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Hürden für Menschen mit Gehbehinderungen

„Untragbar“: Kaputter Fahrstuhl, steile Rampen, Treppen

STADTHAGEN. Der schönste Tag im Leben soll er sein, der Hochzeitstag. Da ist es schade, wenn die Freude der Beteiligten getrübt wird, weil ein Gast oder das Hochzeitspaar aufgrund einer Gehbehinderung das Trauzimmer nicht ohne Hilfe erreichen kann. So ist aktuell die Situation in Stadthagen:

veröffentlicht am 14.05.2019 um 10:37 Uhr

Ins Alte Rathaus gelangen gehbehinderte Menschen über eine Rampe (von links im Uhrzeigersinn). Doch dann verhindern zwei Treppenstufen das Weiterkommen. Die mobile Rampe ist für Rollstuhlfahrer nur mit Unterstützung zu überwinden. Das Trauzimmer ist

Autor:

mira colic
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STADTHAGEN. Der schönste Tag im Leben soll er sein, der Hochzeitstag. Da ist es schade, wenn die Freude der Beteiligten getrübt wird, weil ein Gast oder das Hochzeitspaar aufgrund einer Gehbehinderung das Trauzimmer nicht ohne Hilfe erreichen kann. So ist aktuell die Situation in Stadthagen.

Bisher ist Erika Socher das gar nicht aufgefallen. Die Stadthägerin war erst durch ihre Enkelin auf die Problematik aufmerksam gemacht worden, die im Juni heiraten wird. Während Socher selbst keine Probleme beim Treppensteigen hat, ist die andere Oma ihrer Enkelin gehbehindert. Es gibt zwar eine Rampe, die ins Alte Rathaus führt. Aber die führt einen nur ins Gebäude. „Die erste Hürde beginnt ja schon mit den Stufen zum I-Punkt: Die mobile Rampe ist so steil, dass man ein Seil an den Rollator binden müsste um diesen hochzuziehen“, sagt Socher. Die zweite Hürde stellt sich auf dem Weg zum Trauzimmer: Es gibt keinen Fahrstuhl.

Der Standesbeamte Volker May bedauert die Situation. Aber wegen des Denkmalschutzes und wohl auch aufgrund der Kosten sei es nun einmal nicht zu ändern. Bei den wenigen Malen, bei denen jemand im Rollstuhl bei der Zeremonie teilgenommen hat, mussten die Betroffenen von zwei Männern hochgetragen werden. „Einfach toll, wenn ein feierliches Ereignis ansteht. Macht die Stadtverwaltung sich darüber mal Gedanken? Leider nein“, bedauert Socher.

May verweist auf Alternativen, die die Stadt geschaffen hat. Gut angenommen werde schon lange das Rittergut Remeringhausen und demnächst seien auch wieder Trauungen im Lusthaus möglich. Wenn gewünscht, werde auch in die Ratssäle ausgewichen. Auf diese Alternative hat auch Matthias Gläser vor 24 Jahren zurückgreifen müssen. Der Vorsitzende des städtischen Behindertenbeirats und stellvertretender Vorsitzender des Kreisbehindertenrats, hatte nicht zum historischen Trauzimmer getragen werden wollen, „obwohl das Ambiente dort natürlich ein anderes ist“.

Um ein Zeichen zu setzen, hat er sich allerdings vor einigen Jahren durch das Amtsgericht Stadthagen tragen lassen, um auf die für ihn „untragbaren“ Zustände hinzuweisen, dass ein Gehbehinderter ohne Hilfe nicht in den Verhandlungssaal gelangen kann. In Kürze sollen die Sanierungsarbeiten im Gericht – zu dem auch der Einbau eines Fahrstuhls gehört – abgeschlossen sein.

Wenn es am 23. Mai im Bau- und Planungsausschuss um die Umgestaltung der Fußgängerzone geht, wird auch Gläser als Vertreter des Behindertenbeirats dabei sein. Die Altstadt barrierefreier zu gestalten, war schon lange eine Forderung des Beirats. Wie Stadtsprecherin Bettina Burger erklärt, werde das Thema Barrierefreiheit bei neuen Projekten, die baulich gestaltet werden, immer mit einbezogen: beim Neubau Kita Holzwinkel und auch beim Spielplatzkonzept, bei dem die Nutzbarkeit durch Kinder und Eltern mit Beeinträchtigungen Berücksichtigung finden wird sowie eben die Umgestaltung der Fußgängerzone.

Zur Bauausschusssitzung wird Gläser dieses Mal jedoch nicht ohne Hilfe gelangen können. Denn wie berichtet ist der Fahrstuhl im Rathaus nur eingeschränkt und unter Aufsicht nutzbar. „Vor Beginn einer jeden Sitzung wird sich vergewissert, ob eine körperlich beeinträchtigte Person im Eingangsbereich der Verwaltung einer Nutzung des Fahrstuhls bedarf. Gegebenenfalls werden auch Ausweichräumlichkeiten genutzt“, sagt Burger.

Aktuell geht die Stadt davon aus, dass die Anschaffung und der Einbau eines neuen Aufzuges circa drei Monate dauern wird, „sodass nach jetzigem Stand zur ersten Ausschusssitzung nach der Sommerpause wieder ein funktionstüchtiger Aufzug zur Verfügung steht“. Dem Vernehmen nach belaufen sich die Kosten auf rund 90 000 Euro.

Um an der Briefwahl teilzunehmen, muss niemand persönlich ins Briefwahlbüro kommen, betont Burger, da sich dieses im dritten Stock befindet. „Man kann einfach die zugesandte Karte im Eingangsbereich abgeben oder die Briefwahl per E-Mail bei der Stadtverwaltung beantragen. Per Post geht das natürlich auch.“ Die Unterlagen für die Wahl werden dann kostenfrei zugesandt und können per Post zurückgeschickt oder im Rathaus abgegeben werden. „Eine barrierefreie Teilnahme an der Briefwahl ist also sichergestellt“, versichert die Sprecherin. Das Wahlbüro am Wahltag befindet sich im Erdgeschoss.




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