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500 Kilometer Strecke locken aufs Rad

Karsten Meyer ist passionierter Fahrradfahrer; er hat gleich mehrere Fahrräder, die er je nach Gelegenheit benutzt. Meyer ist der sportliche Vertreter der Radfahrerzunft, für die E-Bikes nicht das Richtige sind. „Mit dem einen Rad fahre ich jeden Tag zur Arbeit, aber das kann ich natürlich nicht im Wald einsetzen“, sagt der 44-Jährige. Im Ith oder Hils, dreht er mit seinem Spezialrad, einem Mountainbike, seine Runden – zwischen 100 und 150 Kilometer fährt Meyer pro Woche. Er ist Stammkunde in Hamelns größtem Fahrradfachgeschäft namens „Fun Corner“.

veröffentlicht am 28.07.2010 um 18:37 Uhr

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Dessen Geschäftsführer Rainer Klenke beobachtet in den letzten Jahren einen unvermindert anhaltenden Boom auf dem Fahrradmarkt. Seit 20 Jahren sei er mit seinem Geschäft jetzt schon in Hameln ansässig, und insbesondere in den letzten sechs bis sieben Jahren sei der Umsatz pro Jahr um rund 20 Prozent gestiegen. Anja Picker, Geschäftsführerin des Fachgeschäfts „Zweirad Reese“, das zwischen Porta Westfalica und Rinteln in Eisbergen liegt, stimmt dem zu, allerdings, räumt sie ein: „Ganz so hoch sind unsere Wachstumsraten nicht, aber in der Tat: Seit vielen Jahren steigt die Nachfrage stetig.“

Die Gründe für die ungebremste Nachfrage nach Fahrrädern sind vielfältig, da sind sich die Händler im Weserbergland einig, denn vom Kinderfahrrad bis zum hochwertigen Titanrad wird nahezu alles angeboten, wie Meiko Schrick, Mitarbeiter von „Zweirad Sommer“ in Höxter, weiß: „11 500 Euro hat eines der beiden handgeschmiedeten Titanfahrräder gekostet, das ich einem Paar verkauft habe.“ Der Rahmen werde als Einzelstück in den USA gefertigt, die Anbauteile seien „nur vom Feinsten“, teilt Schrick mit.

Das größte Umsatzplus verzeichnen die Fahrradhändler derzeit aber bei den sogenannten E-Bikes, Fahrräder mit einem kleinen Elektromotor. Schon seit einigen Jahren, vor allem aber im letzten Jahr, hat der Markt in diesem Bereich drastisch zugelegt. Gerade im ländlichen Bereich, so Picker, entwickle sich das Elektrofahrrad immer mehr zum Kassenschlager. Der in Hameln ansässige Zweiradhändler Stephan Troche hat in diesem Jahr bereits mehr als 20 dieser Drahtesel verkauft und rechnet damit, dass die Absatzzahlen die des Vorjahres noch übertreffen werden. Zwischen 1500 und 1800 Euro kostet so ein handelsübliches E-Bike, aber es gibt auch Spezialangebote. Troche: „Es gibt auch Fahrräder, deren Motoren eine Geschwindigkeit von 45 Stundenkilometer erreichen können.“ Diese Fahrräder sind dann aber versicherungs- und führerscheinpflichtig. Mit einem Schmunzeln fügt er hinzu: „Allerdings ohne Helmpflicht.“ Schrick ergänzt: „Die Entwicklung bei den E-Bikes macht rasante Fortschritte, immer mehr Anbieter strömen auf den Markt, und die Entwicklung, beispielsweise bei der Antriebstechnik, wird enorm vorangetrieben.“

Klenke, dessen Geschäft sich im Wesentlichen auf Sport- und Rennräder sowie auf Cross- und Mountainbikes spezialisiert hat, ist noch nicht vollends überzeugt vom Siegeszug des Elektrofahrrads, und das, obwohl auch er schon jetzt elf dieser Räder mehr verkauft hat als im gesamten letzten Jahr. „Das erklärte Ziel der Branche ist es ja, auch die Kunden zu gewinnen, die jeden Tag zur Arbeit fahren, aber dieses Ziel wird derzeit meines Erachtens noch nicht erreicht.“ Picker und Schrick sehen vor allem die Generation „Ü 55“ als Kunden der E-Bikes, wobei Picker einräumt: „Die Nachfrage nach E-Bikes bei den Jüngeren steigt.“ Hauptentscheidungsgrund, so die Geschäftsführerin, sei der gesundheitliche Aspekt.

Mit einem durch Elektroantrieb unterstützten Fahrrad sei es Menschen wieder möglich, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen, die sonst dazu vielleicht nicht mehr in der Lage wären. „Wenn eine Gruppe eine Fahrradtour macht, dann fällt es den Menschen mit einer körperlichen Beeinträchtigung, zum Beispiel Kniebeschwerden oder Herz-Kreislauf-Problemen, schwer, eine solche Radtour mitzumachen.“ An dieser Stelle entpuppe sich das E-Bike als hilfreiche Unterstützung. Ganz zu schweigen vom Spaßfaktor, wie die Fachhändler betonen. Picker freudestrahlend: „Mit dem E-Bike rauf nach Todenmann? Mit dem E-Bike ein Kinderspiel.“ Zwar liegt der Anteil der E-Bikes in der deutschen Fahrradbranche insgesamt nur im einstelligen Prozentbereich, aber mit einem Absatzplus von 36 Prozent im Vergleich zum Vorjahr haben diese Fahrräder durchaus ein Ausrufezeichen in der Branche gesetzt.

Für die meisten Fahrradgeschäfte beginnt die Hochsaison übrigens im Frühjahr, wenn die Radler ihre Zweiräder aus Keller, Garage und Unterstand hervorholen. Dann seien oftmals kleinere oder auch größere Reparaturen fällig, meint Troche. Es sei vor allem der Montag, an dem sich schon vor Ladenöffnung hin und wieder kleine Gruppen vor seinem Geschäft einfänden. „Am Wochenende wird naturgemäß mehr gefahren als unter der Woche“, weiß er. Und auch die Fahrräder der Weserradweg-Touristen bedürften ab und zu einer Reparatur. Picker: „Wenn die Touristen ein Problem mit ihrem Fahrrad haben, dann werden sie vom Stadtmarketing, dem Touristikverein oder auch den Hotels direkt zu uns geschickt.“

Auch der in Uchtdorf ansässige Fahrradhändler Fred Hoppe beteiligt sich an der Reparatur von Touristenfahrrädern, allerdings liegt sein Geschäft rund sechs Kilometer außerhalb Rintelns. „Es kommt vor, dass einer meiner Kollegen mich bittet, eine Reparatur zu übernehmen, damit möglichst alle Kunden schnell bedient werden können“, klärt er auf. Auch er beobachtet den E-Bike-Trend seit Jahren und meint: „Die Leistungsfähigkeit der Akkus der Elektromotoren steigt stetig.“ Die Reichweite eines voll aufgeladenen Akkus reicht, abhängig vom Körpergewicht des Fahrers und der Beschaffenheit der Strecke, in der Regel zwischen 50 und 80 Kilometer. Wer seinen Radius erweitern möchte, könne sich einen zweiten Akku besorgen, allerdings seien die Kosten enorm hoch, wie Troche mahnend betont.

Dennoch: Die Kunden lassen sich ein neues Fahrrad etwas kosten. Die Fahrradhändler haben sich längst von dem Preiskampf mit Billiganbietern losgesagt. Allzu oft seien es nämlich genau diese Fahrräder, die als Superschnäppchen irgendwo gekauft und später in einem der Fachgeschäfte des Weserberglands funktionseingeschränkt oder gar fahruntüchtig vorgestellt werden.

„Und dann sollen wir das Desaster beheben. Möglichst sofort, möglichst billig“, ist zu hören. 400 bis 700 Euro lauten die günstigsten Angebote der Fachhändler, die allerdings auch Sonderangebote vorhalten. Klenke: „Natürlich kommt es auch mal vor, dass ich ein 500-Euro-Rad für 300 Euro oder weniger anbiete.“ Aber das ist die Ausnahme. Kein Wunder, denn der Durchschnittspreis der im letzten Jahr in Hamelns „Fun Corner“ verkauften Fahrräder betrug rund 1100 Euro.

Wenn es noch etwas gibt, was im Fahrradmarkt bemerkenswert ist, dann ist es laut Stephan Troche, dass die Radfahrer sich nur ungern von ihrem Fahrrad trennen, selbst dann nicht, wenn die Reparaturkosten so hoch sind, dass sich ein Neukauf lohnt. Auch im eher ländlichen Eisbergen ist das keine Seltenheit, wie Anja Picker meint: „Auch ein Fahrrad wächst den Menschen ans Herz, und deswegen investieren die Kunden eben lieber einige Euro mehr, als sich ein neues Rad zu kaufen.“

Überhaupt nicht verwunderlich ist, dass das Fahrradparadies entlang der Weser auch für solche Gäste Angebote bereithält, die nicht ihr eigenes Fahrrad mitbringen wollen oder können. Der Verein Weserbergland-Tourismus hat eigens dafür eine Fahrradverleih-Liste zusammengestellt (http://www.weserbergland-tourismus.de/imperia/md/content/weserbergland/pdf/auskunftslisten/fahrradverleih.pdf). Rund 30 Fahrräder kann etwa Troche zeitgleich ausleihen: „Das Angebot wird von den Touristen gut angenommen, und die Zusammenarbeit mit den heimischen Hotels klappt gut.“ Auch in Höxter stehen bei „Zweirad Sommer“ bis zu 50 Fahrräder zum Ausleihen zur Verfügung.

Und wenn sich der Sommer dem Ende nähert, dann wird es auch bei den Fahrradhändlern der Region ruhiger. In den Wintermonaten laufe das Geschäft dann nicht mehr ganz so gut, berichten die Fahrradspezialisten; dennoch gebe es in dieser Zeit genug zu tun. „Auch im Winter werden Fahrräder verschenkt“, meint Troche, und kleinere Reparaturen fallen immer an.

Ganz entgegen diesem Trend macht sich die kalte Jahreszeit bei Klenke überhaupt nicht bemerkbar. „Rund 50 Prozent unserer Räder verkaufen wir übers Internet“, sagt der Geschäftsführer. Diese Tatsache in Kombination mit der Spezialisierung auf das sportliche Segment des Fahrradmarktes habe sogar dafür gesorgt, dass im November des letzten Jahres der drittstärkste Monatsumsatz erzielt worden sei.

Für Radler liegen die Vorzüge des Weserberglands auf der Hand: 500 Kilometer ausgebaute Radwege entlang der Weser, umringt von Bergen und Hügeln. Der Fahrradmarkt ist im Aufwind. Allen voran: E-Bikes, die die Körperleistung unterstützen.

Karsten Meyer (l.) lässt sich von Rainer Klenke ein hochwertiges Fahrrad zeigen. Fotos: roh




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