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Kleine Rätsel Schaumburgs: Wie der erste Dauercamper ans Steinhuder Meer kam

Als Heilprediger durchs Land gezogen

Landkreis (lsb). Campen Anfang des 20. Jahrhunderts? Für die damalige Gesellschaft undenkbar! Doch es gab einen, der seiner Zeit weit voraus war: Gustav Nagel war der Erste, der sein Zelt 1907 am Weißen Berg in Mardorf am Steinhuder Meer aufschlug und dort zwei Jahre blieb. Von den Leuten als verrückt eingestuft, war es für ihn normal, auf bescheidene Art und Weise in der freien Natur zu leben.

veröffentlicht am 28.01.2011 um 18:43 Uhr
aktualisiert am 30.10.2016 um 02:42 Uhr

Gustav Nagel mit Hund Struppi. Foto: pr.
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Nagel wurde zu Lebzeiten aufgrund seines Lebensstils verachtet: Im Jahre 1874 in Werben an der Elbe als achtes Kind einer Gastwirtsfamilie geboren, begann er mit 14 Jahren die Ausbildung zum Kaufmann in Arendsee in der Altmark. Doch Nagel erkrankte an einer chronischen Nasen-Rachen-Entzündung.

Vermutungen zufolge war dieses Schicksal der Grund für seinen Geisteswandel. Fortan wollte er außerhalb einer Zivilisation leben, die er für diese Erkrankung verantwortlich machte, und verschwand zunächst im nahegelegenen Wald. Dort baute er sich eine Erdhöhle, in der er zurückgezogen lebte.

Mit 16 Jahren begann Nagel sich vegetarisch zu ernähren und fand Interesse an der Naturheilkunde, unter anderem an den Anwendungen Sebastian Kneipps.

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Meist barfuß und in kurzen Hosen wanderte Nagel später als Naturheilprediger mit seinem Hund Struppi durch Europa und nach Ägypten und erregte überall, wo er auftauchte, Aufsehen. Diese Wanderungen verschafften ihm einen hohen Bekanntheitsgrad, speziell in Deutschland. Allerdings wollten ihm einige seiner Mitmenschen schaden und zerstörten seine zweite Erdhöhle. Im August 1900 wurde er per Beschluss des Amtsgerichts Arendsee entmündigt. Allerdings konnte er dieses Urteil mit Unterstützung einflussreicher Persönlichkeiten widerlegen.

1906 eröffnete er das erste Wannen- und Brausebad in Arendsee, was sich jedoch nicht rentierte. Immer wieder wurde er wegen seiner Lebensweise verurteilt, weshalb er wieder auf Wanderschaft ging und nach Mardorf kam.

1907 erhielt ein Freund im heimischen Arendsee einen Brief, in dem er vom Steinhuder Meer schwärmte: „Grüs got! am steinhuder mer, am nördlichen strand, wo mein zelt jezt stet, heis schin die sonne, – war erkwikkend das waßerbad, koste die köstliche meres luft…“

Während seiner Zeit am Steinhuder Meer, in der viele Anhänger seiner Lebensweise zu ihm pilgerten, schrieb, dichtete und komponierte er. Außerdem arbeitete er unter anderem an einer Rechtschreibreform: Er war der Überzeugung, dass man so schreiben sollte, wie man spricht. Demnach schrieb er seinen Vornamen klein und mit „f“ statt mit „v“.

1910 begann Nagel, ein Sonnen- und Brausebad mit einfachsten Mitteln aufzubauen. Er kaufte sich ein kleines Seegrundstück am Arendsee und begann eine „Heimstätte für Gleichgesinnte“ zu schaffen. Dazu gehörte auch ein großer Obstgarten, den er „Paradiesgarten“ taufte.

Unter anderem befand sich auf seinem Grundstück eine Wohnbaracke, ein Taubenstall und am Seeufer gab es am Bootssteg sogar ein Taufbecken.

Alljährlich kamen Tausende Besucher zu ihm, hörten sich seine Predigten an und kauften seine selbst hergestellten Säfte und andere Naturprodukte, wodurch er, laut Vegetarierbund zeitweise der größte Steuerzahler der Stadt war.

Im Jahr 1924 gründete Nagel die „Deutsche kristliche Folkspartei“ und kandidierte mehrmals für den Reichstag, erhielt jedoch nie genügend Stimmen, um eintreten zu können. Als der Nationalsozialismus an die Macht kam, protestierte er gegen die Judenverfolgung sowie später auch gegen den Krieg selbst, wodurch seine Schriften 1938 verboten wurden.

Im Jahr 1943 wurde Gustav Nagel aus „politischen Gründen“ in das Konzentrationslager Dachau gebracht. Von dort brachte man ihn ein Jahr später in die Nervenheilanstalt Uchtspringe. Im Alter von 78 Jahren starb Nagel 1952 an Herzversagen während seines Aufenthalts in Uchtspringe.

Aus Nagels ersten beiden Ehen stammen vier Söhne, von denen er jedoch seinen ersten Sohn aus unbekannten Gründen nicht anerkannte.

1996 gründeten Einwohner Arendsees die „Arbeitsgruppe Gustav Nagel“ mit dem Ziel, seine Gedanken und Werke für die Nachwelt zu erhalten. Seitdem wird jedes Jahr in Arendsee ein „gustaf-nagel-Tag“ gefeiert.

Bis heute lebt „gustaf nagels“ Zeitgeist bei Anhängern der Grünen, Vegetarier und Natur- und Tierfreunden weiter. In der alternativen Medizin wird das praktiziert, woran er schon vor 100 Jahren geglaubt hat – doch damals wurde er für verrückt erklärt.

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