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Justiz beweist langen Atem: 35-jähriger Italiener überfällt als Heranwachsender Bückeburger

15 Jahre nach der Tat: Räuber erst jetzt verurteilt

Bückeburg (ly). Die Gerechtigkeit hat manchmal Verspätung. Fast 15 Jahre brauchte sie in einem Fall aus Bückeburg. Am 5. Oktober 1995 hatten drei Männer einen damals 25-Jährigen überfallen und ausgeraubt. Vor einem Monat geriet einer von ihnen, ein Italiener, nach der Einreise aus Holland in eine deutsche Polizeikontrolle und wurde festgenommen.

veröffentlicht am 21.07.2010 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 06.11.2016 um 08:41 Uhr

Wegen schweren Raubes hat das Bückeburger Jugendschöffengericht den 35-Jährigen gestern zu vier Wochen Dauerarrest verurteilt, die durch die Untersuchungshaft bereits erledigt sind. Das Justizgebäude verließ er als freier Mann. Weil der Angeklagte 1995 noch Heranwachsender war, kam er jetzt in den Genuss des moderaten Jugendstrafrechts. „Als Erwachsener wäre er mindestens fünf Jahre in Haft gekommen“, erklärte Richter Dr. Dirk von Behren. Schädliche Neigungen zur Tatzeit, die Voraussetzung für eine Jugendstrafe, ließen sich nach so langer Zeit nicht mehr feststellen. Verjährt wäre die Tat erst im Jahr 2020.

„Der Atem der Justiz ist lang, das kann ich Ihnen versichern“, gab von Behren dem Italiener mit auf den Heimweg in die Niederlande, wo er mit Frau und drei Kindern lebt. „Und das können Sie auch Ihren Kollegen ausrichten, falls Sie zu denen noch Kontakt haben.‘‘

Ein Komplize ist weiterhin zur Fahndung ausgeschrieben. Das Verfahren gegen den dritten Mann hat die Justiz eingestellt, weil dieser inzwischen in anderer Sache verurteilt worden ist. Eine zusätzliche Bestrafung wegen des Bückeburger Raubes wäre dabei nicht ins Gewicht gefallen.

Für das Opfer war die Tat der Horror. In den frühen Morgenstunden hatten die drei Männer den Bückeburger nach einem Kneipenbesuch auf der Hannoverschen Straße verfolgt. Als sie auf gleicher Höhe waren, hielten die Räuber dem 25-Jährigen ein Messer an den Hals und sagten, er solle die Augen schließen.

Das Trio erbeutete 50 Mark, eine silberne Halskette und drei Feuerzeuge. Zum Abschluss wurde der junge Mann gezwungen, unter einen Lastwagen zu kriechen. In der Anklageschrift heißt es, das Opfer habe „die ganze Zeit Todesangst“ gehabt. Nach der Tat hatten Polizisten ein Taxi angehalten, in dem die drei Männer mitsamt ihrer Beute und zwei Messern saßen. Ins Gefängnis kamen die Räuber nicht: Vermutlich sahen Ermittler keinen Haftgrund, zum Beispiel Fluchtgefahr.

Dem jetzt verurteilten Mann sollte bereits viel früher der Prozess gemacht werden. Weil der Angeklagte unbekannten Aufenthaltes war, wurde das Verfahren 1997 zunächst eingestellt. Anfang 1999 nahm die Justiz einen zweiten Anlauf und beraumte einen Verhandlungstermin an, zu dem der Italiener jedoch nicht erschien. Daraufhin erging Haftbefehl.

Zur Tatzeit hatte der Räuber in Bückeburg gelebt, davor in Minden. Er arbeitete als Küchenhilfe. Straffällig geworden ist der Italiener nur dieses eine Mal. Man könnte die Tat daher als Jugendsünde verbuchen – wenn sie kein Verbrechen wäre.




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