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„Große Datenmengen“ werden gesichtet

Lehrer soll Tausende Kinderpornos besessen haben

STADTHAGEN. Die Ermittlungen gegen einen Stadthäger Lehrer werden sich noch hinziehen. Das macht Hannovers Staatsanwalt Thomas Klinge deutlich. Es seien „große Datenmengen“ gesichtet worden. Doch wie genau läuft die Auswertung von Datenmengen im Terabytebereich ab? Wir haben nachgefragt:

veröffentlicht am 10.06.2019 um 17:22 Uhr

Der Lehrer aus Stadthagen, gegen den Missbrauchsvorwürfe im Raum stehen, soll Tausende Kinderpornos besessen haben. Derzeit wird das Material von der Polizei geprüft. Quelle: Symbolfoto, dpa

Autor:

Verena Gehring
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STADTHAGEN. Die Ermittlungen gegen einen Stadthäger Lehrer werden sich noch hinziehen. Das macht Hannovers Staatsanwalt Thomas Klinge deutlich. „Es sind jetzt schon große Datenmengen gesichtet worden, aber die Beamten sind noch lange nicht fertig.“ Das Auswerten kinderpornografischen Materials – für die Beamten eine sehr belastende Arbeit, wie der Behördensprecher betont.

Wie berichtet, wird dem 36-Jährigen vorgeworfen, seinen zwei Jahre alten Sohn im Jahr 2015 missbraucht und davon ein Foto geschossen zu haben. Außerdem soll der Lehrer einer weiterführenden Schule in Stadthagen Tausende Kinderpornos besessen haben. Er sitzt seit dem 28. Mai in Untersuchungshaft.

Ermittler aus den USA waren auf den Schaumburger im Internet aufmerksam geworden, benachrichtigten die Generalstaatsanwaltschaft und die wiederum die dafür zuständige Staatsanwaltschaft in Hannover. Bei einer Hausdurchsuchung wurden die Datenträger des mehrfachen Familienvaters sichergestellt.

Dass die Ermittler bei der anschließenden Arbeit so zügig auch auf den mutmaßlichen sexuellen Missbrauch aufmerksam wurden, sei dem „guten Bauchgefühl“ der Polizisten zuzuschreiben, sagt Klinge. Diese hätten bereits bei der ersten Durchsuchung am 15. Mai ein ungutes Gefühl gehabt. Aus diesem Grund hätten die Experten des Fachkommissariates sich beschleunigt an die Bearbeitung gemacht.

Noch nicht einmal zwei Wochen später stießen sie auf das Foto, das den sexuellen Missbrauch an dem Kleinkind zeigen soll. Am 28. Mai folgte die zweite Durchsuchung in seinem Haus in einer Schaumburger Gemeinde. Dabei wurde der 36-Jährige auch gleich festgenommen und dem Haftrichter vorgeführt. Dieser sah den Haftgrund der Wiederholungsgefahr gegeben. Seitdem sitzt der Mann in Untersuchungshaft.

Doch wie genau läuft die Auswertung von Datenmengen im Terabytebereich ab? Die Polizei hat dafür eine eigene Software, wie der Staatsanwalt erklärt. Das System gleicht die neuen Dateien mit den bereits im Datensatz gespeicherten Material ab. Durch besondere Merkmale, die jedes Bild hat – ähnlich eines Fingerabdrucks – erkennt das System Kinderpornos wieder. Diese werden dann aus der Datenmenge genommen. Alles andere, so der Staatsanwalt, müssen sich Beamte anschauen und auswerten. „Eine mehr als belastende Aufgabe“, betont der Behördensprecher. Die in diesem Zuge sichergestellten Kinderpornos werden wiederum in die Software gespeist, um diese effektiv zu erweitern, um so die Ermittlungen zu erleichtern.

Dass für die Auswertung kinderpornografischen Materials nicht jeder Beamte geeignet ist, weiß auch Schaumburgs Polizeisprecher Axel Bergmann. „Das sind Bilder, die einen so schnell nicht mehr loslassen. Aus diesem Grund müssen sich die Polizisten freiwillig melden, die sich diese Auswertung zutrauen. Der jeweilige Vorgesetzte entscheide dann, ob er die Person für geeignet hält.

„Da spielen Faktoren wie das eigene private Umfeld eine Rolle, zum Beispiel, ob die Person selber Kinder hat. Aber auch auf die Erfahrung im Beruf wird geachtet“, erläutert der Behördensprecher. Denn eines stehe fest: „Diese Bilder erträgt nicht jeder Polizist.“

In eigener Sache: Aus Gründen des Opferschutzes verzichtet unsere Redaktion bewusst darauf, alle im Fall bekannten Details zu veröffentlichen. Dies gilt vor allem für die persönlichen Lebensumstände der Familie des Beschuldigten, aber auch für Einzelheiten zur betroffenen Schule.

Information

Bereits bevor die Ermittlungen gegen den Stadthäger Lehrer ins Rollen gekommen sind, haben sich Schaumburger Polizisten mit einem anderen Fall von Besitz und Verbreitung kinderpornografischer Dateien beschäftigt. Eine Ermittlungsgruppe wertet seit Monaten sichergestelltes Material aus.

Wie Polizeisprecher Axel Bergmann mitteilt, hat jede Schaumburger Dienststelle einen Polizisten dafür bereitgestellt. Sitz der vierköpfigen Ermittlungsgruppe ist das Kommissariat in Stadthagen. Dort untersuchen die Beamten in zwei eigens dafür zur Verfügung gestellten Räumen diverse Rechner und Datenträger.

Es bestehe der Anfangsverdacht, dass aus dem Material Verbindungen nach Schaumburg hergeleitet werden können. Mehr will Bergmann aus ermittlungstaktischen Gründen nicht sagen. Möglich sei auch, dass sich dieser Anfangsverdacht am Ende gar nicht bestätige. „Wir sind da derzeit noch völlig ergebnisoffen.“

Die vier Beamten müssen das Material komplett optisch auswerten – Foto für Foto, Video für Video. Die beiden Räume der Ermittlungsgruppe seien nur durch eine Verbindungstür getrennt, die aber immer geöffnet sei. „Keiner soll sich mit dem, was er sieht, alleine fühlen“, erläutert der Behördensprecher. Die Polizisten müssten sich auch jederzeit untereinander austauschen können. „Wir haben damit ein System eingeführt, das die emotionale Belastung abfedert, die bei der Arbeit entsteht.“ Die Beamten könnten so gegenseitig aufeinander aufpassen. „Wir achten stark darauf, dass das Gesehene als Spätfolge kein Trauma bei den Kollegen hervorruft“, betont Bergmann.vin




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