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Circus Colani gastiert von Donnerstag, 19. Juli, bis Sonntag, 29. Juli, in Stadthagen

Die Überlebenskünstler

STADTHAGEN. Das erste Mal in seiner zwölfjährigen Geschichte schlägt der Circus Colani seine Zelte in Stadthagen auf. Statt des Feldes am Ostring hätten die Schausteller dafür gerne den Festplatz beansprucht, „den gibt die Stadt aber nur für die ganz großen Zirkusse frei“ sagt Alexandra Colani von der Zirkusfamilie. Die 26-köpfige Truppe muss nicht nur in der Manege Kunststücke bewältigen, um ihr Traditionsgewerbe zu erhalten.

veröffentlicht am 16.07.2018 um 20:00 Uhr

Die beiden Clowns Justin (von links) und Jessy treten mit den Colani-Artisten Sammy-Jo, Kevin, Alichia und Joy auf. foto: geb

Autor:

Gerrit Brandtmann
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„Es ist kein leichtes Leben, aber ein schönes, ein freies“, sagt die Schaustellerin, die mit ihrem Mann Kevin den Zirkus führt. Die 48-jährige ist als eins von neun Kindern in die Welt der Artisten geboren: Die Schausteller-Tradition ihrer Familie reicht sechs Generationen zurück. Ihre Eltern zogen noch mit dem Pferdegespann über das Land, heute zählt die Zirkusfamilie Mulan zu ihrer Verwandtschaft. „Wenn meine Kinder einmal übernehmen, sind es sieben Gererationen“, sagt die Mutter von vier Söhnen und zwei Töchtern, die seit kurzem auch Großmutter ist.

Doch das junge Publikum mit klassischer Akrobatik, Feuerschluckern und Clown-Show zu begeistern, sei schwerer geworden. „Früher sind wir an einem Ort kaum angereist und es war schon eine Sensation. Heute hat eben schon jedes Kind Smartphone oder Playstation“, klagt die Schaustellerin. Dabei setzen die Colanis auf den „Zirkus zum Anfassen“ für Jung und Alt, ganz wie in ihren eigenen Kindertagen. „Bei uns geht es herzlich und familiär zu und nicht so abgeschirmt, wie bei den großen Unternehmen“, sagt sie.

Immerhin könne auch der kleine Familienzirkus mit bei Nachwuchsfestivals prämierten Artisten aufwarten. „Wenn unsere Zuschauer immer wiederkommen und erzählen, wie begeistert sie sind, macht uns das als Artisten stolz“, erzählt Colani. Zum Publikumsliebling brachte es ihr Sohn Lennox-Lewis schon in jungen Jahren. „Ein Kämpfer“ sagt seine Mutter über den Sechsjährigen, der nach einem Boxweltmeister benannt ist und mit dem Down-Syndrom zur Welt kam. Trotz seiner Krankheit wird er nicht versteckt. „Für unsere Wild-West-Show haben wir ihm ein Trick-Lasso gegeben. Schon wenn die Musik beginnt, ist er ganz aufgeregt und will in die Manege“. Dafür erntete der junge Mann nicht nur Jubel, sondern auch schon Spenden.

Was den Schaustellern Kopfschmerzen bereitet, sei die Suche nach neuen Plätzen, die Verwaltungsauflagen der Kommunen oder Werbekosten. Nur weil ein Pächter sein Feld am Ostring zur Verfügung stellte, könne der Zirkus überhaupt in der Kreisstadt auftreten. „Würde es die Landwirte nicht geben, würden noch mehr Zirkusse kaputtgehen“, ist Colani sicher. In den vergangen acht Jahren hätten nach ihrer Schätzung deutschlandweit mindestens 50 aufgeben müssen. „Zirkus ist ein Fass ohne Boden – wir leben von den Bürgern“. Von Ponys, Lamas und Esel haben sich die Colanis aus Kostengründen schon getrennt, bieten dafür aber noch einen kleinen Streichelzoo mit Ziegen und Kaninchen. Was von der Gage nach Versicherungsbeiträgen, Steuern und anderen Abzügen übrig bleibt, liege oft unter dem Hartz-IV-Regelsatz. „Dann schnallen wir den Gürtel enger. Aber uns bleibt ja noch genügend Pop-Corn“, sagt Colani lachend.

Seine dunkelste Zeit erlebte der Zirkus vor drei Jahren. „Ein Lkw ging nach dem anderen kaputt, die Rechnungen über mehrere Tausend Euro häuften sich und dann hat uns noch jemand einen Wagen komplett in Brand gesteckt“, erinnert sich Colani. „Finanziell waren wir am Ende, aber dann haben uns die anderen Zirkusfamilien geholfen. Wir kennen uns in der Branche zwar nicht alle untereinander, aber wir halten schon zusammen.“




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