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Gegen Rechts: 1000 Schüler sehen Dokumentarfilm / Präventionsrat veranstaltet Kreativ-Wettbewerb

Undercover in der Naziszene – zur Prävention

Rinteln (jaj). Es ist mucksmäuschenstill in den „Weserlichtspielen“ des Rintelner Kinocenters. Gebannt schauen die Schüler der achten und neunten Klassen des Gymnasiums Ernestinums auf die große Kinoleinwand. Dort ist gerade eine Schwarz-Weiß-Aufnahme zu sehen. Ein Konzert. Vor der Bühne stehen junge Erwachsene, viele von ihnen glatzköpfig, den rechten Arm in die Luft erhoben. Die Aufnahme ist verwackelt, der Ton nur undeutlich zu verstehen. Der Liedtext wird deshalb zusätzlich noch eingeblendet: „…Blut muss fließen, knüppelhageldick und wir scheißen auf die Freiheit dieser Judenrepublik…“

veröffentlicht am 17.10.2012 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 02.11.2016 um 02:21 Uhr

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Das Konzert ist eine Szene aus dem Film „Blut muss fließen – Undercover unter Nazis“. Die Aufnahme hat der Journalist Thomas Kuban gemacht. Er heißt nicht wirklich so, seinen echten Namen hält er geheim. Denn Kuban recherchierte 15 Jahre lang verdeckt und mit versteckter Kamera in der Nazi-Szene. Was er dort erlebte, konnten rund 1000 Schüler der weiterführenden Schulen Rintelns gestern im Kino-Center erleben.

Die Filmvorführung ist Teil einer groß angelegten Präventionskampagne, die der Präventionsrat Rinteln federführend initiiert hat. „Wir haben derzeit keine rechten Tendenzen in Rinteln. Und damit das auch so bleibt, setzen wir auf Prävention“, erklärt Wilfried Korte, Chef der Rintelner Polizei und Mitglied des Präventionsrats. Ziel sei es, alle Anstrengungen zu unternehmen, damit junge Menschen gar nicht erst in die Fänge des Rechtsextremismus geraten.

Die Schüler des Ernestinums, der BBS und der Oberschule, die den Film aufgeteilt in Gruppen nacheinander und parallel in drei Kinosälen sahen, wurden mit dem gezeigten jedoch nicht allein gelassen. Schon in den vergangenen Wochen hatten sich die Lehrer dem Thema Rechtsextremismus im Unterricht angenähert, und auch direkt vor dem Film wurden die Schüler noch einmal darauf eingestimmt, was sie erwartet. Diese Aufgabe übernahmen neben Polizei-Chef Korte auch Jörg Schröder, Rintelns Erster Stadtrat und ebenfalls Mitglied des Präventionsrats, Dr. Kati Zenk vom Landespräventionsrat, Dietmar Scholz, Leiter des Fachkommissariats Staatsschutz bei der Polizeiinspektion Nienburg/Schaumburg und Dirk Assel, DGB-Jugendreferent.

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Auch Peter Ohlendorf, Produzent des Films, war extra nach Rinteln gekommen, um bei der Aktion dabei sein zu können. Dass sein Film vor Schülern gezeigt wird, freut ihn sehr. „Sie waren bei der Produktion des Films von Beginn an im Fokus“, erklärt der Produzent. Denn es seien ja gerade die jungen Leute, die auf den Bildern des Films zu sehen sind. „Das sind Jungs und Mädels, auch aus dem bürgerlichen Milieu“, beschreibt er und fügt nach einer kurzen Pause hinzu: „Es ist erschreckend, wie weit sich das Gedankengut schon wieder vorgearbeitet hat.“

Nach dem Film hatten die Schüler die Möglichkeit, in einer Diskussionrunde Fragen an den Filmemacher, die Vertreter der Polizei und den Präventionsrat zu stellen. Und diese Möglichkeiten wurde rege genutzt. „Können wir in unserem Alter denn noch gar nichts machen?“, wollte beispielsweise ein junges Mädchen wissen. „Doch, Ihr alle könnt etwas tun“, versicherte Dr. Zenk vom Landespräventionsrat. Jeder Einzelne könne die Einstellung haben, dass alle Menschen gleich sind. Und wenn er eine andere Meinung hört, könne man einschreiten. „Das müsst Ihr nicht selbst tun, Ihr könnt Euch auch Unterstützung, beispielsweise von Lehrern, holen“, ermunterte sie die Schüler.

Für Ohlendorf, der mit seinem Film auch auf der diesjährigen Berlinale für Aufsehen gesorgt hat, war der gestrige Tag in Rinteln das bisher größte Projekt vor Schülern. „Das war Rekord“, bestätigte er. Generell zeigte er sich von dem Ansatz des Präventionsrats begeistert. „Es ist genial, dass so ein Projekt daraus entsteht“, so der Produzent.

Denn mit der Filmvorführung ist die Beschäftigung mit dem Thema Rechtsextremismus für die Rintelner Schüler noch nicht beendet. Sie alle sind aufgefordert, sich im Rahmen eines Wettbewerbs kreativ mit dem Thema „Rinteln – eine tolerante Stadt!?“ auseinanderzusetzen. Denkbar seien Theateraufführungen, Filme, Interviews, Musikstücke und vieles mehr. Den Siegern winken Geldpreise. In welcher Höhe diese ausfallen, entscheidet sich am Donnerstag, 15. November. Dann gibt das Polizeiorchester Niedersachsen gemeinsam mit der Big Band des Ernestinums und unterstützt von anderen Schülern der beteiligten Schulen ein Konzert im Ernestinum. Der Eintritt ist frei, allerdings wird um Spenden gebeten – und die bilden dann das Preisgeld für den Wettbewerb.

Filmemacher Peter Ohlendorf will sich bemühen, bei der Präsentation der Sieger im kommenden Februar dabei zu sein. „Es ist ein tolles Projekt, das am besten bundesweit durchgeführt werden sollte“, findet er.

Peter Ohlendorf, Produzent des Dokumentarfilms, plädiert für eine bundesweite Ausweitung des Rintelner Projekts.




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