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Abschluss der SZ/LZ-Serie zur Altersarmut

Von der „verschämten“ Altersarmut

RINTELN. Warum hat niemand von sich aus gesagt, er sei „arm“? Warum wollten die meisten Menschen, die wir für unsere Serie zur Altersarmut befragten, ihren Namen nicht genannt wissen? „Armut ist keine Schande“ heißt es in einem alten Sprichwort.

veröffentlicht am 11.03.2019 um 16:31 Uhr
aktualisiert am 11.03.2019 um 17:44 Uhr

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Autor

Cornelia Kurth Reporterin zur Autorenseite
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Dennoch begegneten wir mehreren Fällen von „verschämter Armut“, also Rentnern, die lieber unterhalb des Existenzminimums leben, als Sozialhilfe zu beantragen. Ist es erträglicher, arm zu sein, als offiziell als arm zu gelten?

„Es ist so, dass sich der Begriff der Armut mit der Reformation verändert hat“, sagt dazu Theologe Andreas Kühne-Glaser. „Im Mittelalter war Armut gewissermaßen gottgewollt. Jeder hatte seinen unveränderlichen Platz in der Gesellschaft, für den er nicht persönlich verantwortlich war. Die Aufgabe der Armen bestand darin, den Reichen eine Wohltätigkeit zu ermöglichen, die ihnen einen Platz im Himmel sicherte.“

Mit Martin Luther kam es zu einer entscheidenden Wende. Da nach Luther die Menschen nicht durch gute Taten, sondern nur durch Gottes Gnade „gerettet“ werden können, war es nicht mehr Aufgabe des Einzelnen, den Armen zu helfen. Diese Verantwortung ging an das Gemeinwesen über, etwa an die Armenkassen. „Damit zugleich wurden Kriterien entwickelt, wem diese Hilfe gerechterweise zukommen soll – und wer sie eigentlich nicht verdient hat“, so Kühne-Glaser.

So sieht das auch Historiker und Museumsleiter Stefan Meyer. „Mittellosigkeit als solche war nie eine Schande“, sagt er. „Schändlich waren dagegen seit der Reformation die Arbeitsverweigerung und mit ihr die selbst verschuldete, durch Trunk, Trägheit oder Kriminalität verursachte Armut.“ Damit kam erstmals der Begriff der „nicht ehrbaren Armen“ ins Spiel.

Auch diese sollten zwar das zum dürftigsten Überleben Notwendige erhalten, „die eigentliche Solidarität aber hatte den ‚unverschuldet‘ in Not Geratenen zu gelten“, so Meyer. Diese „nicht fordernde, sondern still ertragene“ Armut zu bekämpfen, sei weiterhin eine christliche Pflicht aller Vermögenden gewesen. 2003 war die „Grundsicherung“ eingeführt worden, die allen Menschen aufstockend zu einer nicht existenzsichernden Rente zustehen sollte. Von gut einer Million Rentnern, denen die Grundsicherung zugestanden hätte, bezogen aber nur 340 000 tatsächlich diese Sozialamts-Leistungen.

Die Vermutung der Autoren aus der Bundeszentrale für politische Bildung: „Nach wie vor herrschen gerade bei der älteren Bevölkerung Angst und Sorge, dass der Gang zum Sozialamt und der Erhalt bedürftigkeitsbezogener Leistungen zum sozialen Stigma werden.“

Der Begriff der Armut sei eben immer auch deklassierend und entwürdigend gewesen, so Meyer. Der Verdacht lag nahe, dass man entweder durch eigenes Verschulden nicht für sich selbst sorgen konnte oder dass die Familienverhältnisse nicht dazu taugten, einen alten, arbeitsunfähigen Menschen zu unterstützen.

Eigentlich werde der Begriff Armut seit den Neunzigerjahren nicht mehr in diesem Sinne gebraucht, so Meyer weiter. Heute verstehe man unter „Armut“ die unvollständige Möglichkeit sozialer Teilhabe, aus welchen Gründen auch immer. Was allerdings die von unser Zeitung befragten Rentner betrifft, so hat diese neue Definition es ihnen offensichtlich nicht leichter gemacht, Sozialhilfe zu beantragen. Die meisten von ihnen, deren Rente unter dem Existenzminimum liegt, verzichten noch immer, wie vor zwölf Jahren, auf die ihnen zustehende Grundsicherung.

Das bestätigt auch Klaus Heimann, Pressesprecher des Landkreises: „Wir müssen davon ausgehen, dass es eine sehr hohe Dunkelziffer gibt.“ Noch bevor Arbeitsminister Hubertus Heil kürzlich die bedingungslose „Grundrente“ ins Spiel brachte, betonte er, dass aus seiner Sicht nur eine selbstverständliche Grundrente etwas an der „verschämten Altersarmut“ ändern werde.


HINWEIS: Online finden Sie unter www.bit.ly/AltersarmutSZ ein Themendossier mit allen Artikeln zu dieser Serie.




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