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Frauenbild im Spiegel historischer Wahlplakate – und was junge Sommeruni-Studentinnen davon halten

„Über das Stimmrecht führt der Weg zum Glück“

Rinteln (crs). Noch Mitte des vergangenen Jahrhunderts lässt sich das Frauenbild der SPD auf eine allzu einfache Formel bringen: „An der Seite des Mannes ist der Platz der Frau.“ So schlicht, so simpel sehen es die Sozialdemokraten auf ihrem Plakat zur Bundestagswahl 1949. Und ernten Kopfschütteln bei den jungen, selbstbewussten Studentinnen der Sommeruni, die ihre Rolle in der Gesellschaft komplett anders definieren: „Dass Frauen auf ihren Platz an der Seite eines Mannes reduziert werden, ist aus heutiger Sicht unvorstellbar“, sagen Rebecca Zückert, Anna Sophie Boldt und Federica Gei. Und ergänzen: „Zum Glück!“

veröffentlicht am 18.07.2010 um 18:11 Uhr
aktualisiert am 07.05.2017 um 12:09 Uhr

Nicht nur Rechte, auch Pflichten: So sieht es die SPD im Jahr 19

Die drei jungen Frauen sind unter den rund 50 Gästen der Sommeruni-Matinee, mit der gestern Vormittag im Foyer der Sparkasse in der Klosterstraße die Ausstellung „…um die Stimmen der Frauen“ eröffnet wurde – eine Ausstellung, die das Frauenbild der Parteien im Spiegel ihrer Wahlplakate der vergangenen neun Jahrzehnte zeigt. Und auf eindrucksvolle Weise in Erinnerung ruft, dass das Frauenwahlrecht jünger ist als bloße Annehmlichkeiten wie zum Beispiel die Fernsehtechnik oder die U-Bahn. Seit 1919 erst dürfen Frauen in Deutschland wählen, 1906 hatte Finnland als erster europäischer Staat das Frauenwahlrecht eingeführt.

„Fordert das Stimmrecht, denn nur über das Stimmrecht geht der Weg zur Selbstständigkeit und Ebenbürtigkeit, zur Freiheit und zum Glück der Frau!“ Anno 1875 noch war diese Forderung der Schriftstellerin und Frauenrechtlerin Hedwig Dohm wirkungslos verhallt – „Obrigkeit ist männlich, das ist ein Satz, der sich eigentlich von selbst versteht“, mit diesem Verweis auf eine gleichsam natürliche Ordnung der Dinge schloss nicht allein der Publizist Heinrich von Treitschke Ende des 19. Jahrhunderts die politische Einflussnahme von Frauen aus. Schließlich, so befürchteten bürgerliche Parteien als Replik auf die sozialdemokratische Forderung eines Frauenwahlrechts, werde dieses „die merkwürdigsten und bedauerlichsten Folgen“ haben. Immerhin: Die Sozialdemokraten setzten sich durch, 1919 wurden erstmals 37 Frauen in ein deutsches Parlament gewählt. „Eine Selbstverständlichkeit“ nennt Parlamentarierin Marie Juchacz das neu geschaffene Frauenwahlrecht.

„Und auf einmal waren Frauen die am heftigsten umworbene Zielgruppe“, verweist die freiberufliche Historikerin Dr. Karin Ehrich bei der Vernissage auf die damals rund 18 Millionen Wählerinnen. Nahezu zeitgleich wurde das Wahlplakat als Medium zur Beeinflussung der Wählergunst freigegeben – und so dokumentieren historische und aktuelle Wahlplakate von Reichs- und Bundestagswahlen, wie die Parteien ganz spezifisch um die Gunst weiblicher Wähler werben.

Dr. Karin Ehrich
  • Dr. Karin Ehrich

Und selbige auch ermahnen: „Gleiche Rechte – gleiche Pflichten“ postuliert beispielsweise die SPD im Jahre 1919. „So ganz trauten die Sozialdemokraten den Frauen offenbar nicht…“, deutet Ehrich. Wohl zu Recht: In den ersten Jahrzehnten gaben die Frauen ihre Stimmen in der Mehrheit den Parteien des christlich-konservativen Spektrums, die sich in ihren Wahlplakaten einer Inszenierung eines traditionellen Rollenbildes verschrieben hatten: „Sorgt für unsere Zukunft“ titelte beispielsweise die christlich-katholische Zentrums-Partei 1928 vor der Abbildung einer glücklichen Mutter-und-Kind-Szene.

Dieses Festhalten am tradierten Klischee hält sich bis in die sechziger Jahre hinein: „An Tagespolitik haben Frauen eher kein Interesse, die gesellschaftliche Rolle als Hausfrau und Mutter wird betont“, schildert Ehrich die Aussage der Wahlplakate. Seit den Siebzigern endlich werden die Weiblichkeitsklischees durchbrochen: Mehr Frauen sind erwerbstätig, studieren, sind politisch interessiert.

Wie Rebecca, Anna Sophie und Federica, die Studentinnen der Sommeruni. „Es ist schon spannend, wie lange die Frauen das mitgemacht haben, nicht wählen zu dürfen“, wundert sich die 18-jährige Rebecca Zückert aus Peine. Und sieht nicht nur im politischen, sondern auch im gesellschaftlichen Leben im Jahr 2010 die Gleichberechtigung von Frauen als eine noch immer andauernde Aufgabe an: „Im Verborgenen ist es vielleicht gerade auf dem Land auch heute manchmal noch so, dass einige Frauen erst mal auf das hören, was ihr Mann ihnen so sagt.“




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