weather-image
Abraham Sohou soll bleiben

Ivorer droht Abschiebung trotz Ausbildung und gelungener Integration

WENDTHAGEN. Die drohende Abschiebung von Flüchtling Abraham Sohou sorgt für helle Aufregung. Der Asylantrag des Ivorers wurde trotz laufender Ausbildung und guter Deutschkenntnisse abgelehnt. Dem Landkreis sind nach eigenen Angaben die Hände gebunden. Doch vor allem die Kirchengemeinde will kämpfen.

veröffentlicht am 05.10.2018 um 11:08 Uhr

Abraham Sohou zusammen mit dem Rogate-Singkreis der Kirchengemeinde Wendthagen. Foto: pr.

Autor:

Isabell Remmers
Weiterlesen für 20 Cent oder mit Ihrem Digital-Abo
Sie haben bereits ein Digital-Abo der SZ/LZ? Dann melden Sie sich hier mit Ihren SZ/LZ -Login an und lesen Sie den Text, ohne Ihn bei LaterPay bezahlen zu müssen.

WENDTHAGEN. Die drohende Abschiebung eines Flüchtlings sorgt in Wendthagen für helle Aufregung. Der Asylantrag des Ivorers Abraham Sohou wurde trotz laufender Ausbildung und guter Deutschkenntnisse abgelehnt. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) stützt seine Entscheidung auf das sogenannte Dublin-Abkommen. Demnach muss Sohou zurück in das europäische Land, in das er zuerst eingereist ist. In seinem Fall: Italien. Dort müsste er einen neuen Asylantrag stellen. Seine in Schaumburg begonnene Ausbildung zum Altenpfleger muss der 27-Jährige abbrechen.

Vor allem der Rogate-Singkreis der Wendthäger Kirche setzt sich für den Flüchtling ein. Gemeindekirchenrat Klaus Schernewsky hat sich bereits hilfesuchend an den Landkreis gewendet, der die Abschiebung als Erfüllungsgehilfe des BAMF durchführen soll. Auch der Flüchtlingsrat Niedersachsen will sich offenbar einschalten.

Sohou ist seit dem 12. Mai 2017 in Deutschland. Zuvor war er von der Elfenbeinküste über Libyen in einem Boot nach Italien gekommen und dann zunächst in die Schweiz eingereist. In Deutschland stellte er einen Asylantrag und bekam im Juni vergangenen Jahres eine Unterkunft in Wendthagen zugewiesen. Sohou absolvierte zwei Deutschkurse und diverse Praktika. Schließlich wurde ihm eine Lehrstelle im Pflegeheim Sonnenhof in Obernkirchen angeboten. „Ich habe mich sehr gefreut, dass der Landkreis mir die Ausbildung genehmigt hat“, sagt der 27-Jährige. Mit viel Elan startete er dort im August. Am vergangenen Donnerstag dann die plötzliche Wende: Der Asylantrag wurde abgelehnt, Sohou musste seine Ausweise abgeben und die Ausbildung sofort beenden. Nun droht ihm die Abschiebung.

Gemeindekirchenrat Klaus Schernewsky und Abraham Sohou kämpfen gegen den Beschluss. Foto: pr.
  • Gemeindekirchenrat Klaus Schernewsky und Abraham Sohou kämpfen gegen den Beschluss. Foto: pr.

Schernewsky kann die Ablehnung des Asylantrags nicht nachvollziehen. Er kennt Sohou seit anderthalb Jahren. Beide gehören dem Singkreis an. Laut Schernewsky bringt sich Sohou vorbildlich in der Gemeinde ein, hilft etwa beim Kinderzirkus. „Das ist für mich unverständlich. Hier sitzt einer, der kümmert sich und ist super integriert, soll aber abgeschoben werden“, sagt Schernewsky kopfschüttelnd. Andere Flüchtlinge zeigten nur selten eine vergleichbare Motivation. Er wirft dem Landkreis fehlende Flexibilität vor. Andernorts handele man weniger streng. „Dort sieht man nicht nur die Kosten.“ Habe ein Flüchtling einen Ausbildungsplatz, dürfe er in anderen Landkreisen mindestens vier Jahre wohnen und arbeiten.

Beim Landkreis kann man den Unmut nachvollziehen, sieht aber keinen Handlungsspielraum. Die Zuständigkeit für Asylverfahren sei in Deutschland ausschließlich dem BAMF zugeordnet. „Wir sind praktisch nur das ausführende Organ und haben keine Möglichkeit, mal links oder rechts zu gehen“, erklärt Dezernentin Andrea Stüdemann. Auch die Tatsache, dass die Ausbildung zunächst genehmigt, der Asylantrag dann aber doch abgelehnt wurde, lässt sich ihren Angaben zufolge durch die strikte Unterordnung erklären. „Wir erhalten keine Mitteilung, ob es sich bei dem Asylantrag um einen Dublin-Fall handelt oder nicht. Deshalb behandeln wir am Anfang alle gleich“, so Stüdemann. Dass aus diesem Grund eine Ausbildung, wie im Fall von Sohou, zunächst genehmigt, dann aber abgebrochen werden muss, sei „für die Betroffenen als auch für den Arbeitgeber schwer nachzuvollziehen“, räumt Stüdemann ein.

Nach Informationen dieser Zeitung sind dem Landkreis auch deshalb die Hände gebunden, weil der Fall des 27-jährigen Flüchtlings bereits erfolglos durch eine Reihe übergeordneter Instanzen gegangen ist. So lag die Akte zur Prüfung bereits auf dem Tisch von Ministerpräsident Stephan Weil und beim Oberverwaltungsgericht. Selbst die sogenannte Härtefallkommission des Landes hat den Fall zurückgewiesen. Alle Instanzen haben dabei auf die Zuständigkeit des BAMF und die eindeutige Rechtslage der Dublin-Verträge verwiesen.

So wird Sohou die Überstellung nach Italien wohl nicht erspart bleiben. Der junge Mann verliert trotzdem nicht die Hoffnung: „Ich möchte gerne in Deutschland leben, darum habe ich auch so schnell Deutsch gelernt. Ich bin wirklich sehr motiviert.“

Die Kirchengemeinde plant am Sonntag im Rahmen des Erntedankfestes eine Aktion zur Unterstützung von Sohou. Unter dem Motto „A. muss bleiben!“ lädt sie um 9.30 Uhr zum Gottesdienst in die Rogate-Kirche ein.




Anzeige
Anzeige
Anzeige
Kommentare