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Fahranfänger vor Gericht

Vierfache Mutter starb noch an Unfallstelle: 18-Jähriger verurteilt

RINTELN. Zehn Monate nach einem tragischen Verkehrsunfall an der Büntekreuzung, bei der eine vierfache Mutter starb, ist der Unfallverursacher jetzt verurteilt worden. Das Amtsgericht Rinteln hat den 18-jährigen Fahranfänger wegen fahrlässiger Tötung verurteilt. Das ist passiert:

veröffentlicht am 17.04.2019 um 15:10 Uhr

Gegen diese Litfaßsäule wurde die vierfache Mutter am 23. Juni 2018 durch den BMW des 18-Jährigen gedrückt. Sie verstarb noch am Unfallort. Der 18-Jähriger sprach jetzt vor Gericht von einem „dummen Zufall“. Foto: Archiv
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RINTELN. Zehn Monate nach einem tragischen Verkehrsunfall an der Büntekreuzung hat vor dem Rintelner Amtsgericht die juristische Aufarbeitung des schrecklichen Geschehens stattgefunden.

An einem Samstagnachmittag im Juni war ein Fahranfänger (18) mit seinem BMW zu schnell in den Kreuzungsbereich gefahren und ins Schleudern geraten. Der Wagen schlitterte über den Bordstein, erfasste eine 40-jährige Fußgängerin auf dem angrenzenden Geh- und Radweg und drückte sie gegen eine Betonlitfaßsäule. Trotz sofortiger Wiederbelebungsversuche erlag die Mutter von vier Kindern noch an der Unfallstelle ihren schweren Verletzungen.

„Es ist sehr, sehr schwer, irgendetwas bei diesem Fall zu finden, was gerecht sein könnte“, gestand der Vorsitzende Richter Ulf Kranitz in seiner Urteilsbegründung und fügte hinzu: „Eine Strafverhandlung ist nicht dazu da, den Wert eines Menschen zu rächen oder irgendwie zu beziffern.“

Kranitz verurteilte nach vierstündiger Verhandlung auf fahrlässige Tötung, fahrlässige Körperverletzung sowie vorsätzlicher Straßenverkehrsgefährdung den Angeklagten unter Anwendung von Jugendstrafrecht. Dabei, so Kranitz, stehe der Erziehungsgedanke deutlich im Vordergrund. Der 18 Jahre alte Unfallverursacher muss nun 1500 Euro an den Hospizverein Rinteln zahlen, 140 Stunden gemeinnützig arbeiten und an einem Verkehrserziehungskurs teilnehmen. Außerdem wurde seine Fahrerlaubnis, die vier Monate nach dem Unfall vorläufig entzogen wurde, nun endgültig entzogen. Die Führerscheinsperrfrist beträgt ein Jahr.

An besagtem Samstagnachmittag hielt der Angeklagte zunächst bei Rot in der Bahnhofstraße am Kino-Center. Der 18-Jährige, der erst seit knapp zwei Wochen seinen Führerschein besaß und zuvor drei Monate Erfahrung durch begleitetes Fahren hatte, saß erst zum zweiten oder dritten Mal hinter dem Steuer seines BMWs. Diesen hatte er sich bereits ein halbes Jahr vorher besorgt, unmittelbar vor dem Unfall wurden vier neue Reifen aufgezogen. Auf dem Beifahrersitz saß sein Cousin (28). Der bei dem anschließenden Unfall leicht verletzte Mann schilderte, dass sein Verwandter an der Ampel ein bisschen mit dem Gas gespielt habe. Bei Grün fuhr der 18-Jährige los und bog mit überhöhter Geschwindigkeit und quietschenden Reifen nach links in die Konrad-Adenauer-Straße ein. Ein Kfz-Sachverständiger ermittelte eine Geschwindigkeit von 58 bis 66 km/h, als der Wagen mit Heckantrieb und höhenverstellbarem Fahrwerk ausbrach. „Ab 50 km/h wird es kritisch“, berichtete der Fachmann, die physikalischen Grenzen seien überschritten. Die Kollisionsgeschwindigkeit mit der Litfaßsäule bezifferte der Sachverständige auf 30 bis 35 km/h.

Vor Gericht sprach der Angeklagte von einem normalen Losfahren ohne spielendes Gas, es könne an den Reifen gelegen haben. Der von Rechtsanwalt Marco Vogt verteidigte junge Mann befindet sich seit dem Unfall in psychotherapeutischer Behandlung, leidet immer wieder unter Flashbacks und hat Ende letzten Jahres seine Ausbildung abgebrochen.

„Er weiß ganz genau, dass er schlimmes Unrecht angetan hat“, äußerte Staatsanwältin Dr. Neele Marleen Schlenker. Sie forderte insgesamt geringere Sanktionen als das später ausgesprochene Strafmaß. Anderer Ansicht war Rechtsanwalt Dr. Volkmar Wissgott, der für die Hinterbliebenen, den Ehemann und die vier Kinder, als Nebenklagevertreter im Gerichtssaal war. „Selbstmitleid ist das, was bei mir ankommt“, sagte er mit Blick auf den Angeklagten. Dieser habe noch nicht realisiert, was er angerichtet hat. „Er ist hochgradig riskant und aggressiv gefahren. Durch seine Fahrweise ist eine Frau ums Leben gekommen und eine Familie zerstört worden“, betonte Wissgott. Er sah in seinem Plädoyer schon eine mögliche Anwendung von Jugendstrafrecht als kritisch und fand das geforderte Strafmaß als nicht angemessen. „Wenig Selbstreflexion“ attestierte auch Kranitz dem Angeklagten. Dieser hatte in seinem Schlusswort von einem „dummen Zufall“ gesprochen. maf




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