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Neue Serie: Altersarmut ist unsichtbar, zahlreiche Menschen holen sich keine Hilfe

SZ/LZ-Serie über Altersarmut startet: „Viele hungern lieber“

Armut und Einsamkeit im Alter: In den kommenden Wochen beschäftigt sich unsere Redaktion intensiv mit diesem Tabu-Thema. Wichtig ist uns vor allem die Sicht der Betroffenen. Denn die Gründe für Altersarmut sind individuell, viele Senioren wollen sich keine Hilfe suchen. Doch wer gilt eigentlich als arm? Und wo kann man sich Hilfe suchen?

veröffentlicht am 25.01.2019 um 16:25 Uhr

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Reporterin zur Autorenseite

Ich fühle mich nicht arm“, sagt Rentnerin Helga S. (68), die sich gerade Vorräte bei der Rintelner „Tafel“ abgeholt hat. „Aber in Wirklichkeit bin ich wohl arm.“ Von ihrer kleinen Rente bleiben 240 Euro für die Dinge des alltäglichen Lebens. „Ich komme klar“, betont sie.

240 Euro, das sind nur etwa die Hälfte von dem, was als Existenzminimum für den Lebensunterhalt gilt, nämlich aktuell 424 Euro für Alleinstehende. Doch ebenso wie andere Rentner, mit denen wir für unsere Serie zur „Armut im Alter“ sprachen, will Helga S. auf keinen Fall zum „Amt“ gehen. Ihr Grund: „Ich weiß schon, was dann passiert: Ich müsste umziehen. Meine Miete ist zu hoch.“

1061 Rentner bezogen im Landkreis Schaumburg die „Grundsicherung im Alter“, meistens in Form von Zuschüssen des Sozialamtes, mit denen eine zu geringe Rente bis zum offiziellen Existenzminimum aufgestockt wird.

Dafür muss man einen einmaligen Antrag stellen und seine Vermögens- und Wohnverhältnisse offenlegen, ähnlich, wie das auch beim Bezug von Hartz IV der Fall ist. „Es sind aber sehr viel mehr Menschen, die das Recht hätten, Grundsicherung zu beziehen“, sagt Landkreis-Pressesprecher Klaus Heimann. „Die Dunkelziffer ist hoch, daran gibt es keinen Zweifel.“

Jeder, dessen Einkommen unter dem Schwellenwert von in Niedersachsen aktuell 980 Euro netto liegt, gilt als „arm“. Es bedeutet, über weniger als 60 Prozent des niedersächsischen Durchschnittseinkommens zu verfügen (bundesweit liegt die „Armutsgefährdungsschwelle“ bei durchschnittlich 999 Euro Netto-Einkommen). Die Erfahrung zeige aber, dass viele der von Armut gefährdeten Rentner sich keine Hilfe suchen. Das bestätigt auch Käthe Kemna, Vorsitzende der „Silvesterinitiative“, des gemeinnützigen „Vereins für Menschen in besonderen Notlagen“.

Oft seien es Zufälle, durch die die Not alter Menschen aufgedeckt werde, sagt Kemna. Beispielsweise Nachbarn, denen auffällt, dass in der Nebenwohnung etwas nicht stimmt und die dann das Gesundheitsamt oder den Fachdienst Altenhilfe kontaktieren. Einer der harmlosen Fälle, von denen sie berichtet, handelt von einer alten Frau, auf die die „Silvesterinitiative“ aufmerksam gemacht wurde. „Ich habe doch alles“, habe die zierliche alte Dame gesagt, aber Kühlschrank und Speisekammer seien ganz leer gewesen. Nach einem gemeinsamen Einkauf habe die Frau geweint. „Ehre und Stolz“, das seien die Stichworte, warum gerade sehr alte Menschen sich oft als Einzelkämpfer durchschlügen, so Kemna. „Viele empfinden die ‚Grundsicherung‘ als Kränkung und nicht als etwas, das ihnen vom Grundgesetz her zusteht.“

So nutzen auch nur relativ wenige Rentner die Möglichkeit, sich ein wenig zusätzlichen finanziellen Spielraum durch die Angebote der „Tafel“ oder der Kleiderkammer des Deutschen Roten Kreuzes zu verschaffen. Jeden Mittwoch ist „Rentnertag“ bei den Tafeln im Schaumburger Land. In Rinteln kommen da meistens so um die 30 Personen und zahlen dann zwei Euro für zwei gut gefüllte Vorratstaschen – eine echte Erleichterung, wenn sie denn genutzt wird.

„Viele hungern lieber“, sagt dazu Tafel-Koordinatorin Heidi Niemeyer. „Aber wir können ja schlecht bei den Betroffenen, von denen wir das erfahren, direkt zu Hause vorbeigehen.“ Immer noch ist sie bedrückt, wenn sie an die weihnachtliche „Wunschbaum“-Aktion denkt und die bescheidenen Wünsche, die dort zu lesen waren. Zum Beispiel: „Einmal Waschpulver, und, wenn es geht, vielleicht auch einen Weichspüler“.

Selbst diejenigen, die staatliche Unterstützung in Anspruch nehmen, müssen jeden Cent einzeln umdrehen. Die ehemalige Lkw-Fahrerin Brigitte Dunker (67) aus Rinteln erzählt unserer Zeitung, wie sie mit 300 Euro für Essen, Kleidung und Ähnliches über die Runden kommt. Vom Rest bezahlt sie Hundefutter, spart für Dinge wie einen neuen Receiver fürs Fernsehen, und sie gesteht ein, dass sie das Rauchen nicht aufgegeben hat, sicher auch ein Grund für finanzielle Knappheit. „Das schaffe ich jetzt nicht auch noch“, sagt sie.

Fast zwei Drittel der Rentner, die im Landkreis Grundsicherung beziehen, sind Frauen. Die typischen Gründe dafür bringt die 80-jährige Amelie K. auf den Punkt. Vier Kinder habe sie großgezogen, immer wieder Nebenjobs angenommen, oft als Putzfrau – und dann den kranken Vater gepflegt. „Mein verstorbener Mann war wunderbar, aber mit Geld umgehen konnte er nicht“, sagt sie. Also wurde das Häuschen verkauft, um Schulden abzutragen. Sie selbst allerdings bezieht keine Grundsicherung. „Solange ich es noch irgendwie alleine schaffe.“ Auskommen für ihren Lebensunterhalt muss sie mit 220 Euro pro Monat.




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