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Kleinenbremen-Minden: Einst lebenswichtige Schienenverbindung, heute Touristenattraktion

100 Jahre Bahnverbindung

KLEINENBREMEN. Nur wenige Themen haben die Kleinenbremer und ihre Gemeindevertreter während der zurückliegenden Jahrhunderte so sehr beschäftigt und in Atem gehalten wie der Abtransport des auf der Grube Wohlverwahrt geförderten Eisenerzes. Dabei ging es oft hoch her.

veröffentlicht am 11.10.2018 um 11:58 Uhr
aktualisiert am 11.10.2018 um 16:00 Uhr

Die Kleinenbremer Grubenbahn um 1900: Verladestation der Grube Wohlverwahrt in Kleinenbremen für den Erztransport zum Bahnhof Porta. Repro: gp

Autor

Wilhelm Gerntrup Reporter zur Autorenseite
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Zunächst war das seit 1893 im Ex-Kalksteinbruch des Colon Johann Daniel Harting abgebaute Gestein mit Pferdefuhrwerken zum knapp fünf Kilometer entfernten Bahnhof Bückeburg transportiert und dort auf Eisenbahnwaggons verladen worden. Doch dagegen regte sich in der schaumburg-lippischen Fürstenresidenz schon bald heftiger Widerstand. Die schweren Vierspänner zerpflügten die Straßen. Bei schlechtem Wetter glich die Stadt einer Schlammwüste. Wenn es trocken war, legte sich der rote Zechenstaub wie ein klebriger Film auf die herrschaftlichen Bauten und Bäume. Selbst die Bettwäsche der Schlossbewohner soll auf der Bleichwiese rot geworden sein.

So kam es, dass die 1887 als Grubenbetreiber in Kleinenbremen eingestiegene „Dortmunder Union“ über neue Möglichkeiten und Wege nachdenken musste. Man entschied sich zum Bau einer Verbindung zum 8 ½ km entfernten Güterbahnhof Porta. Ein Vorteil: Unterwegs konnte das Erz der 1881 eröffneten Lerbecker Grube Viktoria zugeladen werden. Der erste Plan lief auf den Bau einer Seilbahn hinaus. „Sämtliche Betriebspunkte können untereinander und mit dem Güterbahnhof Porta durch eine Seilbahn verbunden werden, welche im Stande ist, circa 60 bis 80 Doppellader per Tag zu transportieren“, heißt es in einem zeitgenössischen Gutachten.

Zur Ausführung des Seilbahn-Vorhabens kam es jedoch nicht. Stattdessen wurde für 1 Million Reichsmark eine Schmalspurbahn-Verbindung über Nammen und Lerbeck zum Anschluss an die preußische Staatsbahn gebaut. Von 1889 an wurden die Steine über eine Rampe im Bahnhof Porta in die Wagons gekippt. Doch auch das war noch nicht der Weisheit letzter Schluss. Sowohl die schaumburg-lippische Landeshauptstadt Bückeburg als auch die preußische Provinzmetropole Minden meldeten Interesse am Bau einer neuen Gleisverbindung in Richtung Kleinenbremen hin an. Von dort aus sollte es anschließend nach Rinteln weitergehen. Auslöser der Initiative war die damals geradezu euphorische Erwartung an das Schienensystem.

Die Zechenbetreiber entschieden sich für Minden. Das eröffnete die Möglichkeit, das Erz zusätzlich über die Weser und/oder den im Bau befindlichen Mittellandkanal abzufahren. Als Partner stand die 1896 zur Erschließung der Region ins Leben gerufene „Mindener Kreisbahn“ bereit. Deren Gleisanlagen waren, genau wie die Kleinenbremer Werksbahn, schmalspurig ausgelegt.

Die Vereinbarung sah vor, dass die MKB eine neue Zubringerstrecke von Minden bis Nammen bauen und von dort aus den bereits vorhandenen Gleisabschnitt bis Kleinenbremen mitbenutzen sollte. 1918 war die 8,1 Kilometer lange Strecke bis zum Bahnhof Minden Stadt fertig. Die Höchstgeschwindigkeit unterwegs war auf 30 km/h und in Ortschaften und auf Überwegen auf 12 km/h begrenzt. Der alte Strang zwischen Nammen und Porta wurde abgerissen.

Mit der Stilllegung des Untertagebetriebes Ende 1923 kam auch der Erztransport zum Erliegen. Die MKB stieg auf Personenverkehr um. Grund: Knapp 80 der arbeitslos gewordenen Wohlverwahrt-Kumpel aus Kleinenbremen und Wülpke hatten in der Kohlenzeche Meißen Arbeit gefunden. Der Fahrplan richtete sich nahezu ausschließlich nach deren Schichtende bzw. Schichtbeginn.

Eine Art „Wiederauferstehung“ als Güterbahn erlebte die Strecke Kleinenbremen-Minden 1936. Die NS-Machthaber hatten die Erzförderung im Zuge ihrer Rüstungsanstrengungen wieder auf Touren gebracht. Die Gleisanlagen wurden normalspurig (1435 mm) ausgebaut. Das ermöglichte ein direktes und umladungsfreies Einstellen der Wagons in die Reichsbahnzüge.

Ein weiteres neues Kapitel begann in den 1950er Jahren. Die guten alten Dampfloks mussten Dieselloks weichen. Der Personenverkehr wurde auf Busse verlagert, der Güterverkehr komplett eingestellt. Die Gleisanlage wurde in Kleinenbremen bald nur noch als überflüssiges und zuweilen lästiges Relikt aus längst vergangenen Zeiten wahrgenommen.

Ins Bewusstsein der Einwohner zurück rückte der Schienenstrang erst wieder mit dem Einzug der Museums-Eisenbahn. Ältere Einwohner fühlten sich an ihre Kindheit und an den früher überall im Dorfe bekannten „Zechenzug-Blues“ erinnert: „Dä Zechenzug, dä Zechenzug, kummt nich up Schliehen Brink harup“, pflegten die im Dorf spielenden Kinder im Rhythmus des immer lauter werdenden Stampfens und Zischens beim Herannahen der Züge zu sagen (der nach dem Schlehen-Hof, später Sander und Farben-Kuhlmann, benannte Brink ist eine kleine Anhöhe zwischen Wülpke und Kleinenbremen).




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