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Vor Gericht

Ins Heim – nicht in die Psychiatrie

STADTHAGEN/BÜCKEBURG. Ein psychisch kranker Mann, der eine Mitarbeiterin eines Stadthäger Wohnheimes fast zu Tode erschreckt hätte, ist kein Fall für die geschlossene Psychiatrie. Die 1. Große Strafkammer am Bückeburger Landgericht hat es bei einer 15-monatigen Bewährungsstrafe belassen.

veröffentlicht am 11.09.2018 um 11:05 Uhr

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Autor:

Stefan Lyrath
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STADTHAGEN/BÜCKEBURG. Ein psychisch kranker Mann, der eine Mitarbeiterin eines Stadthäger Wohnheimes fast zu Tode erschreckt hätte und zudem reihenweise Autos zerkratzt hat (wir berichteten), ist kein Fall für die geschlossene Psychiatrie. In einem Prozess um Körperverletzung und Sachbeschädigung hat es die 1. Große Strafkammer am Bückeburger Landgericht jetzt bei einer 15-monatigen Bewährungsstrafe belassen.

Von der Unterbringung in einem Landeskrankenhaus sahen die Richter ab. Verbunden ist die Entscheidung allerdings mit strengen Auflagen. So muss der 51-Jährige in ein Heim für psychisch Kranke umziehen und sich einer stationären Entgiftung unterziehen. Er ist seit vielen Jahren alkoholabhängig.

Obwohl er im Herbst 2016 bereits Hausverbot hatte, lauerte der frühere Bewohner des Heimes einer Mitarbeiterin, die er nicht ausstehen konnte, in deren Dienstzimmer auf. Er jagte die Frau durch den Raum, bevor es ihr gelang, die Tür von außen abzuschließen und den Mann einzusperren. Die heute 53-Jährige, die Nachtdienst hatte, erlitt eine Panikattacke und war zwei Wochen lang krankgeschrieben. Deshalb erkannte das Gericht in diesem Fall auf Körperverletzung.

Richter Norbert Kütemeyer, Vorsitzender der Kammer, nannte die Tat „besonders perfide“. Wegen des Hausverbotes habe die Frau nicht damit rechnen können, dass der Mann ihr auflauern werde. „Für sie war es unangenehm und ekelhaft, das sage ich Ihnen ganz offen“, fügte Kütemeyer an die Adresse des Angeklagten hinzu. Von Stalking geht die Kammer indes nicht aus.

Für eine Unterbringung in der Psychiatrie fehlten die notwendigen Voraussetzungen, vor allem eine Gefährlichkeitsprognose, wonach von dem Stadthäger auch in Zukunft erhebliche rechtswidrige Taten zu erwarten wären. „Ein Gewalttäter ist der Angeklagte in dem Sinne nicht“, stellte Staatsanwalt Lukas Veith fest. „Er hätte die Frau erheblich verletzen können.“ Es sei aber bei einem „Übergriff auf niedrigstem Niveau“ geblieben.

Hinzu kommt: Seit den Taten, so der Staatsanwalt, sei Ruhe eingekehrt. „Mein Mandant hat sich bewährt“, meinte Verteidiger Nils-Günther Pengel.

Für den 51-Jährigen sprach, dass er nicht vorbestraft ist, vor Gericht ein Geständnis ablegte und sich bei seinem Opfer entschuldigt hat. Gegen ihn wirkte sich die Vielzahl der zerkratzten Autos sowie der dadurch angerichtete Schaden aus, insgesamt rund 10 500 Euro. „Das ist ein ganz schöner Berg“, fasste Richter Kütemeyer zusammen. An nachweislich 23 Fahrzeugen in Stadthagen und anderen Orten hatte sich der Mann zu schaffen gemacht.

Wegen einer Persönlichkeitsstörung, Intelligenzminderung sowie langjähriger Alkoholabhängigkeit billigte die Kammer dem Angeklagten verminderte Schuldfähigkeit zu. Noch vor dem Urteil hatte das Gericht einen Teil der Anklagepunkte eingestellt, darunter zwei weitere mutmaßliche Übergriffe gegen die Frau.




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