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„Nee, ich komm nicht mehr rein“

Vom stillen Abschied des Obdachlosen Sven (42)

Rinteln. Stirbt jemand aus der Obdachlosengemeinde, geht so etwas meist still und unbemerkt vonstatten. Außer ein paar wenigen Freunden, Saufkumpane und Bekannten bemerkt niemand den leisen Abschied. So auch diesmal nicht. Sven wurde 42 Jahre alt. Von der Öffentlichkeit unbemerkt wurde er gefunden. So wurde er weggebracht. So ist er gestorben: Unbemerkt.
„Miteinander“ steht in großen Buchstaben auf einem Europawahlplakat, nur einen Steinwurf entfernt von der Stelle, an der Sven seinen letzten Atemzug tat.

veröffentlicht am 20.04.2019 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 20.04.2019 um 07:26 Uhr

Auf Polstern und Pappkartons endete das Leben von Sven, einem Obdachlosen. Foto: momo

Autor:

Maurice Mühlenmeier

Miteinander, das hatte er am Ende nicht. Sven, 42, obdachlos. Sein Nachname? Für die, die ihn kannten, ist er irrelevant. Die meisten seiner Freunde kennen ihn nicht. Die, die ihn kennen, verraten ihn nicht. „Wer ihn kannte, der weiß schon, dass er gestorben ist“, meint einer seiner Bekannten lakonisch. Unter den Obdachlosen war er „der Dicke“. Immer eher still, kein bunter Hund. Keiner, der auffällt, wenn er durch die Fußgängerzone wanderte.

„Der Tote ist zwischen dem 5. April und dem Morgen des 7. Aprils gestorben“, so Staatsanwalt Nils-Holger Dreißig, Pressesprecher der Staatsanwaltschaft Bückeburg. Am Vormittag des 7. April wurde Sven, Nachname unbekannt, dann aufgefunden. Unter der Bünte-Brücke in Rinteln, auf einem Bett aus Pappkarton.

„Er wurde umgehend obduziert, um ein Fremdverschulden auszuschließen“, erklärt Dreißig weiter. Anhaltspunkte dafür wurden keine gefunden, die Akte geschlossen. Ermittlungen wurden keine aufgenommen, die Todesursache nicht abschließend festgestellt. „Das ist bei dieser Art von Fall üblich“, so Dreißig „wir stellen nur sicher, dass kein Verbrechen vorliegt.“

Eine leere Flasche Doppelkorn neben Svens „Bett“. Foto: momo

Für Svens Freunde ist der Grund klar: „Totgesoffen“, sagt ein guter Freund. „Der Dicke“ sei sicher nicht einfach erfroren, glaubt man zu wissen: Er habe sich schon vorher komisch verhalten. An den widrigen Umständen draußen auf der Straße habe es nicht gelegen: „Der hat schon deutlich kältere Nächte da draußen verbracht.“ Wer sich erinnert: In den Nächten, als Sven vermutlich starb, wurde es wieder wärmer, bei Temperaturen knapp unter 20 Grad.

Sven und ein guter Freund, die beide zuletzt viel Zeit miteinander verbrachten, hatten eine mehrtägige Sauftour hinter sich. Sie ließen sich in der Filiale einer Fast-Food-Kette nieder. Aufwärmen, etwas essen, eine saubere Toilette benutzen. „Ich bin immer wieder eingenickt“, so Svens Begleiter, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will. „Irgendwann war er weg.“ Sven verbrachte die Nächte in dessen Wohnung. Doch er wollte nicht mehr, erzählt der Freund: „Er sagte: ‚Nee, ich komm nicht mehr rein‘.“

Keinen Fuß setzte Sven noch über jegliche Türschwelle – nicht mal eine Woche später war er tot. Seine Bekannten sind sich sicher: Sven wusste schon, was ihm bevorsteht. „Krank war er ja schon länger.“ Alkoholkrank, so wie die meisten von denen, die Sven jetzt vermissen. Nicht der Erste, nicht der Letzte, der sang- und klanglos abgetreten ist, ohne Polizeimeldung, ohne Angehörige. Eine Beerdigung wird es geben. „Irgendwann nächste Woche – oder übernächste.“ Einer weiß mehr, aber der ist grad nicht da. Wo der ist? „Gestern war er noch hier.“

Jemand ist gestorben, ohne dass irgendwer groß Notiz von ihm nahm – außer den anderen Obdachlosen. Die wissen, dass sie die Nächsten sein könnten, die einfach verschwinden. Unbemerkt. Und darauf warten sie, jeden Tag, nach jedem Bier. Miteinander.




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