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Hobbyforscher entdeckt unbekanntes Kapitel der Dorfgeschichte: die Quäker

„Sie ziehen vor der Obrigkeit nicht den Hut und verweigern Zahlungen“

Hohenrode (wm). Uwe Kurt Stade, Mitglied des Arbeitskreises für Archäologie im Heimatbund, der zurzeit die Geschichte der Freimaurer in Rinteln und der Region erforscht, ist dabei auf eine ungewöhnliche Episode in Hohenrode gestoßen, die in keiner offiziellen Chronik des Dorfes zu finden ist: In Hohenrode haben Quäker gelebt.

veröffentlicht am 16.10.2012 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 02.11.2016 um 02:21 Uhr

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Das Quäkertum war eine Bewegung radikaler Christen, die ursprünglich aus England und Amerika kam. In Hohenrode sind die Quäker vertrieben und enteignet worden, einfach deshalb, weil deren Lebensstil nicht ins Bild der offiziellen protestantischen Kirche gepasst hat: Sie lehnten den Dienst an der Waffe ab, zogen den Hut nicht vor der Obrigkeit und weigerten sich, Zahlungen an die Kirche zu leisten.

Es war General von Loßberg, der mit Soldaten aus dem Schaumburger Land im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg gekämpft hatte, der das Quäkertum mitbrachte. Loßberg war von den Quäkern in Amerika beeindruckt worden, weil sie Verwundete mit außerordentlicher Hingabe gepflegt hatten.

Bei seinen Recherchen über Freimaurer entdeckte Stade in der Hohenroder Chronik von 1898 die Geschichte der Familien von Friedrich Flake und Johann Hermann Schüttemeier Anfang der 1790er Jahre. Aufgeschrieben hat sie Pastor Bartold Murdtfeld aus Hohenrode.

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Der Pastor notierte damals, die Zusammenkünfte der Quäker im Dorf bewirkten „eine Unruhe“ unter den anderen Dorfbewohnern, sogar über die Weser kämen „bei Finstern” fremde Leute her, die allerhand Unfug anrichteten und “Spott über Spott trieben”.

Man empfahl deshalb den guten, christlichen Bürgern, mit den Quäkern keine Geschäfte zu machen, ihnen auch keine Lebensmittel zu verkaufen.

Der Pastor und die Kirchenältesten erteilten als ersten Schritt ein Versammlungsverbot, an das sich die Quäker aber nicht hielten. Die Hohenroder informierten daraufhin das Kirchengericht in Rinteln. Erneut ohne Erfolg.

Murdtfeld vertraute der Chronik an: „Sie blieben widersetzlich“. Mehr noch: Sie „lästerten unsere Religion, nannten die Pfarrer Pfaffen, unsere Kirche Götzentempel, verweigerten die Kindtaufe, schickten ihre Kinder nicht in die Schule, verweigerten mir und dem Küster das Opfer“.

Die Sache wird weiter nach oben durchgereicht an das Hochfürstliche Amt zu Schaumburg. Dort regiert in Hessen-Cassel Landgraf Wilhelm IX, ein aus Prinzip misstrauischer Mensch, immer in Panik vor Umsturzplänen, die ihn und seine Regierung gefährden könnten. Die Obrigkeit greift durch: Ein Sohn Schüttemeiers wird 1791 zwangsgetauft, Schüttemeier und seine Freunde ins Gefängnis gesteckt. Doch Murdfeld und die Hohenroder können es nicht fassen: Die Quäker sind nicht zu beeindrucken. Die Hohenroder Chronik hält fest: Selbst die Drohung noch härterer Strafen bleibe fruchtlos.

Jetzt hörte der Spaß für die Kirche und den Landgrafen auf: Die Familien Schüttemeier und Flake werden 1792 wegen Widersetzlichkeit gegen die Landesgesetze des Landes verwiesen, ihre Grundstücke und Häuser zwangsweise verkauft.

Immerhin, es gab auch viele Hohenroder, die den Hut vor so viel Standhaftigkeit zogen. Die Chronik hält fest: „Viele Menschen ehrten die Quäker weniger wegen ihres Quäkertums, als wegen ihres unbeugsamen Charakters“.

In anderen Landesteilen Deutschlands hatten Gesellschaft und Kirche keine Probleme mit den frommen Christen. In Minden, Obernkirchen, Gelldorf und Bückeburg gab es in den 1790er Jahre Quäkergemeinden.

Es ist eine Geschichte mit versöhnlichem Ausgang: Schüttemeier und Flake fanden Exil im toleranten Pyrmont. Mit dem Quäkertum im Dorf ist es allerdings vorbei.

Stade erinnert an den großen geschichtlichen Hintergrund: Man dürfe nicht vergessen, eigentlich war das die Zeit der Toleranz. Es war die Zeit von Goethe, Herder, Kant, der Aufklärung. In Schaumburg-Lippe gab es Freimaurer, auch in Rinteln zwei Logen.

Uwe Kurt Stade hat auch Hohenroder Frühgeschichte erforscht und auf den heute ausgekiesten Äckern Siedlungsspuren entdeckt, wie hier einen Mühlstein, der bei Baggerarbeiten gefunden worden ist.

Fotos: wm/pr.




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