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„Eine Vorform von Facebook“

Adolf Holst als Kalendermann in Auerbachs Kinder-Kalender

BÜCKEBURG. „Adolf Holst als Kalendermann“ war Thema eines Vortrags, den Carola Pohlmann vor dem aus Anlass des 150. Geburtstags des Bückeburger Kinderlyrikers im Landesarchiv veranstalteten Kolloquium gehalten hat.

veröffentlicht am 23.03.2017 um 13:50 Uhr
aktualisiert am 23.03.2017 um 16:46 Uhr

Carola Pohlmann. Foto: bus
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Autor

Herbert Busch Reporter
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BÜCKEBURG. „Adolf Holst als Kalendermann“ war Thema eines Vortrags gewesen, den Carola Pohlmann vor dem aus Anlass des 150. Geburtstags des Bückeburger Kinderlyrikers im Landesarchiv veranstalteten Kolloquium gehalten hat. Bei dem „Kalendermann“ handelt es sich um die zentrale Gestalt in der 1883 in Leipzig erstmals aufgelegten Publikation „Auerbachs Deutscher Kinder-Kalender“.

Gründer August Berthold Auerbach hatte mit dem auf Fragen der jungen und jugendlichen Leser eingehenden Mann eine wegweisende Figur geschaffen. „Es war damals die absolute Ausnahme, so mit Kindern zu kommunizieren“, erläuterte Pohlmann. Der Kalender sei gewissermaßen eine Vorform von Facebook gewesen. Auerbach habe mit dem Kalender publizistische und kommunikationstechnische Modernisierungsmomente entwickelt, die für seine Zeit beispielgebend gewesen seien und über die Kinder- und Jugendliteratur hinausreichten, führte die Leiterin der Kinder- und Jugendbuchabteilung der Berliner Staatsbibliothek aus.

Den Erfolg des Kalenders begründeten nicht zuletzt seinerzeit ungewöhnliche, aufeinander abgestimmte Maßnahmen zur Leserbindung. „Eine Festgabe für Knaben und Mädchen jeden Alters“, hieß es in der Erstausgabe. In der Publikation fand sich außer diversen Beilagen, Gedichten, Rätseln, Liedern, Spielen, Geschichten und Preisausschreiben auch ein Briefkasten.

Diese mehrseitige Plauderecke bestand aus Briefzitaten, Antworten und kleinen Texten, die der Kalendermann zugeschickt bekommen hatte. Auerbach forderte die Kinder schon in der ersten Ausgabe auf, eine Geschichte zu kommentieren und ihm ein ausgetuschtes Bild zu schicken.

Viel Verständnis für

die junge Leserschaft

Auf den Begründer des Kalenders folgten Moritz von Reymond, Julius Lohmeyer und Georg Bötticher, der den Stab des Kalendermannes 1919 an Holst weiterreichte. Dieser verhalf dem Kalender zu einem wesentlich offeneren und weniger pädagogisch-belehrenden Ton als seine Vorgänger. Er zeigte Verständnis und aufrichtiges Interesse für die junge Leserschaft. „Er fungierte als väterlicher Freund und Ratgeber“, so Pohlmann.

Den Erfolg des Kalenders beflügelte überdies, dass Holst zahlreiche Reisen unternahm, um seine Zielgruppe persönlich kennenzulernen. Unterwegs verzichtete er oft auf die Annehmlichkeiten einer Hotelunterkunft und quartierte sich bei seinen Lesern ein. Allerorts schlossen sich Gruppen zusammen, deren Mitglieder stolz Kalenderkinder-Abzeichen trugen und entsprechende Wimpel an ihren Fahrrädern flattern ließen. Schließlich verfügte Holst über eine große Fan-Gemeinde. Seine „Follower“ sorgten dafür, dass „Der Auerbach“ zu seinem 1932 gefeierten 50. Geburtstag seine Anfangsauflage von 13 000 auf rund 100 000 Exemplare gesteigert hatte.

Zwei Jahre darauf erfuhr der Kalender eine bemerkenswerte Zäsur. Holsts Tonfall wurde schneidiger und in der Plauderecke klangen pathetische Töne an. Der Kalendermann bezog eindeutig Position: „… Sieg Heil, wir wollen mit Herz und Hand / für deutsches Volk und Vaterland / mit Wut und Blut bis an den Rand / uns tausendfach verschenken“. Ein weiteres Jahr später wechselte der Grundfarbton von Rot zu Braun, Hitlerjungen und BDM-Mädchen tauchten auf. Unter einem Bild von Adolf Hitler ist zu lesen: „Sind wir auch noch jung und klein / auch uns wirst du heute Führer sein / drum rufen wir auch alleweil / wir lieben dich, Heil Hitler, Heil.“

Es sollte der letzte unter Holsts Regie veröffentlichte Auerbach sein. Der Doktor der Philosophie nahm zum großen Leidwesen seiner Getreuen Abschied. In seiner Abschiedsrede betonte Holst, dass „der Auerbach nun bereits sein neues braunes Kleid“ trage. „Offenbar war es sein Wunsch, dass der politisch konforme Einband dauerhaft verwendet werden sollte“, meinte Pohlmann.

Die Referentin mochte sich hinsichtlich der Rücktrittsgründe vom Herausgeberposten nicht festlegen. „Ich habe verschiedene Ideen, kann sie aber nicht eindeutig belegen“, erklärte die Germanistin. Fraglos habe es in der Auerbach-Gemeinde Widerspruch gegen den Jahrgang 1935 und insbesondere gegen den Einband gegeben. „Ob ihn der Widerspruch verstimmt hat, kann ich nicht belegen“, gab Lohmann zu verstehen.

Bleibt anzumerken, dass Holst mit Albert Sixtus ein Herausgeber nachfolgte, der nationalsozialistisches Gedankengut im Kinderzimmer ablehnte. Der Autor des Bestsellers „Die Häschenschule“ kehrte zum roten Einband zurück und fuhr die NS-Ausrichtung radikal zurück. Die letzte Ausgabe des Kalenders kam 1966 auf den Markt.




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