weather-image
22°
×

Hunde wurden bis in die 70er Jahre hinein als Nutztiere gehalten / Geldbußen bei Überlastung

Als Zugpferde noch bellen konnten

Der Hund gilt seit alters her als verlässlichster Begleiter des Menschen. Art und Form der Beziehung haben sich jedoch stetig verändert. Hundepsychologen, Hundefriseure und Hundeernährungsberater gab es in früheren Zeiten noch nicht. Und auch Hundefriedhöfe und Hundepullover hätte sich hierzulande bis vor 50 Jahren kein Mensch vorstellen können.

veröffentlicht am 22.12.2012 um 00:00 Uhr

Autor:

Bis in die 1970er Jahre hinein wurden Hunde nahezu ausschließlich als Nutztiere gehalten. Hauptaufgabe war die Bewachung von Haus, Hof und Vieh. Jäger brachten ihren Vierbeinern darüber hinaus das Aufspüren und Heranschaffen von Beute bei; und in Kriegszeiten wurden Hunde auch oft und gern als Kampf-, Melde- und Sanitätskameraden eingesetzt.

Weniger bekannt ist, dass Hunde über Jahrhunderte hinweg auch als „Zugpferde“ dienten. Wann und wo das erste Hundegespann in Schaumburg unterwegs war, ist unbekannt. Überlieferte Einzelhinweise deuten darauf hin, dass Trödler, Wunderheiler und anderes fahrendes Volk ihre Waren – nicht nur hierzulande – bereits im Mittelalter per Hundekarren transportierten. Man kann nur ahnen, was den Tieren dabei aufgehalst wurde. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hatte das Ganze offenbar solche Formen angenommen, dass sich die Obrigkeit zum Eingreifen genötigt sah.

Sowohl in der preußischen Grafschaft Schaumburg (1867) als auch im benachbarten Schaumburg-Lippe (fünf Jahre später) wurden „Polizeiverordnungen über die Benutzung der Hunde zum Ziehen von Fuhrwerken“ erlassen. Danach war das Anspannen von Hunden nur noch mit amtlichem „Erlaubnisschein“ möglich. Interessenten mussten sich und ihr(e) Tier(e) beim örtlichen Polizeiposten vorstellen. Als Führer eines Hundefuhrwerks kamen nur Personen über 14 in Frage. Das auf ein Jahr befristete Genehmigungspapier musste stets griffbereit mitgeführt und auf Verlangen vorgezeigt werden.

2 Bilder
Schwertransport: Die Hundezunge hängt weit heraus. Diese Aufnahme ist um 1930 entstanden.

Offenbar hatten die vor 140 Jahren eingeführten Vorschriften nur wenig Erfolg. Jedenfalls wurden Anfang des 20. Jahrhunderts deutlich verschärfte Bestimmungen erlassen. Zusätzlich zur Ortspolizei musste vor Ausstellung eines Erlaubnisscheins auch der Kreisveterinärarzt mitwirken. Er hatte die körperliche und gesundheitliche Verfassung des Tieres zu begutachten und über dessen Belastungshöchstgrenze zu entscheiden. Verletzte sowie trächtige oder säugende Hündinnen durften „für die Dauer dieses Zustandes“ nicht eingesetzt werden. Auf längeren Strecken waren Pausen einzulegen und die Tiere zu tränken und zu füttern. Dabei mussten sie notfalls „durch Unterlagen oder Zudecken gegen Kälte und Nässe geschützt werden.

Bei Steigungen und auf schlechten Straßen hatte der Gespannführer mit anzupacken. Auf keinen Fall durfte er auf dem Wagen mitfahren oder die Hunde zum Galopp antreiben. Verstöße wurden mit 60 Mark Geldbuße und im Wiederholungsfall mit Gefängnis bestraft. Das passierte unter anderem Carl Cordemann aus Kleinenwieden. Der Kleinlandwirt war des Öfteren von dem beim Landjägeramt Großenwieden stationierten Oberlandjäger Burgenthal ohne Erlaubnisschein erwischt worden.

Andere Gesetzeshüter scheinen es mit der Überwachung nicht so genau genommen zu haben. Tierschutz war noch kein Thema, und das Mitgefühl für vierbeinige Kläffer äußerst begrenzt. Hinzu kam: Die meisten derjenigen, die ihre Waren mittels HS (Hundestärke) bewegen mussten, gehörten zu den Ärmsten der Armen. Das Gros der Erlaubnisscheine wurde nach den im Bückeburger Staatsarchiv aufbewahrten Akten für Kleinhändler, Kleinbauern und Kleinhandwerker wie zum Beispiel Scherenschleifer ausgestellt. Transportiert wurden hauptsächlich „Hökersachen“ wie Bürsten, Streichhölzer, Lederfett, Essgeschirr oder Hosenträger. Mit der Zeit kamen Gemüse, Blumen, Milch, frische Brötchen und Zeitungen dazu. Eine gewisse Blütezeit scheint das Transportmittel vor gut hundert Jahren gehabt zu haben. Nach der Inbetriebnahme von immer mehr Bahn- und Busverbindungen ging es stetig bergab. Der letzte Erlaubnisschein im Schaumbuger Land wurde, soweit bekannt, 1936 ausgestellt.

Welche Hunderassen bevorzugt zum Einsatz kamen, lässt sich aus den Verzeichnislisten nur ansatzweise herauslesen. In den meisten Fällen sind nur Hof-, Hüte- oder Jagdhund vermerkt. Als Höchstbelastungsgrenzen tauchen Werte zwischen 70 und 100 Kilo auf. Schäferhunde, Bernhardiner und Neufundländer wurden auf annähernd 175, und Leonberger (eine Mischung zwischen Bernhardiner und Neufundländer) auf bis zu 200 Kilo taxiert - einschließlich Fahrwerkuntersatz. Zweifachgespannen wurden bis zu 300 Kilo zugemutet. In einem später verteilten Merkblatt wurden die Hundebesitzer zu pfleglichem Umgang mit ihren Tieren ermahnt. Man müsse berücksichtigen, dass „der Hund wegen seines Baues eigentlich nicht zum Zugtier geschaffen“ und der Einsatz deshalb in vielen europäischen Staaten unzulässig sei, so die Behörden. Das Wichtigste seien liebevolle Anerkennung und Zuwendung. „Ein freundlicher Blick und ein gutes Wort seines Gebieters ist dem Hund die größte Freude“.

Von einer solchen Einstellung war das Gros der menschlichen Zweibeiner damals noch weit entfernt. Im August 1927 brachte die die Landes-Zeitung einen Bericht über den in Bückeburg „allgemein bekannten treuen Haushund des Bäckermeisters P. hierselbst“, der seinem Herrn „als Ziehhund viele Jahre treue Dienste geleistet“ habe. „Vor einigen Tagen wurde das Tier, da es vom Bäckermeister als lästiger Fresser empfunden wurde, für 1,30 Mark als Löwenfutter zu einem Zirkus verkauft“.




Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Anzeige
    Anzeige