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Faktencheck im Zeitungsalltag – was tut die Redaktion, um brisante Informationen zu überprüfen?

Wie gehen wir mit brisanten Informationen um?

Wie stellt die Redaktion sicher, dass brisante Informationen der Wahrheit entsprechen? Welchen Quellen vertraut ein Journalist, welchen misstraut er und wann wird aus einem anonymen Hinweis eine Nachricht? Anfang letzten Jahres deckte unsere Zeitung die rechtsradikalen Umtriebe der damaligen AfD-Vizevorsitzende von Rinteln auf. Exemplarisch für viele Recherchen erzählen wir, wie es dazu kam.

veröffentlicht am 28.05.2017 um 13:24 Uhr
aktualisiert am 28.05.2017 um 17:30 Uhr

Journalisten müssen ganz genau hinschauen, wenn es darum geht, Nachrichten und Quellen zu verifizieren. Foto: dpa
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Autor

Jakob Gokl Stv. Chefredakteur zur Autorenseite
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RINTELN. Der erste Hinweis kam geraunt über den Kneipentresen, die Aussprache bereits feucht: „Das ist eine richtige Nazibraut.“ Gemeint war Alina Meißner (Name geändert), eifrige Facebook-Kommentatorin unserer Zeitung und AfD-Mitglied. Der Hinweisgeber war in diesem Fall zwar nicht anonym – aber eine seriöse Quelle lallt nicht.

Nicht jede Information, die unsere Redaktion erreicht, kann direkt in die Zeitung gehoben werden. Während einer E-Mail mit den Terminen für das Schnupperpaddeln des Rudervereins ein gewisser Vertrauensvorschuss gewährt wird, werden brisante Informationen nicht einfach für bare Münze genommen. Je dramatischer sie klingen, desto kritischer ist der seriöse Journalist. Meist stellen sie nur den Anstoß für eine Recherche dar.

Am Morgen nach dem Hinweis startete daher eine oberflächliche Recherche. Was wurde von uns über Alina Meißner bereits berichtet? Was findet sich im Internet, was auf ihrer öffentlichen Facebookseite? Der Eindruck verdichtet sich, dass sie politisch am rechtesten Rand steht. Doch eine deutlich rechte, selbst eine rechtsradikale Meinung ist nicht verboten. Auch vom Islam darf jeder halten, was er will – ihn auch rundheraus ablehnen. Meißner ist zu diesem Zeitpunkt zwar bei AfD-Stammtischen und auf unserer Facebookseite öffentlich in Erscheinung getreten – sie bekleidete aber kein öffentliches Amt. Daher war ihre politische Einstellung – so hasserfüllt sie sein mochte – ihre Privatsache. Das Thema wurde beiseitegelegt.

Gerade Lokalzeitungen tragen eine hohe Verantwortung bei ihrer Berichterstattung über Menschen vor Ort. Die Artikel werden von Nachbarn, von Freunden, im Sportverein und den Lehrern der Kinder gelesen. Die sozialen Auswirkungen können enorm sein. Die Frage, ob jemand eine Person des öffentlichen Lebens ist, hat daher eine hohe Bedeutung. In zahlreichen Gerichtsurteilen hat sich herauskristallisiert, dass die Öffentlichkeit ein berechtigtes Interesse an Informationen aus der Privatsphäre von prominenten, oder aufsehenerregenden Personen hat. Das können Politiker, Künstler oder auch Sportler sein.

Anfang letzten Jahres verkündete die heimische AfD in einer Pressemitteilung die Aufstellung ihres neuen AfD-Stadtverbandes Rinteln. Als Vizevorsitzende wurde gewählt: Alina Meißner. Nun bekleidet Meißner ein öffentliches Amt. Ihre möglicherweise rechtsradikale Gesinnung ist daher von hoher Bedeutung für den Wähler.

Nun beginnt die ernsthafte Recherche. Stundenlang werden die öffentlichen Facebook-Beiträge der höchst aktiven Nutzerin ausgewertet. Es finden sich Verweise zu rechtsextremen Bands, rechtsextremen Bekleidungsmarken, Beleidigungen gegenüber Moslems und mehr. Es werden Screenshots angefertigt, damit sie nicht nachträglich gelöscht und geleugnet werden können.

Woran erkennt der Journalist eine glaubwürdige Quelle?

Auch bei Antifa-Organisationen fragen wir nach. Deren Aussagen sind mit großer Vorsicht zu genießen, sie verfolgen eine eigene politische Agenda. Dennoch besitzen sie manchmal wichtige Informationen, die dann von der Redaktion unabhängig geprüft werden müssen. In diesem Fall konnten sie nichts beisteuern.

Da naheliegt, dass Meißner sich nicht nur im Netz, sondern auch in der Realität am rechten Rand bewegt, hören wir uns auch an ihrem Wohnort um. Erste Anlaufstelle sind Menschen, mit denen unsere Redaktion bereits in der Vergangenheit Kontakt hatte und die sie als vertrauenswürdig einstuft. Der gewonnene Eindruck wird von verschiedenen Seiten bestätigt. Doch niemand möchte sich namentlich äußern.

Zwar verwendet unsere Redaktion auch Hinweise mit dem Verweis „möchte nicht genannt werden“, die Glaubwürdigkeit ist dadurch aber geringer – die Quelle also weniger stark. Gerade bei so massiven Vorwürfen gegen eine konkrete Person muss aber alles bombenfest sein. Erst nach einem halben Dutzend Absagen ist ein ehemaliger Nachbar bereit, seine Erinnerungen namentlich in der Zeitung zu teilen.

Auch der Ortsbürgermeister ihres ehemaligen Wohnortes ist bereit, sich namentlich zu Meißner zu äußern. Und er hat brisante Informationen. Allerdings ist er Mitglied der SPD. Die AfD wäre in der Kommunalwahl ein direkter Mitbewerber der SPD, auch er ist als Quelle nur eingeschränkt vertrauenswürdig.

Er erinnert sich daran, dass Meißner vor Jahren versucht habe, unter Vorwänden das Dorfgemeinschaftshaus für ein Neonazi-Konzert zu mieten. Das habe damals nur knapp verhindert werden können. Der bislang härteste Vorwurf gegen Meißner – aber auch er kann nicht ungeprüft gedruckt werden. Daher wieder die Suche im eigenen Zeitungsarchiv. Und tatsächlich – ohne Meißner zu nennen, berichtete unsere Zeitung von einem Konzert mit mehr als 100 Rechtsradikalen, die Polizei war mit über 100 Beamten im Einsatz. Zu Ausschreitungen kam es nicht.

Bei einer aufwendigen Recherche können aus Platzgründen meist nicht alle Gesprächspartner genannt werden. Bei der Auswahl muss daher automatisch gewertet werden. Ein seriöser Journalist muss darauf achten, alle Meinungen angemessen zum Ausdruck zu bringen. Um dem Leser ein vollständiges Bild unserer Recherche zu zeichnen, zitieren wir daher auch den Ortsbürgermeister von Meißners neuem Wohnort. Er sagt, sie habe dort keinen rechtsradikalen Ruf und sei gut in die Dorfgemeinschaft eingebunden. Auch diese Stimme gehört zum Bild.

Nachdem unsere Redaktion alle Fakten zusammengetragen hat, muss sie selbstverständlich Alina Meißner damit konfrontieren und ihre Sicht der Dinge anhören. Meißner lehnte leider alle Kontaktversuche ab. Nach drei Tagen Recherche wird der Artikel gedruckt. Kurz darauf legte Meißner ihr Amt nieder.




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