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Landkreis fordert Investor „Planet Energy“ zur Überarbeitung seines Gutachtens auf / Nabu verweist auf ersten Todesfall

Stoppt Seeadler Windradpläne im Wesertal?

Rinteln. Die Seeadlerbrut am Taubenberg stellt nun auch die beantragte Baugenehmigung für zwei Windenergieanlagen zwischen Ahe und Westendorf infrage. Der Landkreis Schaumburg hat dem Investor „Planet Energy“, einer Tochterfirma der Umweltschutzorganisation Greenpeace, bereits im März schriftlich aufgegeben, sein sogenanntes avifaunisches Gutachten (Auswirkungen auf Vogel- und sonstige Tierwelt) zu überarbeiten. Insbesondere geht es um den Seeadler. Dessen Auftauchen war vom Gutachter bisher als nur sehr sporadisch beurteilt worden, weshalb „Planet Energy“ weiter auf eine Baugenehmigung hofft.

veröffentlicht am 23.04.2015 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 29.10.2016 um 05:42 Uhr

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„Uns liegen aber weitergehende Informationen des Naturschutzbundes (Nabu) vor, das Vorkommen des Seeadlers ist schon ein bedeutender Aspekt“, teilte Kreissprecher Klaus Heimann gestern auf Anfrage dieser Zeitung mit. „Wir sind für die immissionsschutzrechtliche Genehmigung zuständig. Und unser positiver Bauvorbescheid hatte die Artenschutzuntersuchung ausdrücklich ausgeklammert. Wir sehen uns bei einer Änderung der Sachlage durch den Seeadler deshalb auch nicht in einer Pflicht zu Schadenersatz an den Investor, wenn der Antrag auf Baugenehmigung nun scheitert.“ „Planet Energy“ hatte sich die Bauvorbescheide quasi vom vorherigen Projektbetreiber gekauft und seither Planungs- und Gutachterkosten gehabt.

„Wir haben uns auch mit dem NLWKN (Niedersächsischer Landesbetrieb für Wasserwirtschafdt, Küsten- und Naturschutz) als Landesfachbehörde abgestimmt“, ergänzt Heimann. „Das, was Planet Energy bisher eingereicht hatte, reicht nicht aus. So eine Untersuchung müsste man am besten jetzt durchführen, wo doch gerade gebrütet wird.“ Mit der Stadt Rinteln musste sich der Landkreis aktuell nicht abstimmen. „Wir sind nicht berührt, da es hier nicht um planungsrechtliche Fragen geht“, sagte Erster Stadtrat Jörg Schröder.

Der Rintelner WGS-Ratsfraktionsvorsitzende Dr. Gert Armin Neuhäuser hatte sich immerhin an den Landkreis gewandt. Bei einer Baugenehmigung riskiere dieser Niederlagen vor Gerichten und geschredderte Seeadler. Dass Forstamtsleiter Christian Weigel in dieser Zeitung den Seeadler als „faul“ bezeichnet hatte und ihm genug Nahrungsangebot bei Wennenkamp zusprach, verwunderte nicht nur Neuhäuser. Dieser erwidert: „Es entspricht naturschutzfachlicher Praxis, einen Radius von mindestens 3000 Metern um den Brutplatz von Windenergieanlagen freizuhalten, empfohlen werden sogar 6000 Meter.“ Neuhäuser verweist auf eine entsprechende Abstandsempfehlung des Ministeriums für Energiewende, Landwirtschaft, Umwelt und ländliche Räume des Landes Schleswig-Holstein. Derartige Erkenntnisse würden auch von niedersächsischen Verwaltungsgerichten zugrunde gelegt.

Dr. Nick Büscher (Nabu Rinteln) widerspricht Weigel ebenfalls: „Der Seeadler meidet Windenergieanlagen nicht, kann ihre Geschwindigkeit nicht einschätzen. Auch die Jungen kommen in die Nähe der Anlagen. Wir haben schon 2014 das Seeadler-Pärchen im Wesertal jagen sehen und dazu Daten an das Gutachterbüro, den Landkreis und das NLWKN geschickt. Von den großen Greifvögeln ist der Seeeadler außerdem die Art, die am häufigsten durch Windräder zu Tode kommt.“

Thomas Brandt, Nabu und Ökologische Schutzstation Steinhuder Meer (ÖSSM), bestätigt dies an einem Beispiel: „Wir haben schon 2008 ein elf Jahre altes, unser erstes Weibchen, das jahrelang erfolgreich am Steinhuder Meer gebrütet hat, durch eine Windenergieanlage in 14 Kilometer Entfernung vom Horst verloren. Das vom Jagdpächter gefundene Tier steht jetzt ausgestopft in einer Vitrine in der ÖSSM.“

Brandt ist enttäuscht, dass im bisherigen Gutachten von Planet Energy die allein aus 2014 resultierenden mehr als 175 Beobachtungen des Seeadlers im Wesertal keine Berücksichtigung fanden, obwohl sie von „Planet Energy“ angefragt wurden: „Daraus leite ich ganz klar eine Tendenz zugunsten des Windrad-Projekts ab. Wir stellen deshalb infrage, ob das bisherige Gutachten objektiv ist. Außerdem wurde dafür nicht intensiv genug beobachtet, der Beobachtungsbeginn durch das Planungsbüro lag meist zu spät am Tag .“

Im Gegensatz zu Weigels Angaben über die Nahrungsaufnahme des Seeadlers erklärt Brandt: „Der Seeadler fängt meistens schon morgens seine erste Beute, eines der Elterntiere bleibt immer am Nest. Beute sind Gänse, Fische und auch Bisamratten. Dazu fliegen die Rintelner Seeadler zwischen Deckbergen und Hohenrode, aber auch über die Engerschen Kiesteiche. Seeadler finden im Wesertal selbst keine ruhigen Brutplätze, deshalb wurde wohl der Horst bei Wennenkamp gebaut. Die Rotorblätter einer Windenergieanlage sind an deren Spitze bis zu 250 Stundenkilometer schnell, das kann der Seeadler nicht einschätzen, aber nicht nur er. In Niedernwöhren lag kürzlich ein toter Storch unter unter einer Windenergieanlage. Für den Seeadler, Störche wie auch für Milane gilt ein allgemeines Tötungsverbot. Im Radius von 3000 bis 6000 Metern um den Brutplatz ist das Aufstellen von Windkraftanlagen noch problematischer als in den Nahrungsgebieten, denn da sind ja die frisch ausgeflogenen Jungtiere mit gefährdet.“

Julian Tiencken von der Firma „Planet Energy“ erklärte gestern: „Wir bewerten gerade, ob und in welchem Umfang zusätzlichen Untersuchungen nötig sind. Bisher schien uns der Seeadler dort durch unsere Windräder nicht gefährdet.“




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