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Insolvenz: Rettungsversuch kommt eine Woche zu spät / Verwalter kassiert 30 800 Euro / Am 6. März vor Gericht

20 270 Euro Schulden – 100 000 Euro teures Haus weg

Messenkamp (gus). Unglaublich: Weil der Messenkämper Unternehmer Dietmar Pfingsten 20 270 Euro Schulden hatte, ist seine Familie ihr 100 000 Euro teures Haus losgeworden. Im Gegenzug brachte der Insolvenzfall dem Anwalt Robert Pinter offenbar 30 800 Euro Vergütung ein.

veröffentlicht am 27.02.2009 um 23:00 Uhr
aktualisiert am 02.11.2016 um 10:41 Uhr

Im Oktober 2007 beantragte die Innungskrankenkasse (IKK) Hameln die Eröffnung eines Insolvenzverfahrens. Der Dachdecker Dietmar Pfingsten schuldete der Kasse 9030 Euro an Sozialabgaben. Auch die AOK mahnte Beitragsrückstände in Höhe von 5404 Euro an. Im Laufe des Insolvenzverfahrens summierte Pinter Gesamtschulden von besagten 20 270 Euro.

Auf der Gegenseite taxierte der Bad Münderaner Anwalt den Wert des schuldenfreien Hauses der Pfingstens auf 100 000 Euro. Das Gesamtvermögen belief sich demnach auf 102 902 Euro, dieser Wert bildete die sogenannte freie Masse des Insolvenzverfahrens. Aus diesen Zahlen lässt sich kaum eine bedrohliche Lage für die Familie ablesen. Allerdings ergibt sich daraus auch die Insolvenzverwaltervergütung von 30 800 Euro.

Am 1. Februar wurde das Verfahren vorm Amtsgericht Bückeburg rückwirkend in Gang gesetzt. Von da an ging alles ganz schnell. Bereits am 19. Februar erfolgte für das Haus der Grundbucheintrag „Zwangsversteigerung“. Der Vorgang wurde im Internet publik gemacht. Auf diese Weise erfuhr ein guter Freund der Familie von dem finanziellen Schlamassel. „Dietmar hat sich vorher geschämt, es mir zu sagen“, sagt der Altenhäger. Dieser versuchte am 1. März, die Familie vor dem Hausverlust zu bewahren. Er reichte beim Amtsgericht eine Bürgschaftserklärung über 30 000 Euro ein. Auf Bitte der Kammer schickte der Altenhäger eine Erklärung der Bank nach, aus der hervorging, dass das Geld auch tatsächlich vorhanden ist.

Alles umsonst. Der Rettungsversuch wurde nicht anerkannt. Für die Pfingstens und deren verhinderten Helfer, der selber schon bei Insolvenzverfahren als Geschäftsführer eingesetzt worden ist, liegt die Annahme nahe, dass Pinter auf die üppige Vergütung nicht verzichten wollte. Der Anwalt, der aktuell auch den Insolvenzfall des Stadthäger Autohauses Berkefeld betreut, äußert sich nicht detailliert zur Angelegenheit – mit Verweis auf seine Pflicht zur Verschwiegenheit.

Er selber hätte das Verfahren ohnehin nicht stoppen können, dazu wäre das Einverständnis aller Gläubiger nötig gewesen. Dieses lag nicht vor. Die Höhe der Vergütung ergebe sich aus den Regelsätzen der Insolvenzverwalter-Vergütungsordnung (InsVV). Fast ein Drittel der freien Masse soll also dem Juristen zustehen. Das Bundesministerium für Justiz bestätigt, dass es in Einzelfällen tatsächlich zu solchen Verhältnissen kommen kann. Auch wenn die Vergütung sogar die Summe der zur Debatte stehenden Schulden übersteigt.

Die Ablehnung des Rettungsversuchs begründet Richterin Birgit Brüninghaus, Pressesprecherin des Amtsgerichts Bückeburg, wie folgt: Das in Aussicht gestellte Geld hätte nicht ausgereicht, um die Forderungen der Gläubiger zu bezahlen. Die Nachfrage, warum 30 000 Euro nicht ausreichen, um Forderungen in Höhe von 20 270 Euro zu decken, beantwortete Brüninghaus nicht.

Dietmar Pfingsten und dessen Ehefrau Stefanie verstehen die Welt nicht mehr. Der Handwerker gibt zu, bei den Sozialabgaben geschludert zu haben. Dass die Familie deshalb ihr Haus verlieren könnte, hätte er sich nicht träumen lassen. Im Insolvenzverfahren gab er an, die Aufträge seien Ende 2007 ausgeblieben, für das Frühjahr 2008 seien aber neue Aufträge hereingekommen. Weil er dafür keine Belege einreichte, lehnte Pinter die Sanierung des Betriebs ab. „Zwei bis drei Wochen“ wurden Dietmar Pfingsten eingeräumt, um „80 bis 90 Prozent“ der Schulden zu tilgen, heißt es in Pinters Gutachten. Demnach kam der Rettungsversuch aus Altenhagen etwa eine Woche zu spät.

Im September 2008 wurde das Haus der Pfingstens für rund 75 000 Euro verkauft. Das Ehepaar musste mit den drei Kindern ausziehen, fand auf Umwegen eine Bleibe. Eines der Kinder ist inzwischen in psychologischer Betreuung. Die Wut ist groß bei der Familie. Schließlich hatten sie das Haus erst in 2007 von einem Bekannten überschrieben bekommen, den Dietmar und Stefanie Pfingsten lange Jahre gepflegt hatten. Für 25 000 Euro renovierten sie es – ein weiterer Auslöser des Liquiditätsengpasses.

Damit ist der Albtraum für die Pfingstens aber noch nicht vorbei. Am Freitag, 6. März, steht Dietmar Pfingsten in Stadthagen vor Gericht. Dann werden die Ansprüche der IKK und der AOK verhandelt. Und es wird geklärt, ob mit dem Hausverkauf wenigstens auch alle Schulden beglichen werden können.




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