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Kirstan: „Tüxen-Preis im Visier linksradikaler NS-Inquisitoren“

Tüxen und die Nazis: Reaktionen auf FARN-Vorwürfe

RINTELN. FDP-Ratsherr und Studienrat Dr. Ralf Kirstan, ehemaliger wissenschaftlicher Mitarbeiter am Max-Planck-Institut für Geschichte in Göttingen, hält Lukas Nicolaisens (FARN) Folgerungen für „lebensfremd, eine oberlehrerhafte Attitüde und bar jedes Gespürs für die Zwangslagen in einer Diktatur“.

veröffentlicht am 30.05.2018 um 17:37 Uhr
aktualisiert am 30.05.2018 um 18:14 Uhr

Die Grabstelle von Reinhold und Johanna Tüxen in Todenmann. Foto: tol
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Hans Weimann Reporter
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RINTELN. Lukas Nicolaisen, Leiter der FARN, Fachstelle Radikalisierungsprävention und Engagement im Naturschutz, hatte wenige Tage vor der Tüxen-Preisverleihung in einem Schreiben an die Medien, die Tüxen-Gesellschaft und Stadt deutlich gemacht, dass nach seiner Auffassung der 1980 verstorbene Professor Reinhold Tüxen – Namensgeber des Tüxen-Preises“ – zu eng mit den Nationalsozialisten verbunden gewesen sei (wir berichteten).

Dazu hat sich neben vielen anderen gestern auch FDP-Ratsherr und Studienrat Dr. Ralf Kirstan zu Wort gemeldet. Kirstan betonte in seiner E-Mail, er schreibe auch als ehemaliger wissenschaftlicher Mitarbeiter am Max-Planck-Institut für Geschichte in Göttingen. Kirstan hält Nicolaisens Folgerungen für „lebensfremd, eine oberlehrerhafte Attitüde und bar jedes Gespürs für die Zwangslagen in einer Diktatur“. Hier würden „Sachverhalte künstlich skandalisiert“.

Kirstan: Was wird die nächste Eskalationsstufe „linksradikaler NS-Inquisitoren“ sein? Wird die Berufsgruppe der Ziegeleiarbeiter kollektiv denunziert werden, weil die von ihnen gebrannten Backsteine auch zum Errichten der Krematorien des Dritten Reiches verwendet worden sind?“

Kirstan rätselt, „welchen relevanten Einfluss die Wahl des Autobahnbegleitgrüns oder die Art des Rankenbewuchses an Bunkeranlagen des Westwalls auf den nationalsozialistischen Angriffskrieg oder den Genozid an den Juden gehabt haben sollte“.

Für ihn seien die von der „FARN“ angeführten Vorwürfe gegen Tüxen (der im Gegensatz zu Günter Grass weder SS- noch Parteimitglied war) jahrzehntealt und wenig überzeugend.

Vor diesem Hintergrund erscheine ihm der Versuch, Tüxen eine wissenschaftliche Beziehung zum KZ Auschwitz anzudichten, „mehr als nur unseriös“. Es handele sich hier schlicht um „den wohlfeilen Versuch, das Andenken an einen international geachteten Wissenschaftler zu zerstören, der sich dagegen nicht mehr wehren kann“. Und Kirstan verortet Nicolaisen in jenem linken Spektrum, das „alles bekämpft, was sie zur rassistischen Hetze Andersdenkender erklärt“. So sei Nicolaisen eng mit der politischen Organisation „Die Falken“ verbandelt, eines Ablegers der „Sozialistischen Jugend“, zu deren Motto auch „Let’s fight discrimination“ zählt. Kirstan: „Uniformiert wird bei den straff organisierten Falken übrigens mit blauen Hemden – dem FDJ-Look der autoritären DDR-Diktatur täuschend ähnlich.“

Nicolaisen stellte gestern in einem Telefongespräch zunächst einmal klar, er halte sowohl die Preisvergabe durch die Stadt Rinteln an einen verdienten Vegetationswissenschaftler wie die Tagung für eine wichtige und richtige Sache.

Der Bildungsreferent und gelernte Agrarwissenschaftler sorgt sich eher darum, dass heute (wie damals) der Naturschutz wieder von rechten Ideologen gekapert wird. Nicolaisen schilderte, er beobachte, wie junge Menschen, die sich für den Naturschutz interessieren und engagieren, gleichzeitig rechtes Gedankengut präsentiert bekommen. Das lasse sich in zahlreichen Publikationen verfolgen. Nicolaisen sagt, die „Rechte“ habe das ökologische Weltbild wiederentdeckt, weil es sich „Naturbildern“ bedient, die auch zur rechten Ideologie passen.

Entsprechende Veröffentlichungen finde man beispielsweise bei der Partei „Der Dritte Weg“, bei dem Publizisten Götz Kubitschek. Und es gebe vermehrt rechte Netzwerke, die sich des Themas Naturschutz annehmen. Stichwort: Graswurzelarbeit.

Auch mit seiner Einschätzung der Verbindung Tüxens mit dem Westwall, dem 600 Kilometer langen ehemaligen Bollwerk, stehe er nicht allein. Nils Franke vom Wissenschaftlichen Büro Leipzig habe in seiner Studie zum „Naturschutz bei Planung und Bau des Westwalls“ unter anderem festgestellt: Es ging um eine „germanische Wehrlandschaft“, durchaus auch um Artenschutz. Beim Westwall vor allem „um die Tarnung durch das Pflanzen von sorgfältig ausgesuchter Arten, die man als bodenständig und deutsch betrachtet hat“. (Nicht ohne Ironie: Die Überreste der Bunkeranlagen sind heute ein Netz von Biotopen.)

Mehrere Leser äußerten Zweifel, ob der (zitierte) Vergleich zwischen Bolschewismus und Springkraut, was es beides „auszurotten“ gelte, sicher Tüxen zugeordnet werden könne.

Nicolaisen sagt Ja. Und verweist auf die Tagung des Denkmalschutzes 2014 in Hannover zum Thema „Freiraumgestaltung in Niedersachsen während der NS-Diktatur“. In der Dokumentation der Tagung kann man nachlesen: „Die junge Disziplin der Pflanzensoziologie sollte den quasi wissenschaftlichen Nachweis für den Vorrang einer vermeintlich natürlichen, heimischen landschaftsgegebenen vor einer unnatürlichen, fremdländischen Bepflanzung liefern. Protagonist der neuen Lehre war Prof. Dr. Reinhold Tüxen, der 1942 in der Vorderen Eilenriede dem kleinblütigen Springkraut den ,Ausrottungskrieg‘ ansagte.“ Dann folgt das Zitat vom „Kampf gegen den Bolschewismus“ und „der Schönheit unseres heimischen Waldes“.

Eine „Erfindung“ Tüxens wäre die „Bekämpfung der „mongolischen Pest“ trotzdem nicht gewesen. Dieses Vokabular findet man bereits in einem „Botanisches Begleiter“ aus dem Jahr 1869. Die Formulierung „Ausrottungskrieg“ bei Max Kästner, Schriftführer der „Arbeitsgemeinschaft sächsischer Botaniker“.

Die Frage, was gehört hierher, was nicht, also wie soll „Natur“ aussehen, wird heute in der ganzen Welt von Wissenschaftler diskutiert. Die Community spaltet sich längst unabhängig von „rechter“ oder „linker“ Ideologie in Parteien, die entweder bei Vegetation wie Tierwelt den „Status quo“ halten wollen oder die Meinung vertreten, Wandel sei immer gewesen.

Auch Kartoffeln und Kastanien sind „Einwanderer“ in Deutschland. „Natur“ gebe es ohnehin bei uns nur als Natur aus zweiter, sprich: Menschenhand. Bestes Beispiel hier: die Lüneburger Heide. Oder vor unserer Haustür die Auenlandschaft.

In der Diskussion geht es um Neophyten (eingewanderte Pflanzen) wie beispielsweise Riesen-Bärenklau, Springkraut, Ambrosia oder Kirschlorbeer; und um Neozoen (also eingewanderte Tiere) wie beispielsweise Waschbär, asiatischen Marienkäfer, Grauhörnchen, chinesische Wollhandkrabbe. Also die Frage, soll man die ausrotten? Dürfen die hier leben oder nicht?

Die Wissenschaftler, die anlässlich der Tüxen-Preis-Verleihung nach Rinteln kommen, sehen längst ein anderes, größeres Problem: den Einfluss des Menschen durch Infrastruktur, Verstädterung, industrieller Landwirtschaft und Bodenversiegelung, was die Artenvielfalt dramatisch dezimiert, die Biodiversität zerstört. Der Schwerpunkt der Diskussion hat sich also längst verschoben.

Tüxen starb wenige Tage vor Vollendung seines 81. Lebensjahres. In einem Nachruf hat der niederländische Professor Dr. Jan Johannes Barkman betont: „... thanks also to Tüxen‘s anti-Hitler attitude during the war, in which he managed to get several French colleagues-prisoners of the war-out of capticity“. Für diese Freistellung der französischen Kriegsgefangenen erhielt Tüxen zwei Ehrendoktorate in Montpellier und Lille.




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