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Hunderte Arzneien sind derzeit nur schwer oder gar nicht zu bekommen

Viele Medikamente in Schaumburg nicht lieferbar

RINTELN. Wer ein bestimmtes Medikament braucht, könnte derzeit Pech haben. Durch Lieferengpässe sind einige Mittel in den Apotheken knapp geworden. „Es kommt bei verschiedenen Wirkstoffen immer wieder zu Engpässen“, erklärt Apotheker Klaus Bellwinkel. Hunderte Medikamente sind betroffen. Aber auch im Klinikum Schaumburg merkt man die Lieferengpässe.

veröffentlicht am 10.05.2019 um 16:42 Uhr
aktualisiert am 10.05.2019 um 18:10 Uhr

Nicht alle Medikamente sind auf dem Markt jederzeit problemlos zu beschaffen. Foto: dpa
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Jakob Gokl Stv. Chefredakteur zur Autorenseite
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RINTELN. Wer ein bestimmtes Medikament braucht, könnte derzeit Pech haben. Durch Lieferengpässe sind einige Mittel in den Apotheken knapp geworden. „Es kommt bei verschiedenen Wirkstoffen immer wieder zu Engpässen“, erklärt Apotheker Klaus Bellwinkel. Gerade bei sehr einfachen Wirkstoffen, wo die Preise im Keller sind, aber auch bei Impfstoffen und Mitteln gegen Bluthochdruck wie etwa Valsartan.

Etwa 200 Medikamente könne er zum jetzigen Zeitpunkt nicht bestellen, erklärt Bellwinkel. Das ist allerdings nur eine Momentaufnahme, die lieferbaren Medikamente sind in ständiger Bewegung. Etwa eine Stunde am Tag verbringt Bellwinkel für seine vier Apotheken damit, nicht mehr lieferbare Medikamente doch noch zu bekommen.

Ähnlich ergeht es dem Apotheker Cornelius Padberg aus Rehren. Auch bei seinem Großhändler sind mehr als 100 Medikamente nicht mehr lieferbar. „Das ist wirklich dramatischer geworden in den letzten Monaten“, sagt Padberg, der in Rehren und in Stadthagen je eine Apotheke betreibt. Er erwartet, dass die Spitze des Berges noch nicht erreicht sei.

„Der Markt konsolidiert sich“, erklärt Bellwinkel. Der harte Preiskampf mache sich bemerkbar. Immer mehr Hersteller produzieren nicht mehr selbst, sondern lassen sich aus Südostasien oder den USA beliefern. Es gebe immer weniger Produzenten. Und wenn dann einer davon ausfalle, wie etwa beim Schmerzmittel Ibuprofen, mache sich das schmerzhaft bemerkbar. Für Ibuprofen, erklärt Bellwinkel, gab es nur drei nennenswerte Produzenten: einen in Indien, einen in Malaysia, einen in den USA. Nachdem das Werk in Indien nach einem Großbrand bereits ausgefallen war, stellte das Werk in den USA wegen technischer Probleme ebenfalls die Produktion ein. „Und schon hatten wir Engpässe bei Ibuprofen.“

Auch das Herzmittel Valsartan war lange Zeit auf dem Markt nur schwer zu bekommen. Wegen Verunreinigungen wurden viele Lieferungen zurückgerufen. Padberg erklärt sich die vielen Lieferprobleme in der jüngsten Zeit auch damit, dass immer mehr Hersteller auf Billiglohn-Länder ausweichen, die auch niedrigere Sicherheitsstandards aufweisen. Doch langsam gehe der Trend wieder zurück. „Momentan hört man immer wieder, dass ein Produzent in Europa Fabriken aufbaut. Aber das dauert dann erst mal vier bis fünf Jahre“, erklärt der Apotheker.

Sobald ein Medikament wieder verfügbar sei, könnten die Apotheker aber nicht einfach zu Hamsterkäufen übergehen, sagt Bellwinkel. „Das läuft dann über Kontingente, damit nicht eine Apotheke 500 Packungen kauft.“ In diesem Fall mache es sich bezahlt, dass er auf den Bestand von immerhin vier Apotheken zurückgreifen könne. Jede habe ein eigenes Lager und könne bei rationierten Medikamenten auf ein eigenes Kontingent zurückgreifen. „Wenn also in der einen Apotheke ein Medikament besonders gefragt ist, können wir umverteilen“, sagt Bellwinkel.

Information

Im Schaumburger Klinikum sieht die Situation etwas anders aus als bei den „normalen“ Apotheken. Das Krankenhaus wird von der hauseigenen Agaplesion-Apotheke in Bad Pyrmont beliefert. Sie wird geleitet von Dr. Jens Malte Bickert.

Auf Anfrage erklärt dieser den Unterschied: „Öffentliche Apotheken müssen bei jedem einzelnen Patienten beachten, mit welchen Pharmafirmen die jeweilige Krankenversicherung einen Vertrag abgeschlossen hat, also jeden Wirkstoff in allen Dosierungen von gleich mehreren Lieferanten bevorraten. Erfreulicherweise sind Krankenhausapotheken dazu nicht verpflichtet.“ Die Agaplesion-Apotheke ist Teil einer Einkaufsgemeinschaft von 185 Krankenhäusern. „Die Einkaufsgemeinschaft reserviert unseren Bedarf bei jeweils einem Lieferanten, bei dem wir dann einkaufen. Leider hält die Pharmaindustrie ihre Verträge trotz rechtzeitig vorher abgesprochener Abnahmemengen oft nicht ein, sodass wir mehrmals wöchentlich nach Ersatzlieferanten suchen müssen.“

Dennoch gibt es Medikamente, die von keinem der zahlreichen Lieferanten lieferbar sind. „Das betrifft für unseren Versorgungsbereich etwa ein halbes Dutzend Präparate“, so Bickert. „Ein Beispiel ist eine Trinklösung zur notfallmäßigen Blutdrucksenkung; glücklicherweise kann man hier auf einen anderen Wirkstoff in Form eines Mundsprays ausweichen. Ein Antibiotikum zur intravenösen Anwendung ist zudem nur als Kombinationspräparat verfügbar.“

Im vergangenen Jahr wurden über zwei Millionen einzelne Tabletten, Kapseln, Ampullen, Tuben und Ähnliches ans Klinikum geliefert. jak




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