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Überall Öl – aber wer rechnet denn damit?

Es gibt nichts Schöneres, als an einem Sonntagmorgen einfach liegen zu bleiben. Als meine Tochter mich weckt, ist es gerade einmal kurz nach neun. „Papa, wir fahren jetzt zu Oma. Bis heute Mittag.“ Hurra, denke ich, dann gehört der Vormittag alleine mir. Statt aufzustehen, mich anzuziehen, schnappe ich mir mein Netbook und gehe schnell wieder zurück ins Bett. Die Sonne scheint. Es wird ein schöner Tag da draußen. Aber das ist mir jetzt egal.

veröffentlicht am 04.07.2010 um 18:06 Uhr
aktualisiert am 06.07.2010 um 11:42 Uhr

Von Lars Lindhorst

Es gibt nichts Schöneres, als an einem Sonntagmorgen einfach liegen zu bleiben. Als meine Tochter mich weckt, ist es gerade einmal kurz nach neun. „Papa, wir fahren jetzt zu Oma. Bis heute Mittag.“ Hurra, denke ich, dann gehört der Vormittag alleine mir. Statt aufzustehen, mich anzuziehen, schnappe ich mir mein Netbook und gehe schnell wieder zurück ins Bett. Die Sonne scheint. Es wird ein schöner Tag da draußen. Aber das ist mir jetzt egal. Ich starte meinen Hightech-PC aus dem Billigdiscounter, schlage das Kopfkissen locker hinter meinem Rücken auf und freue mich auf Müßiggang.

Beim virtuellen Spaziergang durch das Internet stoße ich auf die vielversprechende Nachricht: Der Ölkonzern BP will im Laufe der Woche ein zusätzliches Auffangschiff einsetzten. Dadurch soll im Katastrophengebiet im Golf von Mexiko das tägliche Absaugvolumen verdoppelt werden. Täglich strömen rund 60 000 Barrel Öl ins Meer, heißt es. Mit dem zusätzlichen Pumpschiff sollen dann 80 Prozent des täglich austretenden Öls aufgefangen werden. Aha, Wahnsinn, sage ich mir. Während sich im Golf von Mexiko die Tüftler der Mineralölwirtschaft beim Schließen der Bohrlöcher gegenseitig an Originalität und Absurdität übertreffen, verrecken unzählige Tiere im Ozean. Fischerei und Strandtourismus sind schon größtenteils verboten worden. Die Küsten am Golf sind über Jahre hinweg verseucht. Wegen Öl werden Kriege geführt, in denen Menschen sterben. Wegen Öl ist unsere Luft verpestet. Wegen Öl ist die globale CO2-Bilanz am Abgrund. Und BP will seinen Aktionären die Dividenden streichen. Hurra!

Blödes Öl, denke ich. Öl, Öl, Öl. Alles dreht sich in dieser Welt ums schwarze Gold. Öl ist der Lebenssaft der Erde, und es macht sie kaputt. Die innere Ruhe, die ich an diesem Sonntag bis gerade eben noch hatte, ist mit einem Schlag vorbei. Aus dem Halbschlaf gerissen frage ich mich: Kann ich eigentlich gänzlich auf Öl verzichten?

Immerhin: Für heute bin ich schon mal fein raus. Es ist ja Sonntag, ich habe frei und muss nicht zur Arbeit. Getrost kann ich mein Auto also stehen lassen. Aber selbst, wenn ich morgen ökologisch pendle, so braucht mein Omnibus doch auch Dieselkraftstoff – gewonnen selbstverständlich aus Öl. Aber es bliebe ja noch mein abgetakeltes Mountainbike. Das hat die besten Zeiten zwar schon hinter sich, aber zumindest muss ich es nicht betanken. Gute zwölf Kilometer Fahrstrecke sollten nicht das Problem sein. Nicht im Sommer; nicht, wenn die Sonne scheint wie heute.

Moment! Mich laust der Affe. Mein alter Drahtesel ist blau lackiert. Und wenn ich mich recht erinnere …

Mittlerweile sitze ich aufrecht im Bett. Google sagt mir, dass Lack aus Rohöl hergestellt wird. Na, prima. So wird das nichts mit meinem Öl-Verzicht. Ich kann’s nicht glauben und greife zum Telefon. Mein Freund Cornelius geht nach dem dritten Klingeln dran. Ein Glück – Cornelius ist schließlich diplomierter Verfahrenstechniker und recycelt Schrott in einem der größten Stahlwerke Europas. Der kann mir sicher helfen. Es ist jetzt kurz nach zehn Uhr. Mein Magen knurrt. Cornelius erklärt mir, dass die Elemente Kohlenstoff und Wasserstoff Grundlage aller organischen Verbindungen sind. Und in Erdöl sind eben Riesenmengen davon enthalten. In allen Variationen, in sogenannten Ketten, wie er mir erzählt. Erdöl sei so reichhaltig an verschiedenen Kohlenwasserstoffverbindungen, dass es als Grundstoff für unzählige andere Stoffe dient. Und letzten Endes werde auch Stahl mit Öl gekocht.

Mit diesen erleuchtenden Informationen ist das Fahrrad als Fortbewegungsmittel gestrichen. Ich müsste also zu Fuß zur Arbeit gehen. Und was ist mit meinen Schuhen? Mit den Gummisohlen, die mich tragen? Kann ich auf asphaltierten Wegen wandern? Was ist mit meiner imprägnierten Allwetter-Jacke, die mich gegen Regen schützt? „Ist überall Öl drin“, sagt Cornelius. Ich danke dir, mein Freund. Es ist zum Verrücktwerden. Soll ich jetzt nackt zur Arbeit gehen?

Ich habe zwar keine Ahnung von Chemie. Aber so viel ist mir nach dem Telefonat mit Cornelius klar geworden: Öl ist überall. Öl ist nicht nur in Benzin und Diesel enthalten, in Heizöl und in Kerosin für Flugzeuge, sondern auch in Farben und Lacken; in Lippenstiften, Cremes und Nagellack; in Medikamenten und Parfums; in gefärbten Kleidungsfasern; in CD-Hüllen, Knöpfen und im Quietsche-Entchen für die Badewanne. Im Grunde ist sogar ein Erdbeerjoghurt, sofern er nicht aus dem Naturkostladen stammt, ölverschmiert. Die Grundlage von Erdbeer-Aroma und allen anderen künstlichen Aromen ist auch organisch, eine Kohlenwasserstoffverbindung.

Mir kommen die 60 000 Barrel Öl wieder in den Sinn, die täglich in den Ozean strömen. Es ist an der Zeit, endlich aufzustehen. Mein Magen knurrt immer noch. Ich habe Hunger. Aber bevor ich mir ein tiefgekühltes Brötchen in den Backofen schiebe und ein bisschen Öl verheize, greife ich zum Taschenrechner, der griffbereit im Küchenregal liegt: Ein Barrel entspricht rund 160 Liter Volumen. 60 000 Barrel sind demnach 9,6 Millionen Liter. Irgendwie unvorstellbar. Vorhin habe ich noch gelesen, dass rund 14 Millionen Liter Rohöl täglich verbraucht werden. 9,6 Millionen Liter – ein „Klacks“ ist etwas anderes. Und noch eine Zahl lässt mich schlucken: 240 Millionen Tonnen Kunststoffe werden werden jährlich auf der Basis von Öl hergestellt.

Vom ausgiebigen Frühstücken soll mich diese sonntägliche Desillusion aber nicht abhalten. Ich versuche, das Öl zu vergessen und mache mich auf den Weg zum Kühlschrank. Die Neuigkeiten von eben noch im Kopf, öffne ich die Tür und fühle mich erschlagen von einem Meer aus Plastik. Wo ich auch hinsehe: Öl, Öl, Öl. In der Verpackung meines heiß geliebten Scheibletten-Käses, in der gelben Tupperdose, die die Butter schützt, der Orangensaft in der PET-Flasche. Und sogar ein Erdbeerjoghurt lächelt mich geschmackvoll an. Vergiss es, heute esse ich dich nicht, sage ich zu mir und ihm. Ich schlage die Kühlschranktür zu und belasse mein ausgiebiges Frühstück bei einer Tasse Kaffee.

Nun grüble ich schon fast drei Stunden über Sinn und Unsinn von Öl. Gleich ist es 12 Uhr und meine Familie kehrt heim. Denen habe ich jedenfalls einiges zu berichten. Meinen Plan vom „Leben ohne Öl“ verschiebe ich unterdessen auf das Jahr 2050.

Denn ich las vorhin im Internet, dass Experten der Vereinten Nationen damit rechnen, dass das Ölvorkommen dann endgültig verbraucht sein wird. Dann werden wir kein Öl mehr haben, um unsere Häuser zu heizen, unsere Netbooks und Kühlschränke zu betreiben und um Produkte zu erzeugen. Wir werden nicht mehr mit dem Flugzeug unterwegs sein, dann gibt es keinen Sprit mehr, um mit Lkw Lebensmittel in die Geschäfte zu transportieren oder um mit dem Auto zur Arbeit zu fahren. Es gab ja schon mal eine Zeit ohne Erdöl – und es wird wohl auch eine danach geben. Ob ich dann nur noch Baumwollhosen tragen werde, Leinenhemden? Und worin wird dann das Shampoo abgefüllt? Oder kennt jemand einen Supermarkt, der einem das Duschgel oder Waschmittel in einen mitgebrachten Krug abfüllt…?

Alles schimpft auf BP. Der Konzern bekommt die Katastrophe im Golf von Mexiko nicht in den Griff, täglich verenden Tiere. Nicht allein dieses Desaster liefert reichlich Gründe, im eigenen Leben auf Öl zu verzichten. Was nicht so leicht ist.




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