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Museum übergibt Teile der Sammlung des Paläontologen Max Ballerstedt an die Uni Göttingen

Als noch Dinos durch den Harrl spazierten …

Bückeburg (rc). Dort wo heute Bückeburg und der Harrl liegen, sah es in der Unteren Kreidezeit, also vor etwa 140 bis 145 Millionen Jahren, noch ganz anders aus. Die Gegend war Teil eines riesigen Flussdeltas, der Südrand eines großen Süßwassersees, der ab und an auch Kontakt mit dem Meer hatte. An den Gestaden stapften Dinosaurier, Riesenschildkröten, kolossale Krokodile und andere Urtiere herum. Sie hinterließen ihre Spuren, wie etwa die kürzlich im Steinbruch Obernkirchen gefundenen Dinosaurierspuren. Oder auch ganze verendete Tiere, die heute noch als Versteinerungen zu finden sind.

veröffentlicht am 06.11.2010 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 05.11.2016 um 15:41 Uhr

Der Bückeburger Max Ballerstedt war einer der ersten, der bis zu seinem Tod 1945 derartige Versteinerungen sammelte. Entweder brach er sie im Harrl selbst aus den Gesteinsschichten der Wealdenzeit, oder aber er vertraute auf Tipps von Steinbrucharbeitern, die ihn das eine oder andere Fundstück beiseite legten. Weit über 1500 Stück sammelte er im Laufe der Jahre und vermachte sie noch zu Lebzeiten dem Gymnasium Adolfinum. Der Landkreis als der Eigentümer gab Teile der Sammlung 1976 als Dauer-Leihgabe an die Georg-August-Universität Göttingen.

Nun sind noch einige Hundert Exponate mehr dazu gekommen. Denn jetzt übergab auch das Museum an der Langen Straße seine Fundstücke der Ballerstedtschen Sammlung an die Uni Göttingen: große Fußabdrücke von Dinosauriern, aber auch kleinere Versteinerungen wie Krokodilschädel, Schildkrötenpanzer, Muscheln und noch vieles mehr. Einige der Stücke waren bis vor Kurzem im Gewölbekeller des Museums ausgestellt, die allermeisten aber schlummerten im Magazin des ehemaligen Burgmannshofes. Im Verlauf der Woche rückten vier Doktoranden und Volontäre der Uni an, sichteten und sortierten und stapelten die Fundstücke und Kisten in Transporter und Anhänger. Wie viele Stücke es insgesamt sind, wussten auch Jahn Hornung, Ben Thuy, Annina Böhme und Tanja Stegemann nicht: „Das müssen wir in Göttingen aufarbeiten.“

Normalerweise trennen sich Museen ungern von ihren Sammlungen. Anders aber hier in Bückeburg. „Wir freuen uns, dass wir die Fundstücke auslagern können“, sagte Wolfgang Vonscheidt, der zweite Vorsitzende des Schaumburg-Lippischen Heimatvereins. Sowohl für Bückeburg als auch die Uni stelle die Dauerleihgabe eine „win-win-Situation“ dar. „Wir geben die Sammlung in professionelle Hände ab, schaffen Platz in unseren Magazinen und die Wissenschaft kann die Fundstücke weiter aufbereiten und so dafür sorgen, dass die Namen Ballerstedt und Bückeburg noch weitere Kreise ziehen.“ Und: Aus der Welt ist die Sammlung nicht. Denn wenn das Museum einmal wieder eine Ausstellung mit der Sammlung machen will, kann es sie zurückholen. Zudem hat die Uni Göttingen zugesagt, das Museum bei den „wunderbaren Stücken, die hier bleiben“ und ausgestellt werden, fachlich zu betreuen.

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Max Ballerstedt. Repro: gp

Für die vier Wissenschaftler beginnt nach dem Transport nach Göttingen erst die eigentliche Arbeit. Die bisher geteilten Sammlungen müssen „zusammengepuzzelt“ werden, geschaut werden, wo Abdrücke zueinanderpassen. In den vergangenen Jahren sei nicht immer sehr sorgsam mit der Sammlung umgegangen worden, Stücke der Sammlung finden sich zum Beispiel auch noch in Münchehagen, im Adolfinum oder gar in Berlin.

Auch die wissenschaftliche Auswertung, welche Spuren oder Tiere in welchen Steinen verborgen sind, steht noch an. Jahn Hornung, der gerade an seiner Doktorarbeit über die Ballerstedtsche Sammlung arbeitet, erwartet zusammen mit dem Projektkoordinator Dr. Mike Reich „sicherlich noch so manche neue wissenschaftliche Erkenntnis. Insbesondere fossile Wirbeltiere sind ein vernachlässigtes Thema. Über viele ist noch nie etwas publiziert worden.“ Von den spektakulärsten Stücken sollen nach Angaben Hornungs Silikonabdrücke gemacht und in Göttingen ausgestellt werden. Der allergrößte Teil wird aber auch in Göttingen in den Magazinen verschwinden, so wie schon die 1976 übergebene Teilsammlung.

Max Ballerstedt (1857 bis 1945) gilt als der Nestor der Dinosaurier-Fährtenforschung in der Region. Er war Lehrer am Adolfinum, wurde vom Fürsten zum Professor ernannt und ging 1907 in den Ruhestand, nachdem ihm eine Schwerhörigkeit immer mehr zu schaffen machte. Danach widmete er sich intensiv den Dinosauriern und ihren Hinterlassenschaften, legte mit der Zeit eine Sammlung an, die heute als die zweitgrößte Privatsammlung gilt. Schon früh veröffentlichte er in Aufsätzen seine Erkenntnisse, war früh davon überzeugt, dass Dinosaurier weit agiler waren, als damals angenommen wurde – eine Lehrmeinung, die sich erst in den sechziger Jahren durchsetzte.




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