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„Das wäre heute undenkbar“

Tagebuch verrät, wie August Vogt die Arensburger Brücke baute

RINTELN/KLEINENBREMEN. Sie waren seine letzten und gleichzeitig schönsten Bauwerke: August Vogt hat an den Autobahn-Talbrücken an der Arensburg und in Kleinenbremen selbst Hand angelegt. Das war 1937, da war der Inhaber des damaligen Betonwerks Vogt aus dem heutigen Mühlenkreis bereits 75 Jahre alt.

veröffentlicht am 26.04.2019 um 00:00 Uhr

26 Meter hoch sind die hier abgebildeten Gewölbe der Arensburger Brücke. Mit 75 Jahren war August Vogt dennoch fast jeden Tag selbst auf der Baustelle. Foto: jak

Autor:

Thomas Lieske
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RINTELN/KLEINENBREMEN. Sie waren seine letzten und gleichzeitig schönsten Bauwerke: August Vogt hat an den Autobahn-Talbrücken an der Arensburg und in Kleinenbremen selbst Hand angelegt. Das war 1937, da war der Inhaber des damaligen Betonwerks Vogt aus dem heutigen Mühlenkreis bereits 75 Jahre alt. Seit vielen Jahren ist Vogt tot. Doch sein Tagebuch, das ein Redakteur des Mindener Tageblatts auswerten konnte, erzählt die Geschichte weiter. Und bietet einen seltenen Einblick in die Zeit des Baus der A 2 bei Porta Westfalica.

Gerade einmal 14 Monate haben die Arbeiter damals gebraucht, um die Mauerwerke an gleich mehreren Talbrücken Stein für Stein zu bauen – Hilfsmittel wie heute gab es kurz vor dem Zweiten Weltkrieg nicht. Vogt schreibt: „Mit dem Mauerwerk des ersten Pfeilers haben wir am 2. Juli 1937 begonnen und alle Arbeiten an den drei Brücken bis Ende Oktober 1938 erledigt. An der Baustelle beschäftigten wir täglich 200 bis 250 Maurer, Steinmetze und Arbeiter.“

Heute halten sein Enkel Hans Vogt und dessen Frau Elke aus Minden das Tagebuch des Talbrücken-Bauers in der Hand. Sichtlich stolz sind die beiden auf das, was August Vogt zusammen mit seinen Mitarbeitern und Partner-Unternehmen damals geschaffen hat. „Das wäre heute undenkbar“, ist Hans Vogt überzeugt. „14 Monate Bauzeit, das ist nicht zu übertreffen. Selbst die Verbreiterung der Talbrücke Kleinenbremen hat fast vier Jahre gedauert.“

Der Mindener hängt sehr an dem Tagebuch seines Großvaters. Denn es zeigt, wie emotional verbunden August Vogt damals mit seiner Arbeit und diesen besonderen Bauwerken war. „Für mich war dieses das größte und schönste Bauwerk meines Lebens. Obgleich ich bei Beginn der Arbeiten schon 75 Jahre alt war, habe ich kaum einen Tag auf der Baustelle gefehlt.“ Für den Chef des Unternehmens war es damals offenbar eine Selbstverständlichkeit, selbst mit anzupacken: „Und es ist bei der Arensburger Brücke kein Gewölbe geschlossen worden, wo ich nicht oben war.“

Die Gewölbe, die noch heute zu besichtigen sind, sind imposant gestaltet. Allein die Zahlen beeindrucken: 640 Meter lang ist die Brücke bei der Arensburg. Die Gewölbe kommen auf eine Höhe von 26 Metern. Die anderen Brücken kommen auf Längen um die 200 Meter und rund 20 Meter Höhe.

Dass einige Quellen diese Bauwerke als „nationalsozialistischen Größenwahn“ beschreiben, trifft das heutige Ehepaar Vogt aus Minden sehr. „Und von Zwangsarbeitern, wie oft behauptet wird, ist nie die Rede gewesen. Die könnten höchstens bei der Teerschicht geholfen haben“, ist Elke Vogt überzeugt.

Überzeugt waren damals offenbar auch die Auftraggeber der Bauwerke: „Alle an diesen Bauwerken übertragenen Arbeiten haben wir zur vollsten Zufriedenheit der auftraggebenden Behörden ausgeführt“, schreibt August Vogt in seinem Bau-Tagebuch. Und überzeugt war damals auch Vogt selbst von der Idee, die Talbrücken zu errichten. So sehr, dass er so ziemlich alles in Bewegung setzte, um an dem Bau mitwirken zu können.

Hauptauftragnehmer war damals die Firma Züblin aus Duisburg. „Kurz entschlossen schrieb ich an die Brückenbauleitung in Hannover und bat – da ich über eine größere Belegschaft im Bruchsteinmauerwerk erfahrener Maurer verfügte –, mir doch mitzuteilen, welche Firmen die Arbeiten bekommen, um mich wegen Betätigung an selbige zu wenden.“ Schon wenige Tage später wusste August Vogt, wen er ansprechen musste – und hatte Erfolg.

Weil eigenes Personal nicht ausreichte, fragte er benachbarte Baufirmen an. Diese glaubten zunächst nicht daran, dass sie überhaupt eine Chance hätten, am Großprojekt mitwirken zu können. Doch August Vogt hatte bereits Tatsachen geschaffen und überzeugte den Chef der Firma Ackemann aus Obernkirchen schnell: „Als ich ihm dann sagte, dass ich die Unterlagen von vier Firmen schon in den Händen hätte, war er in kurzer Zeit bei mir. Wir nahmen als Dritten Herrn Distelmeier, Hessendorf, hinzu, um genügend Mannschaften stellen zu können.“

Enkel Hans Vogt erinnert sich gern an die Erzählungen seines Großvaters, die er noch mitbekam. Ein Satz ist ihm besonders im Gedächtnis geblieben. „Ich habe keinen Mann auf der Baustelle verloren“, hat er die Worte seines Großvaters noch exakt im Ohr. Es sind Worte, die den Rentner, der das Betonwerk vor einigen Jahren verkauft hat, noch heute berühren. Die ihn stolz machen. Auch deshalb zeigt er seinen Enkeln heute immer wieder gerne die Talbrücken, an denen sein Großvater eigenhändig mitgemauert hat. „Wir können jedes Mal wieder staunen“, sagt Hans Vogt.




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