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„Alkohol bleibt immer eine Gefahr für mich“

Torsten Bodkamp (Name von der Redaktion geändert) sieht zufrieden aus. Lebenslustig, als ob ihn nichts aus der Bahn werfen könnte. Kaum vorstellbar, dass sich der Stadthäger vor drei Jahren fast zu Tode getrunken hätte.

Bodkamps Geschichte fängt eigentlich unauffällig an. Als 16- Jähriger machte er die ersten Erfahrungen mit Alkohol. Er trank am Wochenende hier und da mal ein paar Bier mit seinen Kumpels. „Es war zu dieser Zeit noch das normale Trinken“, meint der 44-Jährige rückblickend.

veröffentlicht am 10.05.2010 um 10:23 Uhr
aktualisiert am 11.05.2010 um 10:52 Uhr

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Von Jessica Janson

Doch ganz langsam und sogar für ihn selbst nicht zu bemerken, veränderten sich seine Trinkgewohnheiten. Es blieb nicht mehr nur beim Trinken am Wochenende. Wenn er von der Spätschicht nach Hause kam, hatte er schon mit Anfang 20 sofort das Bedürfnis, Alkohol zu trinken. „Damit es keiner mitbekommt, bin ich heimlich auf den Dachboden gegangen.“ Doch seine Verlobte spürte die Veränderung auch am eigenen Leib. „Ich bin unter Alkohol aggressiv und auch handgreiflich geworden“, erinnert Bodkamp sich heute. „Das bedaure ich sehr.“ Seine Verlobte packte ihre Sachen und zog aus, doch sogar dieser einschneidende Schritt bewegte ihn nicht zum Umdenken. Im Gegenteil.

Eines Abends fuhr er mit seinem Auto zu einer Disco. „Ich hatte eigentlich den festen Vorsatz, das Auto stehen zu lassen.“ Doch einige Stunden und viele Getränke später war dieser Vorsatz vergessen. „Ich setzte mich in mein Auto und machte mich auf Nebenstraßen auf den Weg nach Hause. Weil ich dachte, dass dort die Gefahr einer Polizeikontrolle geringer sei“, sagt er. Doch mit 2,8 Promille im Blut blieb er nicht lange unauffällig. „Ich fuhr in ein parkendes Auto und setzte meine Fahrt einfach fort“, beschreibt er seine Tat. Die Anlieger wachten jedoch durch den Lärm auf und alarmierten die Polizei, welche ihn wenig später anhielt.

Auch in dieser Situation wurde Bodkamp durch den Alkohol aggressiv. Er trat einem Beamten vors Schienbein, biss eine Polizistin in den Finger und beschimpfte beide lautstark. Ein zweiter Streifenwagen musste zur Verstärkung kommen. Es folgten über 24 Stunden in der Ausnüchterungszelle. „Ich musste so lange da bleiben, bis ich 0,1 Promille hatte.“

Der Führerschein war natürlich weg, doch Bodkamp hatte nur eines im Kopf. „Als ich nach Hause gekommen bin, habe ich mir erst mal was zu trinken geholt.“ Wirklich beeindruckt hat ihn diese Episode damals nicht. „Natürlich habe ich mir vorgenommen, zukünftig ein wenig weniger zu trinken, aber ich bin nicht auf die Idee gekommen, dass ich ein Problem habe.“

„Richtig schlimm“ wurde Bodkamps Alkoholkonsum seiner Ansicht nach erst mit Mitte zwanzig, als er zur Bundeswehr musste. „In dem Jahr kann ich eigentlich die Tage zählen, an denen ich nicht getrunken habe.“ Der morgendliche Appell sei oft eine einzige Torkelei gewesen, denn nicht nur er habe dem Alkohol zugesprochen. „In meiner Stube ging es richtig zur Sache. Trinkspiele gehörten eigentlich zum Abendprogramm.“

Und auch bei der Bundeswehr geriet er mit den Vorschriften in Konflikt, landete eine Woche im Arrest – eine Woche ohne Alkohol. Und hier realisierte Bodkamp zum ersten Mal, dass er ein Problem hat. „Ich hatte zwar keine körperlichen Entzugserscheinungen, aber ich hatte die ganze Zeit im Kopf, dass ich Samstag rauskomme und dann wieder trinken darf.“

Nach Ende seiner Dienstzeit machte seine Abhängigkeit dem damals 26- Jährigen zum ersten Mal einen Strich durch seine Zukunftsplanung. „Ich wäre gerne bei der Bundeswehr geblieben, aber aufgrund meiner Vorgeschichten haben sie mich abgelehnt.“

Bodkamp wechselte also in seine alte Firma, in der er als Maschinenführer arbeitete. Nach kurzer Zeit wurde ihm dort eine Stelle in der Nachtschicht angeboten, die er dankend annahm. „Keine Chefs in der Firma und viel Geld, für das ich wieder Alkohol kaufen konnte“, erklärt er seine damalige Entscheidung.

Während der Arbeitszeit trank er zu dieser Zeit noch nicht, er hatte zu viel Angst, seinen Arbeitsplatz zu verlieren. Doch er hatte ein Feierabend-Ritual. „Nach der Frühschicht ging ich mit ein paar Kollegen zur Tankstelle nebenan und trank ein oder zwei halbe Liter Bier.“ Das reichte, um ihn für den Tag zu beruhigen. Samstagabends ging er dann feiern und langte dort noch einmal richtig zu. Sonntags trank er nicht. „Ich habe versucht, alles nach Plan zu machen. Und bis ich 30 wurde, konnte ich dieses Pensum auch in etwa halten.“

Als er 33 Jahre alt war, trat eine neue Frau in sein Leben. „Ich sah sie vor allem sonntags, da ich ja samstags trinken gegangen bin.“ Sie war die Erste, erzählt Bodkamp, die ihm sagte, dass sein Trinkverhalten nicht normal sei. Er hatte einen Flachmann mit Korn geleert, den er in ihrem Kühlschrank stehen sehen hatte.

Doch er war auch in dieser Beziehung nicht bereit, an sich zu arbeiten. Seine Freundin, die zwei kleine Kinder hatte, stellte ihn vor die Wahl: entweder sie oder der Alkohol. „Geh doch“, war Bodkamps Antwort.

Zu Bodkamps morgendlichen halben Litern gesellte sich im Laufe der Zeit ein Flachmann dazu, irgendwann nahm er noch einen Flachmann für zu Hause mit. Zu dieser Zeit lernte Bodkamp die Frau kennen, die später die Mutter seiner Tochter werden sollte. Diese Frau und vor allem ihre Schwangerschaft brachten ihn zum ersten Mal dazu, an seiner Lebensweise zu zweifeln. „Ich habe erkannt, dass es weniger werden muss und dass ich vor allem nicht mehr zu Hause trinken kann.“

Doch trotz dieses festen Vorsatzes fand er weiterhin Schlupflöcher. Immer häufiger holte er abends etwas zu essen, um unterwegs an der Tankstelle ein oder zwei Flachmänner trinken zu können. „Zu dieser Zeit war der Alkohol wohl schon entscheidend für mein Wohlbefinden“, sagt er rückblickend.

Seine Freundin wollte schließlich gerne mal ein ganzes Wochenende mit ihm verbringen. Ohne Alkohol. „Ich habe mich sofort gefragt, wie das gehen soll. Und zu diesem Zeitpunkt fingen dann die Notlügen an.“ Er sagte ihr also, er habe zu viel zu tun und schaffe es am Samstag nicht – und ging zum Trinken aufs Bückeburger Stadtfest.

Aufgewacht ist er im Krankenwagen, wo er randalierte, einem Sanitäter in den Finger biss und ihm dann erzählte, er habe Aids. „Ich kann mir heute nicht mehr erklären, wieso ich das gemacht habe. Das muss schlimm für den Mann gewesen sein.“ Die Sanitäter brachten ihn zur Entgiftung nach Bad Rehburg, damals Fachabteilung des Landeskrankenhauses Wunstorf.

Zu dieser Zeit begann Bodkamp, auch auf der Arbeit zu trinken. „Ich betrank mich nicht, aber zwei Flachmänner hatte ich immer in der Tasche.“ Irgendwann bekam der Arbeitgeber etwas mit, da immer wieder leere Bierdosen und Flaschen gefunden wurden. „Die kamen zwar nicht alle von mir, aber jeder Arbeitnehmer wurde befragt.“

Torsten Bodkamp bekam Angst um seinen Arbeitsplatz und es begann ein neuer Abschnitt in seiner Trinkerkarriere – das Quartalstrinken. „Ich trank wochenlang gar nichts. Aber nach etwa sechs Wochen war das Bedürfnis dann so groß, dass ich alles aufholte.“ Zu dieser Zeit half schon kein Bier mehr. Er trank den Wodka flaschenweise, meldete sich immer öfter auf der Arbeit krank.

Mit der Zeit wurden die Zeiträume, in denen Bodkamp nichts trank, immer kürzer, die Trinkphasen immer länger. „Ich bekam eine Abmahnung von der Firma. Denen war damals klar, dass ich Alkoholiker bin, mir selbst noch nicht.“ Gleichzeitig hatte er auch seinen ersten körperlichen Zusammenbruch.

Da beschloss er, zu den offenen Treffen bei der Diakonie zu gehen. „Ich hatte das Gefühl, ich müsse irgendwas tun. Wirklich bereit dazu war ich jedoch nicht.“ Er hatte die Hoffnung, dass es ihm durch die Treffen besser gehen würde, ohne dass er selbst etwas dazu tun müsse. Auf Anraten des Therapeuten bei der Diakonie nahm er seine erste Langzeit-Entziehungskur in Angriff. „Ich war 16 Wochen weg. Habe das aber eher als schönen Urlaub gesehen. Ehrlich gesagt ging mir das ziemlich am Arsch vorbei.“

Nach dieser Kur hat er tatsächlich ein Jahr nicht getrunken. Gut ging es ihm dabei jedoch nicht. „Ich war immer mies gelaunt, habe es aber durchgezogen. Meine Firma hatte ja ein Auge auf mich.“

Irgendwann ist er dann mit Bekannten weggegangen und hat ein kleines Bier getrunken. „Das war der Anfang vom Ende. Es hat mich um Jahre zurückgeworfen.“ In der folgenden Zeit ist er teilweise vier Tage lang nicht zur Arbeit gegangen. Seine Hände zitterten zu dieser Zeit schon so stark, dass er keine Schnapsgläser mehr halten konnte. „Also trank ich den Wodka einfach aus der Flasche. In den Hochzeiten bis zu sechs Flaschen am Tag. Mein Leben bestand nur noch aus schlafen und trinken.“ Auch gegessen hat er nicht mehr. Zum Schluss wog er nur noch 44 Kilogramm.

Noch heute sagt er, seine Nachbarin habe ihm damals das Leben gerettet. „Wenn es mir ganz schlecht ging, rief sie den Krankenwagen und besorgte mir eine Überweisung zur Entgiftung.“ Zehnmal war er insgesamt in Bad Rehburg, zweimal in Wunstorf. Seine Freundin hatte ihn mit der gemeinsamen Tochter schon verlassen, 2006 verlor er seinen Job. „Das hieß für mich eigentlich nur: Jetzt kann ich jeden Tag trinken.“

Zum Schluss trank Bodkamp 27 bis 30 Flaschen Wodka in der Woche, dazu kamen zwei Mülltüten voller Bierdosen. Er war körperlich und seelisch am Ende. Und doch fehlte ihm der Anstoß, um seine Sucht zu bekämpfen.

Bei seiner letzten Entgiftung rief seine Tochter in Bad Rehburg an und sagte: „Papa, zu deiner Beerdigung komme ich nicht.“ Kurze Zeit später saß die damals Neunjährige in der Wohnung ihrer Mutter auf der Fensterbank und wollte springen. Als Bodkamp das erzählt, muss mit den Tränen kämpfen. „Ich habe zwar nicht bei meiner Tochter gewohnt, aber trotzdem hat sie natürlich etwas mitbekommen“, sagt er. „Es tut mir so leid.“

Er verstand, dass er etwas tun muss. Er arbeitete an sich, damit seiner Tochter nichts passiert. Das Mädchen bekam in der folgenden Zeit Hilfe von einem Kinderpsychiater, er selbst meldete sich zu einer zweiten Langzeitentziehungskur an. „Und diesmal hatte das nichts mit Urlaub zu tun. Es war harte Arbeit.“ Körperliche Schmerzen begleiteten seinen Entzug und er begann erstmals, sich mit sich selbst auseinander zu setzen.

Schließlich erkannte Bodkamp, dass sein Alkoholkonsum durch Angstzustände ausgelöst wurde. „Ich hatte seit meiner frühesten Jugend Angst unter Menschen zu gehen, war sehr unsicher“, reflektiert er heute. „Der Alkohol gab mir Sicherheit und löste meine Hemmungen.“

Nach der Langzeitkur, die jetzt zwei Jahre her ist, nahm er zwölf Monate lang Antidepressiva, um seine Angstzustände in den Griff zu bekommen. Er ging wieder zur Selbsthilfegruppe der Diakonie und pflegte weiterhin Kontakt zu dem dort ansässigen Therapeuten. „Ich brauche diese Gruppe auch heute noch“, sagt er. Die Schilderungen anderer Betroffener und auch die mentale Auseinandersetzung mit der überall lauernden Gefahr helfen ihm, stark zu bleiben. „Ich darf die Gefahr des Alkohols niemals vergessen.“

Noch heute zittern Bodkamps Hände manchmal, und er weiß, dass der Alkohol immer eine Gefahr bergen wird. „Manchmal stelle ich mich im Kaufhaus vor das Alkoholregal und schaue mir die Flaschen an. Um mir zu beweisen, dass ich es ohne kann.“ Mit seiner Tochter hat er heute wieder guten Kontakt.

Mittlerweile ist Bodkamp seit zwei Jahren trocken. Er hat eine neue Arbeit gefunden und ist mit seinem Leben zufrieden. „Ich bin dem Tod noch einmal von der Schippe gesprungen.“

Es fing unauffällig an: Als 16-Jähriger an Wochenenden mit den Freunden trinken gehen ist ja schließlich nichts Außergewöhnliches. Doch bald änderte sich sein Trinkverhalten, er konnte keinen Tag mehr ohne Wodka und Bier aushalten. Doch lange Zeit war ihm nicht bewusst, dass er Alkoholiker war. Bis er dabei war, alles zu verlieren. Torsten Bodkamp erzählt seine Geschichte.

„In den Hochzeiten habe ich bis zu sechs Flaschen Wodka am Tag getrunken“, erzählt Torsten Bodkamp. Dennoch habe er lange Zeit nicht gemerkt, dass er Alkoholiker war. Erst ein Anruf seiner damals neunjährigen Tochter brachte ihn zur Besinnung. Foto: tol




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