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Historischer Stadtspaziergang entlang der Mühlenexter bis zu Bombecks Eck

Wo Spitzbuben über die Mauer kletterten

Rinteln. „Rinteln von hinten“ – unter dieses Motto stellte Heimatforscher Uwe Kurt Stade seine jüngste Führung durch die Weserstadt. Als gleichsam fließender Leitfaden diente dabei die Neue Exter, meist Mühlenexter genannt. „Ein Spaziergang entlang der Mühlenexter zu 25 historischen Kleinodien Rintelns“, lautete der Untertitel der anderthalbstündigen Führung.

veröffentlicht am 11.07.2014 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 30.10.2016 um 08:41 Uhr

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Autor:

Kar-Heinz Thenhart

Dieser insgesamt 3,4 Kilometer lange Bach hat seinen Ursprung als künstlich angelegte Abzweigung an der Wehranlage in Exten, begleitet zunächst den Exter Weg und windet sich durch Wiesen und Felder auf Rinteln zu, dessen Stadtgrenze er an der Süd-Contrescarpe erreicht. Nach Passieren des Dingelstedtwalls fließt die Mühlenexter entlang der Krankenhäger Straße, parallel zum Blumenwall an der alten Stadtmauer entlang und mündet schließlich sprudelnd in die Weser.

Quasi als Zugabe bot bereits der Treffpunkt am Fockenkump (gegenüber der Agentur für Arbeit) Gelegenheit zur Erläuterung: „Kump“ bedeutet „Topf“ oder „Schüssel“. Die heutige Flutmulde diente einst einem Herrn Focke als Garten. Flutmulde – ein Schlüsselbegriff in einer Ortschaft, die immer wieder von Überschwemmungen heimgesucht wurde; die Alte Krankenhäger Straße stellt eine solche dar. Im Frühjahr 2011 war dieser bei Spaziergängern und Hundebesitzer beliebte Weg für Monate unpassierbar. Die dahinterliegenden Wiesen vor den Sassenberg’schen Kiesteichen, die Teichbreite, gerieten zu einer Seenlandschaft. Auf dem Friedhof der ev.-ref. Kirchengemeinde versanken gar Gräber und Grabmale, angezogen vom Grundwasser.

Auf der Süd-Contrescarpe (Fachbegriff im Festungsbau: äußere Mauer oder Böschung des Festungsgrabens) folgte der 20-köpfige Teilnehmertross der Mühlenexter bis zur kleinen Wehrbrücke mit dem seltsamen Namen „Hole-mich-Brücke“. Eines Nachts im Jahre 1930 schrieb ein Unbekannter mit großer weißer Schrift „HOLE MICH“ an die Eichenwalzen des Sperrwerks. Die Bedeutung dieser Botschaft bleibt bis heute im Dunkeln. Am Brückenweg treffen Süd- und Ost-Contrescarpe aufeinander.

Nach dem Anblick mönchischer Wehr- und Wasserkunst und eines in Stein gemeißelten Frauenkopfes überquerte die eifrig fotografierende Schar erneut eine Brücke mit ungewöhnlichem Namen, die „Spitzbubenbrücke“. Einst benutzten Diebe den Steg und fanden somit einen leichteren Weg über die Stadtmauer und den Wall, um in die angrenzenden Gärten zu gelangen. Nun folgt die Neue Exter der Krankenhäger Straße. An der Einmündung zur Bäckerstraße, Rintelns früherer Hauptstraße, lag das alte Seetor; das neue aber befindet sich künstlerisch stilisiert vor dem Bürgerbüro.

Maßvollen Schrittes lustwandelte Stades Gefolgschaft in Richtung Blumenwallpark. Wie verwunschen mutet am Josua-Stegmann-Wall der mit einem Portal von 1714 versehene Durchlass zur Eulenburg, Rintelns erstes reines Steinhaus, an. Die Mühlenexter verläuft nun fast bis zur Einmündung in die Weser geradeaus, bildete in alten Festungszeiten entlang der Stadtmauer die Grenze.

Im mit prächtigen Bäumen (hervorzuheben sind die beiden mächtigen Friedenseichen) bestückten Park zwischen Eulenburg und Pferdemarkt gab es zahlreiche Zeitzeugnisse zu erkunden und abzulichten: gusseiserne Kanonen, Teile der alten Stadtmauer, die Rückansicht der Jakobi-Kirche, Rintelns ältestem Gotteshaus, und im Blumenwall verteilt Denkmale Friedrich Ludwig Jahns, des Reichskanzlers Bismarck und des stürmenden Rintelner Jägers. Am Ausgang zum Pferdemarkt ragt das bis vor Kurzem noch von Bäumen umringte Denkmal der Reichsgründung 1871 in die Höhe. An der Schautafel der alten Festung ließ man den beschrittenen Weg Revue passieren und stellte sich vor dem alten Wesertor am Brückentorsaal zum Gruppenfoto auf.

Als kleines Extra schlenderte die wissbegierige Gruppe noch an der Weserpromenade entlang. Wehmütig schauten die Einheimischen unter den Flaneuren auf das zufällig anlegende Passagierschiff, größer als die früher hier verkehrende „Brissago“. Im Brückentunnel stehend lugte man rüber zu „Bombecks Eck“ (der Name erinnert an eine alte Rintelner Fischerfamilie) und zur Einmündung der Mühlenexter, bevor Stade die Gruppe am symbolischen Wesertor verabschiedete.

Uwe Kurt Stade erklärt im Blumenwall, wie die Festungsanlagen Rintelns ausgesehen haben. kx




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