, die er „sukzessiv“ in die Ratsarbeit einbringen wolle.

Wer weiß – vielleicht wird hier also bald wieder über die Hundesteuer diskutiert.

Mein Standpunkt
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Von Marieluise Denecke

Das erste Mal kommt ein solches Projekt nach Rinteln. Drei Jahre hat es gebraucht, um „Pimp Your Town!“ in die Weserstadt zu holen. Es ist das erste Mal, dass so viele Schüler die Kommunalpolitik hautnah miterleben. Und dann kommen nur vier Ratsherren zur Sitzung? Das gibt ein trauriges Bild ab. Es wäre eine gute Gelegenheit gewesen, Schülern die politische Arbeit zu erklären.

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