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„Friede ernährt, Unfriede zerstört“

Vor 75 Jahren: als Kind polnischer Zwangsarbeiter in Stadthagen geboren

LODZ/STADTHAGEN. „Ich musste meinen Geburtsort nie verheimlichen“, erzählt Ryszard Wojtera. Die Geburtsurkunde aus Stadthagen ist sogar sehr sorgfältig aufbewahrt worden. Der Pensionär, der am 22. Juli 1945 in der heutigen Kreisstadt als erstes Kind von Stanislawa und Lucjan Wojtera zur Welt kam, hat als Schüler in der damaligen Volksrepublik Polen manchmal gescherzt: „Ich wurde importiert.“

veröffentlicht am 21.11.2020 um 00:00 Uhr

Dabei spiegeln sich in seiner Lebensgeschichte ganz dunkle Jahre der Beziehungen zwischen Deutschen und Polen. Die Eltern gehörten zu den unzähligen Zwangsarbeitern, die im Verlauf des Zweiten Weltkrieges aus dem von Nazideutschland besetzten Polen deportiert wurden. Aus der Industriestadt Lodz wurde „Litzmannstadt“, der „Warthegau“ wurde von den Nationalsozialisten zum Gebiet des Deutschen Reichs erklärt. Der Historiker Jürgen Heyde bemerkt in seinem Werk „Geschichte Polens“ unmissverständlich: „Erklärtes Ziel der Besatzungsmacht war die Vernich-tung der polnischen Nation.“

Wojtera weiß aus den Erzählungen seiner Eltern, dass sie in der Landwirtschaft eingesetzt waren, die Mutter in Probsthagen, der Vater in Lüdersfeld. Man kannte sich noch nicht. „Meine Mutter konnte die Arbeiten auf dem Hof gut erledigen, da sie auf einem Dorf nahe Poznan aufgewachsen war“, erzählt Wojtera und betont dabei: „Trotzdem fühlte sie sich dort nicht gerade gut behandelt.“

Das Heimweh sei sehr groß gewesen. Der Vater habe es am Anfang nicht leicht gehabt, sich auf dem Bauernhof in Lüdersfeld zurechtzufinden, da er ein Großstadtkind war. Er habe sich aber schnell eingelebt: „Er erzählte von seinen Bauern vorwiegend Gutes.“ Die Liebe der Eltern lässt das schwere Schicksal und die dramatische Situation gegen Kriegsende fast vergessen: „Mein Vater durfte meine Mutter am Wochenende nach der erledigten Arbeit im benachbarten Dorf besuchen und auch für sie Äpfel aus dem Garten mitnehmen.“

Im Januar 1945 heiraten Stanislawa Karpinska und Lucjan Wojtera standesamtlich. Anfang April 1945 kommt es in der Region um Bückeburg noch zu letzten Gefechten. Am 6. April nähern sich amerikanische Einheiten von Westen den Toren Stadtha-gens. Man ergibt sich bedin-gungslos.

Was der ehemalige Bundespräsient Richard von Weizsäcker 1985 den „Tag der Befreiung“ nennen wird, hat für das Heer der Zwangsarbeiter als Opfer sicher eine ganz spezifische Bedeutung. Die Hochzeitsfeier der Wojteras am 26. Mai 1945 in Lauenhagen erhält eine starke Symbolik.

Als Kind der Besatzungszeit erlebt Ryszard sogar schon bald gewisse „Schokoladenseiten“ des Lebens. Bei der Zuteilung von Zigaretten und kakaohaltiger Nahrung wird das Baby mitgezählt wie ein Erwachsener. Das Ergebnis: „Mein Vater behielt meine Zigarettenration, ich bekam seinen Schokoladenanteil.“

Die Heimatgefühle der Eltern und die Sehnsucht nach der Familie gaben schließlich den Ausschlag, im Jahre 1946 nach Polen zurückzukehren. Doch der Kalte Krieg nahm seinen Lauf.

Richtung Schaumburg auf

den Spuren der Eltern

Dass der Junge in der Schule später Deutsch lernt, nicht Russisch, die Sprache des „Bruderstaates“, ist eher die Ausnahme. Die 1953 in Lodz geborene Schwester Elzbieta hat vier Jahre Deutsch auf dem Gymnasium. Sie profitiert davon, als sie die Volksrepublik Polen 1981 mit ihrer jungen Familie verlässt: „Richtung Schaumburg, auf den Spuren unserer Eltern.“ Seit ein paar Jahren hat sie die deutsche Staatsbürgerschaft. Bruder Ryszard freut sich darüber, dass die Neffen Peter und David auch Polnisch sprechen.

Wojtera war 1992 in Stadthagen zu Besuch, das Reisen ins Nachbarland war durch den Wandel zur offenen parlamentarischen Demokratie leicht geworden. Der 75-Jährige hat heute das Gefühl, dass die Generation, die nach 1990 geboren ist, viel zu wenig weiß über den Zweiten Weltkrieg und die deutsche Okkupation. Die Vergangenheit sei eine schreckliche Warnung, die Gegenwart durch die Versöhnung und die Partnerschaft in NATO und EU voller Hoffnung für alle Beteiligten, selbst bei Kontroversen.

Zum Gedenkort in Berlin, für den der Bundestag kürzlich mit Blick auf die polnischen Opfer der deutschen Besatzung mit großer Mehrheit votierte, passt das von Wojtera zitierte Sprichwort: „Zkoda bu-duje, niezgoda rujnuje“: Friede ernährt, Unfriede zerstört.

Von Volkmar Heuter-Strathmann




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