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Kundgebung: 200 Bückeburger stehen auf dem Marktplatz ein für Toleranz und Vielfalt

Angst frisst die Seele auf

Bückeburg. Ein eindrucksvolles Zeichen für Toleranz und Vielfalt ist am Montagabend auf dem Marktplatz gesetzt worden. Nicht weil die Zahl der Teilnehmer alle Erwartungen der Organisatoren gesprengt hätte, ist die Kundgebung zu einer eindrucksvollen Demonstration geworden; es waren vielleicht 200 Bückeburger, die sich vom Nieselwetter nicht hatten abschrecken lassen. Es sind die nachdenklichen und eindringlichen Worte sämtlicher Redner gewesen, welche der Veranstaltung Kraft und Macht verliehen haben.

veröffentlicht am 27.01.2015 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 14:50 Uhr

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Eingeladen hatte das Lokale Bündnis für Familie Bückeburg, an diesem Abend unter anderem vertreten von Anka Knechtel und Bernd Schierhorn. Wie Schierhorn ins Gedächtnis rief, setzt sich das Bündnis nicht zum ersten Mal „für ein friedvolles Miteinander von Menschen unterschiedlicher Herkunft und Religion“ ein. Auf Initiative des Bündnisses habe der Stadtrat bereits 2011 eine Resolution verabschiedet, die sich für das genannte Ziel stark macht. Vor einem Jahr seien an sechs Ausfallstraßen Ortsschilder um Tafeln ergänzt worden, auf denen es heißt: „Bückeburg – für Demokratie, Toleranz und Vielfalt.“

Bürgermeister Reiner Brombach stellte in seiner Ansprache zwei Dinge heraus. „Wir treten für die Grundwerte ein, die wir für richtig erachten“, sagte er und erinnerte daran, dass in anderen Teilen der Welt „Krieg und Terror tagtäglich gegenwärtig“ seien. In der Folge steige die Zahl der Flüchtlinge, und das „verunsichert und beunruhigt uns alle“. Doch wie damit umgehen? „Zahlreiche Menschen und Institutionen haben beispielhafte Aktivitäten entwickelt, diese Menschen in unserer Gesellschaft willkommen zu heißen.“ Brombach sprach die Ängste derjenigen an, die meinen, unser Land solle sich gegen diesen Zuzug von Flüchtlingen abschotten. „Dies kann und darf aber nicht unsere Einstellung sein.“ Unsere Gesellschaft sei verpflichtet, „alles Menschenmögliche zu leisten, um das Leid Hilfe suchender Menschen zu lindern“. Es gelte jedoch auch, Ängste von Teilen der Bevölkerung ernst zu nehmen, und diese zu überwinden. „Dabei sollten wir uns darüber im Klaren sein, dass die Flüchtlinge mindestens ebenso große Furcht vor dem Unbekannten, dass sie bei uns erwartet, haben – haben müssen, denn diese Menschen haben ihr Land in der Regel nicht freiwillig verlassen.“ Hass und Feindseligkeit seien ungeeignete Ratgeber für das Lösen anstehender Aufgaben.

Für die christlichen Gemeinden Bückeburgs ergriff Pastor Dr. Wieland Kastning das Wort. „Als die sicher Wohnenden bieten wir ganz selbstverständlich den Flüchtlingen Schutz bei uns“, forderte Kastning für eine Gesellschaft, die sich aus dem Erbe der Religion und der Aufklärung die Sorge um den Mitmenschen angelegen sein lasse. Er erinnerte an den ersten Artikel des Grundgesetzes: „Die Würde aller Menschen – gleich welcher Herkunft, Religion, Geschlecht und Weltanschauung – ist unantastbar.“ Kastning sprach „diffuse Ängste vor Überfremdung“ an, und erwähnte im gleichen Atemzug die „konkreten und begründeten Ängste um Leib und Leben vieler, die zur deutschen Minderheitsgesellschaft gehören – Juden, Moslems, Menschen dunkler Hautfarbe – nicht erst seit den Mordtaten des NSU.“ Wir sollten uns hüten „vor Vorurteilen über Menschen, mit den wir nie gesprochen haben“, mahnte der Pastor.

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Und gab sämtlichen Lagern einen Satz des deutschen Filmemachers Rainer Werner Fassbinder als Leitsatz mit auf den Weg: „Angst frisst die Seele auf, zumal wenn ich nicht kenne, vor wem ich mich ängstige.“ Völlig abwegig ist Kastning zufolge die Vorstellung, dass der Islam in seiner religiösen Wurzel gewaltsam sei. „Unsere muslimischen Mitbürger wollen hier in Frieden leben.“ Und mit Blick auf beispielsweise in Dresden Demonstrierende: „Es spricht einiges dafür, dass man auch sehr vielen Pegida-Leuten unrecht tut, wenn man sie in ein finsteres Rechtsaußen stellt.“ Angst habe Gründe. Miteinander reden – dazu gebe keine Alternative. Kastning: „Die Aufgabe besteht darin, endlich einen kritischen Diskurs mit allen Beteiligten zu führen, in welch einem Deutschland wir künftig miteinander leben wollen.“

Als Imam der türkisch-islamischen Gemeinde Bückeburg erteilte Mehmet Kelec jedweder religiös begründeten Gewalt eine klare Absage. „Es bestürzt uns zu sehen, wie der Name unseres Herrn zu Unrecht von Menschen für Morde missbraucht wird.“ Nach dem Islam habe kein Individuum das Recht, sich an die Stelle des Schöpfers zu stellen und über das Leben und den Tod eines Mitmenschen zu richten.“ Kelec zitierte eine Sure des Koran, in der es heißt: „Wer einen Menschen tötet, für den soll es sein, als habe er die ganze Menschheit getötet. Und wer einen Menschen rettet, für den soll es sein, als habe er die gesamte Menschheit gerettet.“ Der Schutz des Leben sei im Islam eines der unumstößlichen Menschenrechte. Kelec plädierte für Freiheit und Vielfalt in der Gesellschaft und forderte, beides müsse unantastbar sein. „Es gilt nicht zu zeigen, dass wir uns innerhalb dieser Gesellschaft gegenseitig dulden, mehr doch, dass wir uns gegenseitig akzeptieren und respektieren, denn wir sind jeder ein Teil eines großen Ganzen.“ Auch der Imam forderte einen breiten Dialog unter den Menschen – von Muslimen, Juden, Christen und Menschen ohne Glauben – also von allen, die für ein friedvolles Miteinander einstehen.




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