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Mitarbeiter des Autositze-Herstellers am Tag danach / Nach 35 Jahren im Betrieb bei jeder Kündigung ein Gesicht vor Augen

Angst und Frust bei Faurecia: „Das setzt dich in die Ecke“

Stadthagen (jcp). Einen Tag nach Verkündung des massiven Stellenabbaus (wir berichteten) sitzt der Schock bei Faurecia-Mitarbeitern tief. In der Eiseskälte haben am Dienstag nicht nur lokale Journalisten die Werkstore belagert, um Stimmen der Betroffenen einzufangen. Viele winkten ab, stapften eilig vorbei – mit ängstlichen, wütenden, aber auch müden Gesichtern.

veröffentlicht am 11.12.2012 um 19:03 Uhr
aktualisiert am 26.10.2016 um 10:33 Uhr

„Ein paar resignieren einfach“, sagt Sandra Homoth. „Es ist ja nicht das erste Mal.“ Die junge Frau arbeitet seit 2007 beim Autositze-Hersteller in Stadthagen. Unter denen, die es jetzt „trifft“, sagt sie, befänden sich auch jene, die sie einmal angelernt haben. „Die haben Familien und Kinder“, weiß Homoth.

Nach der Hiobsbotschaft habe bei der Betriebsversammlung Stille geherrscht. „Das setzt dich in die Ecke“, sagt Homoth. Jeder sei in diesem Moment mit sich beschäftigt, mit Gedanken an die eigene, dunkle Zukunft.

Salim Kisakol zeigt weniger Verständnis. „Das hat mich sehr enttäuscht, diese Ruhe“, sagt er. Der gelernte Kfz-Mechaniker ist vor 21 Jahren aus seinem alten Job zu Faurecia gewechselt. „Da kommt einer und erzählt so was“, ärgert sich Kisakol. „Das ist, als wenn plötzlich einer neben dir steht, die Maschine ausstellt und sagt: So, das war’s.“

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Manfred Kreusel: „Die Perspektiven sind ausgegangen.“

Die Leute, „die reden können“, denkt Kisakol: „Die müssen doch in so einem Moment aufstehen und ’was sagen.“ Aber keiner hätte „Mumm in den Knochen“ gezeigt.

Salim Kisakol hat drei Kinder. „Planen kann ich schon seit zehn Jahren so gut wie gar nicht mehr“, spielt er auf den stetigen Stellenabbau bei Faurecia an. „Aber jetzt ist natürlich endgültig Schluss.“ Von ehemaligen Kollegen wisse der Vater: Bekommt er überhaupt wieder einen Job, wird der wesentlich schlechter bezahlt sein als seine jetzige Stellung.

Seit 35 Jahren arbeitet Betriebsratsmitglied Manfred Kreusel am Standort. Von den Leuten, die über die Jahre geblieben sind, sagt er, kenne er nahezu alle persönlich. Kreusel: „In den Verhandlungen habe ich bei jeder Kündigung ein Gesicht vor Augen.“

Der Betriebsrat werde versuchen zu retten, was zu retten ist. Auch wenn bei Faurecia, so Kreusel, streng genommen die Perspektiven ausgegangen seien. Faktisch bedeuteten die Pläne schließlich das Ende des Produktionsstandortes.

Seine Gedanken niedergeschrieben hat Faurecia-Mann Martin Krügel. „Der Großteil der Beschäftigten hat einen wesentlichen Teil seiner Lebensleistung in die Arbeit bei Faurecia investiert und mit seiner Kraft und seinem Engagement zum langjährigen Erfolg beigetragen.“ Voller Frust heißt es in dem Papier weiter: „Kein Konzernlenker fühlt sich nun für die Zukunft der Menschen an diesem und an anderen ausblutenden Standorten verantwortlich.“

Vor dem Werkstor sagt Krügel nicht minder wütend: „Die Autos sollen die Leute schon noch kaufen.“ Er frage sich nur, mit welchem Geld.




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