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Alexandras langer Kampf zurück ins Leben

Ein Handy klingelt. Wieder und wieder. Unruhig wartet Christian Burneleit auf seine Frau Alexandra, die längst zu Hause sein wollte. Und sie geht nicht ans Telefon. Was er nicht wissen kann: Das Handy liegt irgendwo in einem Feld. Erst als ein Rettungssanitäter auf das Klingeln aufmerksam wird und abnimmt, erfährt der junge Ehemann, dass seine Frau gerade einen Unfall hatte und ärztlich versorgt wird. Es ist ein Schicksalstag für die 25-jährige Alexandra Burneleit, der 8. September 2001.

veröffentlicht am 30.07.2010 um 19:50 Uhr

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Sie selbst kann sich an den Unfallhergang nicht erinnern, erst als der Sanitäter sie fragt, ob sie Schmerzen habe, wird sie kurz wach. Das nächste Mal registriert sie, dass ihr schönes neues T-Shirt zerschnitten wird, dann ist sie wieder weg. Was Alexandra noch nicht weiß: Sie ist gelähmt, von der Nase an abwärts bewegungsunfähig. Nur mit den Augen kann sie noch rollen und zwinkern. Drei Wochen Wachkoma folgen, weil sie eine Hirnblutung hat, und sie muss künstlich beatmet werden, dazu ist ein Luftröhrenschnitt erforderlich.

Was dann folgt, ist ein Kampf. Und Alexandra ist eine Kämpferin. Von Anfang an gibt sie nicht auf, sondern kämpft um jedes noch so winzige Stückchen Lebensqualität. Ihre Familie ist täglich vor Ort, auch als sie nach einigen Wochen nach Bad Wildungen in eine Spezialklinik verlegt wird. Sie kann sich nicht bewegen, sie kann nicht sprechen und natürlich auch nicht schreiben, keine Möglichkeit der Verständigung also. Bis ihre Mutter auf die Idee kommt, eine große Buchstabenliste mitzubringen, durch Zeigen auf bestimmte Buchstaben und bestätigendes Augenzwinkern kommt tatsächlich so etwas wie eine Kommunikation zustande. Auf ihrem Handy stapeln sich die SMS von Freunden und Bekannten, und als ihre Mutter ihr eines Tages das Gerät in die Hand legt, schafft Alexandra es, mit dem Daumen eine Bewegung zu machen. Ein Glückstag!

Etwa zehn Wochen lang wird Alexandra künstlich ernährt, so wird auch der Tag, an dem sie das erste Mal mit normalem Essen gefüttert werden darf, zu einem Freudentag. Sie ist der „Sonnenschein“ der Intensivstation, ihre Augen strahlen Lebensfreude und Lebenswillen aus, und sie will gesund werden, so gesund wie möglich. Und sie arbeitet hart an sich. Eine Seite ist völlig gelähmt, die andere Seite reagiert in ganz kleinen Schritten auf die Therapie. Und so schafft sie es, als Überraschung für ihre Familie, zu ihrem Geburtstag Ende Januar zum ersten Mal nach fünf Monaten mithilfe des Therapeuten einen Moment lang zu stehen. Es ist nur ein Wimpernschlag lang, aber ein Meilenstein auf ihrem Weg.

Szenenwechsel: ein Cabrio in der Fußgängerzone von Rinteln. Am Steuer eine hübsche blonde junge Frau, die unendlich behutsam und umsichtig in den verbotenen Bereich einfährt. Stimmen werden laut: „Eh, hier darfste nicht fahren!“ – „Blöde Kuh, kannst du nicht lesen?“ Alexandra kann sich verbal nicht wehren, denn seit der künstlichen Beatmung sind ihre Stimmbänder geschädigt, sodass sie nur leise sprechen kann. Bis heute kann sie nur wenige Schritte langsam gehen, aber sie kann wieder Auto fahren. Und hat eine Sondergenehmigung vom Ordnungsamt, damit sie mit drei, vier Schritten selbst einkaufen fahren kann. Zumindest vormittags bis 11 Uhr und ab 18.30 Uhr hat sie auch auf diese Art Anteil am „normalen“ Leben in der Stadt, sogar einen Bodega-Besuch kann sie auf diese Art wagen. Alexandra hat lange dafür gekämpft, dass sie wieder ein Auto fahren kann. „Es kam ein Mann vom TÜV mit einem Handicap-Check-Car“, erzählt sie. „Das ist ein Auto, in dem alle nur möglichen Hilfen für Behinderte eingebaut sind, so kann herausgefunden werden, welche Hilfen auf die eigene Behinderung zugeschnitten in ein eigenes Auto eingebaut werden müssen.“ Zu dem Zeitpunkt konnte sie ihren Arm noch nicht so weit bewegen, dass sie mit einem normalen Lenkrad hätte fahren dürfen, „aber ich habe noch ein halbes Jahr trainiert, und dann ging es“, strahlt sie bei der Erinnerung an diese Leistung.

Ihr Kampfgeist und ihr Optimismus brachten ihr nicht nur Erfolge für ihre Bewegungsfähigkeit. 2005 bekam sie als „Kämpferin des Jahres“ einen Preis von „Bild am Sonntag“ und der Techniker Krankenkasse, dabei wurde sie aus Hunderten von Kandidaten ausgewählt. So wurde sie für ihren eisernen Willen und ihren Mut belohnt. „Ich kann es schaffen, auch allein“, sagte sie damals. Gleichzeitig wies sie aber darauf hin, dass ihr ihre Familie besonders wichtig ist und sie es ohne diese Hilfe nicht so weit geschafft hätte. Ihre Familie, das ist vor allem ihr Mann Christian, ihr Sohn Kevin und ihre Mutter Susanne Knecht. Ein wenig ärgerlich wird sie nur, wenn man besonders hervorhebt, dass ihr Mann in der schweren Zeit so zu ihr gestanden hat. „Ich bin doch genau wie vor dem Unfall,“ sagt sie, „ich habe mich doch nicht verändert. Ich kann mich nur schlechter bewegen.“

Für ihren normalen Alltag hat sie einen elektrischen Rollstuhl, mit dem sie oft in der Stadt zu sehen ist, begleitet von ihrem Hund „Balou“, einem Labrador-Bordercollie-Mix. Die beiden sind ein eingespieltes Team. Wenn Alexandra beispielsweise etwas auf die Erde fällt, ist sofort der Hund zur Stelle um es für sie aufzuheben. Oft bringt er ihr auf Wunsch auch bestimmte Gegenstände oder Kleidungsstücke.

Während ihrer Zeit in Rehakliniken und auch im normalen Alltag machte die junge Frau immer wieder die traurige Erfahrung, dass ihre Umwelt „Behinderung“ mit „geistig gestört“ gleichsetzt, und das ärgert sie. „Wo steht geschrieben, dass Behinderte alt, hässlich und doof sein müssen? Und dass Behinderte keinen Spaß mehr haben dürfen?“ Manchmal habe sie den Eindruck, dass man ihr übel nimmt, dass sie jung, hübsch und gepflegt aussieht, was für die gelernte Friseurin selbstverständlich ist.

Seitdem Alexandra selbst behindert ist, fällt ihr besonders auf, mit welchen Problemen man konfrontiert werden kann. „Der neue Jibi beispielsweise hat natürlich Behindertenparkplätze“, sagt sie, „nur sind die nicht direkt am Eingang, sondern ganz hinten in der allerletzten Reihe, wo selbst nicht eingeschränkte Menschen nur im Notfall parken.“ Beim alten Jibi seien diese Plätze direkt am Eingang gewesen, so wie in vielen anderen Läden auch üblich.

Auch der Umgang mit Behinderten ist sehr unterschiedlich. „In manchen Geschäften wird man freundlich behandelt, oft ist das aber nicht der Fall, teilweise gibt es sogar diskriminierende Reaktionen.“ – „Ich möchte vor allem erreichen, dass Behinderte so normal wie möglich behandelt werden“, erklärt sie ihre Bereitschaft, über ihr Schicksal zu sprechen. „Denn ich bin eine ganz normale Frau, die nur in ihrer Bewegungsfähigkeit eingeschränkt ist.“

Bedrückend ist für sie auch häufig das Verhalten ihrer Umwelt. „Aus meinem ehemaligen Beruf als Friseurin – den ich natürlich nicht mehr ausüben kann – kenne ich viele Menschen,“ erzählt sie aus ihrem Alltag, „aber oft gucken die Leute jetzt einfach weg, wenn sie mich sehen.“ Dabei würde ich gern einfach ein Wort reden, bedauert sie. „Es ist sicher oft nur Unsicherheit, aber es tut auch weh.“

Natürlich ist Alexandra Burneleit auch heute noch auf zahlreiche Hilfsmittel angewiesen. „So wie der Stand nach sieben Jahren ist“, erklärt sie, „bleibt es meistens. Viel mehr kann man nicht mehr schaffen.“ Aber auch jetzt gibt sie sich mit dieser Aussage nicht zufrieden und kämpft weiter. Und freut sich über jede noch so winzige Kleinigkeit, die sie ihrem Körper an Bewegungsfähigkeit abringen kann.

Alexandra: „Und vielleicht gibt es ja in Rinteln und Umgebung andere, gerade junge Menschen, denen ich damit etwas Mut machen kann, ihr Schicksal anzunehmen und zu kämpfen. Wenn ich das erreichen kann, das wäre schön.“ Wer dabei ihr strahlendes, Lebensfreude vermittelndes Gesicht mit den fröhlichen Augen sieht, weiß, dass dieser Wunsch von Herzen kommt.

„Man muss schon ein kleiner Egoist sein, um so weit zu kommen“, sagt Alexandra Burneleit. Immerhin hat sie mit diesem Egoismus den mühsamen Weg von der Bewegungslosigkeit bis zum – wenn auch umgebauten – Auto geschafft.




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