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SZ/LZ-Serie zur Altersarmut: Auch arme Senioren haben im Pflegeheim noch Geld zur Verfügung

Taschengeld fürs Heim

RINTELN. Manche der Menschen, die im Pflegeheim leben, müssen Sozialhilfe beziehen, weil ihre Rente für die Heimkosten nicht ausreicht. Das bedeutet aber nicht, dass sie gar kein Geld mehr zur Verfügung haben. 114 Euro und 48 Cent, so viel Taschengeld steht ihnen auf jeden Fall zu. Ist das eher wenig Geld? Oder kommt man gut damit aus?

veröffentlicht am 15.02.2019 um 18:17 Uhr

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Cornelia Kurth Reporterin zur Autorenseite
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RINTELN. „Für die meisten Menschen, die bei uns leben, spielt Geld keine große Rolle mehr“, sagt dazu Ralf Ober, Leiter des Seniorenheims in der Landgrafenstraße. „Materielle Dinge sind viel weniger wichtig als das Gefühl, gut aufgehoben zu sein.“ Vierzehn der insgesamt 89 Heimbewohner erhalten Sozialhilfe und damit auch das Taschengeld. Einige von ihnen geben kaum etwas davon aus, weil sie zu krank oder zu verwirrt dafür sind. Für andere aber bietet das Taschengeld einen für sie unverzichtbaren Handlungsspielraum.

„Die Menschen verändern ja nicht plötzlich ihren Charakter, wenn sie ins Heim kommen, auch nicht unbedingt, wenn sie dement sind“, meint dazu Mitarbeiterin Marianne Siefert (Name auf Wunsch von der Redaktion geändert). „Wer früher gern shoppen gegangen ist, liebt das auch jetzt noch. Die Frauen vom Dorf dagegen, die ihr Geld immer zusammengehalten haben, die kommen gar nicht auf die Idee, sich einen Luxus zu gönnen.“

Nicht viel anders sei das zum Beispiel mit den Friseurbesuchen. Die einen machen mehrmals monatlich einen Termin im kostengünstigen Friseursalon des Heimes ab, während andere ihre Haare einfach lang wachsen lassen, so wie früher auch. Regelmäßig zur Fußpflege gehen allerdings alle: „Ein alter Fußnagel ist eben anders als ein Nagel am jungen Zeh. Fußpflege muss sein“, meint Marianne Siefert. Etwa 16 Euro kostet eine Behandlung. „Wir bekommen ja Mengenrabatt.“

Den mit Abstand größten Posten mache „die Apotheke“ aus, also die Zuzahlungen für Medikamente, Krankengymnastik und Fahrtkosten zu Arztterminen. Auch Erkältungsmittel stünden hoch im Kurs. „Da wollen viele ihre vertrauten Marken haben, auch wenn die eher teuer sind.“

Der kleine Kiosk im Haus, der zweimal pro Woche geöffnet hat, ist ein beliebter Anziehungspunkt, vor allem für diejenigen, die nicht mehr mobil genug sind, um sich in die Stadt begleiten zu lassen. Wer aber noch einen kleinen Stadtbummel machen kann, bringt sich Blumen mit oder mal ein neues Kleidungsstück, erzählt Marianne Siefert. Immer mal wieder bestellt sich jemand etwas per Post, Supersonderangebote aus den typischen Seniorenzeitschriften, wie Handtaschen, Schmuck oder Kleidung. „Das ersetzt den früheren Schaufensterbummel.“

Carmen Pletat, Leiterin des Seniorenheimes am Seetor, kann aus ihrem Haus Ähnliches berichten. „Ich denke, auch denjenigen, die Sozialhilfe erhalten, geht es insgesamt gut, wahrscheinlich sogar besser als zu der Zeit, als sie noch zu Hause mit ihrem Geld auskommen mussten.“ Die Bewohner hätten ja alles, was sie zum Leben brauchen, Essen, Trinken, die Zimmer würden geputzt, für Betreuung sei gesorgt. Wo neue Kleidung gebraucht würde, beantragt man das beim Sozialamt. „Wir berechnen 4,17 Euro für vier Mahlzeiten am Tag – das wäre privat wohl kaum zu schaffen.“

Information

Barbetrag zur persönlichen Verfügung“ heißt das Taschengeld, welches allen Sozialhilfeempfängern unter Heimbewohnern auf ihre Konto gezahlt wird. Die Höhe beträgt immer 27 Prozent der Regelbedarfsstufe 1. Selbst, wenn ein Bewohner Schulden gemacht hat, dürfen Inkasso-Unternehmen diesen Betrag nicht pfänden. Nicht gezahlt wird das Taschengeld, wenn Bewohner noch mehr als den Vermögensfreibetrag von 5000 Euro besitzen. Das sei der Grund, so Heimleiter Ralf Ober, warum sich manchmal die Angehörigen das gesparte Taschengeld geben lassen, dann nämlich, wenn Bewohner nicht mehr in der Lage sind, das Geld selbst auszugeben und ihr Konto dann mehr als den Vermögensfreibetrag aufweisen würde.cok




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